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Nostalgisch

Daß ihre Lippen wirklich so heiß küssen, wie sie singen, will man anfangs nicht ganz glauben. Zumindest nicht beim Blick auf das Titelbild von Anna Netrebkos neuester Platte. Auf „Souvenirs“ (Deutsche Grammophon) lockt die Diva mit Augenaufschlag und rosa-silbern glänzendem Mund. Die Netrebko als Traum in Pastell – mehr Unschuld vom Land als Opern-Vamp? Nun ja, mit der ländlichen Unschuld soll das ja so eine Sache gewesen sein …

Der Titel „Souvenirs“ kommt nicht von ungefähr und als nostalgisch angehauchte Reise durch das (zumeist) „alte“ Europa daher: Lieder, Operettenmelodien und Arien von Spanien bis Rußland in insgesamt acht Sprachen bietet das Album, mal sehnsuchtssämig, brünstig verletzend, mal melancholisch, mal frisch, forsch, feurig.

Sehnsuchtssämig wie etwa das Entree dieser Scheibe mit seiner „Heia, heia“-Beschwörung  von Berg und Heimatland aus Emmerich Kálmáns „Csardásfürstin“, großes melodisches Theater in wenigen Anfangstakten. Die Netrebko packt viel Schmelz hinein, ohne das Stück im Schmalz zu ertränken, eine Wohltat, die auch bei anderen Operettenszenen (etwa Richard Heubergers „Chambre Séparée“ aus dem „Opernball“) positiv zu Buch schlägt.

Brünstig sehrend wie etwa die Barcarolle aus „Hoffmanns Erzählungen“ von Jaques Offenbach gemeinsam mit der Mezzosopranistin Elina Garanča, eine atmosphärisch dichte und delikate Wiedergabe dieses Klassik-Hits, in Tempo und Dynamik fein abgestimmt mit dem Chor der Prager Philharmoniker.

Melancholisch wie etwa das ariose „Lorsque je n’etait qu’une enfant“ aus der 1907 uraufgeführten Oper „Fortunio“ von André Messager, eine eher leise Mischung aus Kindheitserinnerung und Gegenwartsdrama, von Anna Netrebko anrührend zu neuem Leben erweckt (bei diesem Stück müssen sich die Graphiker übrigens die wichtigsten Ideen zur Gestaltung des Beiheftes geholt haben).

Frisch, forsch, feurig wie etwa das bereits zitierte „Meine Lippen, sie küssen so heiß“ aus der Operette „Giuditta“ von Franz Lehár: Wer das singt, wird natürlich unweigerlich an der legendären Interpretation von Elisabeth Schwarzkopf gemessen. Die Netrebko kann gut mithalten. Daß Schwarzkopf die Nase dennoch vorn behält, liegt nicht nur an leicht flackernden Spitzentönen bei der Netrebko, sondern auch am – im Vergleich zur Schwarzkopf-Einspielung – nicht ganz so stringenten Dirigat von Emmanuel Villaume, der bei dieser Platte den Prager Philharmonikern sonst mit Esprit den Takt schlägt. Während sich Dirigent und Orchester manch reizvoller Nuance zuwenden, geht der Grundschmiß im Falle des Lehár-Souvenirs darüber etwas verloren.

Daß Anna Netrebko die Sache mit den „Souvenirs“ nicht auf die leichte Schulter genommen hat, bleibt zum guten Schluß erwähnenswert. An jeder ihrer Interpretationen hat sie hörbar gefeilt, nichts ist, rasch heruntergesungen, auf Platte gebannt worden. Dies ist bei Alben mit hübschen Häppchen nicht immer selbstverständlich. Also dann: „Alle lauschen meinem Lied“ singt Lehárs Giuditta an einer Stelle. Hier stellt man die Lauscher gerne auf.

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