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Zeit ist nicht gleich Raum

Der ungeheure Aufschwung der Naturwissenschaften in den ersten Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts stellte das traditionelle religiöse Weltbild vor die gewaltige, bislang bekanntlich ungelöste Aufgabe, die Konzepte von Schöpfung und Schöpfergott mit den neuen physikalischen und biologischen Theorien zu verbinden. Während viele heutige Bestsellerautoren entweder im philosophisch-theologischen oder im naturwissenschaftlichen Bereich dilettieren, gab es damals noch – wenigstens in Einzelfällen – den Typus des universal gebildeten Denkers, der die Ergebnisse unterschiedlichster Disziplinen in einer großen Synthese zusammenzufassen sucht.

Einer der letzten Repräsentanten dieses Typus war der am 18. Oktober 1859 in Paris geborene Philosoph Henri Bergson, der seit dem Ersten Weltkrieg der Spiritus rector der französischen Philosophie war und als einflußreichster Vertreter der Lebensphilosophie gilt. Der enorme Eindruck, den sein Denken auf die Zeitgenossen machte, zeigt sich sowohl in der steilen, von mannigfachen Ehrungen begleiteten akademischen Karriere, die den Sohn eines polnisch-jüdischen Vaters und einer irisch-jüdischen Mutter auf den Lehrstuhl für moderne Philosophie am Collège de France führte, als auch in seiner 1927 in der Auszeichnung mit dem Literaturnobelpreis gipfelnden  Breitenwirkung als Schriftsteller, die ihm freilich auch den – nicht ganz neidlosen – Vorwurf des Literatentums und der „geistreichen Kalligraphie“ (Ludwig Klages) einbrachte.

In der Tat erstreckte sich sein Einfluß, abgesehen von der aufkommenden phänomenologischen Bewegung, die ihm wichtige Impulse verdankt, vor allem auf die philosophisch interessierte Öffentlichkeit sowie auf die Literaturszene. Hier ist in erster Linie Marcel Proust zu nennen, dessen Hauptwerk „À la recherche du temps perdu“ (1913–1927; dt. Auf der Suche nach der verlorenen Zeit) ohne die Auseinandersetzung mit Bergsons Zeitbegriff nicht denkbar wäre.

Die Zeit ist überhaupt das zentrale Thema des Bergsonschen Denkens, und wenn man davon ausgeht, daß jeder bedeutende Philosoph eine Grundfrage im Laufe seines Lebens entfaltet, dann ist die seine die Frage nach dem richtigen Verständnis der Zeit. Die Zeit der Naturwissenschaften – so sein Grundgedanke – ist das bloße Konstrukt einer gleichförmigen „Meßzeit“, die aus der Verräumlichung der realen, nur intuitiv erlebbaren Zeit „reiner Dauer“ (durée) folgt. Indem die mechanistische Naturwissenschaft die Zeit mißt, stellt sie eigentlich den räumlichen Abstand zwischen zwei Punkten fest, den sie auf die Zeit projiziert. Daraus resultieren für Bergson die falschen Fragestellungen der überlieferten Metaphysik wie der modernen Wissenschaft. Das methodische Prinzip, das er erstmals 1889 in seinem Werk „Essai sur les données immédiates de la conscience“ (dt. Zeit und Freiheit, 1911) anwendet, ist das der Explikation der zwei scheinbar entgegengesetzten Auffassungen – Freiheit versus kausale Notwendigkeit – gleichermaßen zugrunde liegenden, unhinterfragten Voraussetzungen, die dadurch kritisiert und richtiggestellt werden können.

Seine Überlegungen zur Frage nach der menschlichen Willensfreiheit, die für ihn nicht mit einem Ja oder Nein, sondern mit einem Mehr oder Weniger zu beantworten ist – je nachdem, in welchem Maße sich der Mensch auf die ursprüngliche Freiheit seiner durée besinnt –, führen ihn 1896 in seinem nächsten Werk „Matière et mémoire“ (Materie und Gedächtnis, 1908) zum Problem des Verhältnisses zwischen Körper und Geist. Auch hier nimmt er die Herausforderung der Naturwissenschaft auf dem damals neuesten Forschungsstand an und sucht etwa anhand von Befunden bei Verletzungen des Sprachzentrums  zu zeigen, daß der Geist keinesfalls ein Produkt biochemischer Reaktionen im Gehirn sei, sondern daß das Gehirn als Werkzeug des Geistes fungiere.

Aufgrund seiner Theorie von der Realität der Zeit als kontinuierlicher Dauer, die ihrem Wesen nach die alles „aufhebende“ und bewahrende Vergangenheit ist, gelangt er zu dem faszinierenden Ergebnis, daß der reine, als solcher handlungsunfähige Geist sich des Gehirns bedient, um in den Lebensprozeß eingreifen zu können. Das Gehirn speichert also kein Wissen, sondern es ist gleichsam das Ventil, das diejenigen Erinnerungen, die einen vitalen Nutzen haben, passieren, um sich in körperlichen Handlungen niederzuschlagen. Umgekehrt zu dieser pragmatischen Tendenz des Lebensprozesses verläuft der metaphysische Weg, auf dem sich der Mensch intuitiv der geistigen Dauer bewußt wird.

Von hier aus ist bereits eine Wendung ins Kosmische einerseits und zur Entwicklungsgeschichte des Lebens andererseits vorgezeichnet, die Berg­son 1907 in seinem erfolgreichsten Buch „L’Évolution créatrice“ (Die schöpferische Entwicklung, 1921) vornimmt, in dem er den Materialismus der darwinistischen Evolutionslehre durch seine Lehre vom Élan vital als schöpferischer Lebenskraft zu überwinden versucht.

Obwohl der Vatikan Bergsons Werke bereits 1914 auf den Index gesetzt hatte, näherte er sich, zumal in seinem letzten Buch „Les deux sources de la morale et de la religion“ (Die beiden Quellen der Moral und Religion, 1932), katholischen Vorstellungen an. Aus Sorge, daß ihm die Taufe als opportunistische Abkehr von seinen jüdischen Wurzeln ausgelegt werden könne, verzichtete er jedoch auf den formellen Übertritt und legte 1940 sämtliche Ämter nieder. Nachdem er sich trotz seiner Berühmtheit demonstrativ zu anderen Juden in eine Warteschlange eingereiht und dabei eine schwere Erkältung zugezogen hatte, starb er am 4. Januar 1941 in Paris.

In seiner Rolle als französischer Meisterdenker wurde er bald von Jean-Paul Sartre beerbt, dessen Hauptwerk „L‘être et le néant“ (Das Sein und das Nichts) zwei Jahre später erschien; für die junge existentialistische Generation war er längst nur noch ein Repräsentant der untergegangenen bürgerlich-humanistischen Welt. Angesichts der Entwicklung der modernen Hirnforschung, der Debatten um Darwinismus und Kreationismus sowie der aktuellen Diskussion des Problems der Willensfreiheit gewinnt sein Denken jedoch eine neue Aktualität.

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