Erwachen aus dem Alptraum

Aus solchen Banden werden Männerfreundschaften geknüpft: Er kandidiere überhaupt nur für die Präsidentschaft, scherzte Barack Obama bei einer gemeinsamen Wahlkampfveranstaltung, „weil ich nicht Bruce Springsteen sein kann“. Dieser wiederum traut der „historischen Ausnahmegestalt“ zu, „unsere besseren Engel“ anzurufen, deren Hilfe einst Abraham Lincoln 1861 in seiner ersten Antrittsrede beschwor. „Senator Obama hat uns geholfen, unser Haus wieder groß genug für die Träume aller unserer Bürger aufzubauen“, heißt es in der Unterstützungserklärung, die Springsteen auf seiner Internetseite veröffentlichte und beim Countdown zur Wahl in Cleveland auf der Bühne vortrug: „Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich will mein Land zurück!“ Daß Amerika vorige Woche nicht nur endlich seinen neuen Präsidenten, sondern auch ein neues Springsteen-Album bekam, hat also eine gewisse innere Stimmigkeit. Ist „Working on a Dream“ nun das Evangelium nach Bruce, in dem er vom neuen Heilsbringer kündet? Nicht ganz, eher schon ein ausgelassenes Morgengeläut zum Erwachen aus dem Alptraum der Bush-Jahre (eine ausführliche CD-Kritik folgt in einer der nächsten JF-Ausgaben). Am Sonntag wird Springsteen zudem beim Superbowl aufspielen, eine der höchsten Weihen und Würden, die die US-Populärkultur zu bieten hat. Ob er sich durch seine Wahlkampfkonzerte und seinen Auftritt bei der Washingtoner Krönungsfeier tatsächlich als Hofbarde der neuen Machthaber angedient hat, gar als „staatstragender“ Jubel-Rocker, wie böse Zungen geifern, wird sich wohl erweisen müssen. Aber wäre es nicht umgekehrt höchste Zeit, daß man in den Redaktionen und Fernsehstudios aufhört, Obama zu beklatschen wie einen Rockstar, und anfängt, ihn trotz aller Eifersucht auf seinen Sex-Appeal als Staatsoberhaupt ernst zu nehmen? Der Traum, an dem Springsteen ja nicht erst mit seinem brandneuen Album, sondern seit mehreren Jahrzehnten arbeitet, sei in den vergangenen Monaten erstmals ein Stück wahrer geworden. Daß seine Musik schon immer politisch, wenn auch nie ideologisch oder parteipolitisch gemeint war, daran läßt er keine Zweifel mehr. „35 Jahre lang singst du von einem Ort. Und du siehst diesen Ort in Dingen, die die Menschen in ihren Gemeinschaften von Stadt zu Stadt im lokalen Bereich tun. Aber auf nationaler Ebene siehst du nichts davon, ganz im Gegenteil. Du siehst, wie das Land sich immer weiter von demokratischen Werten, von jedweder fairen Vorstellung von ökonomischer Gerechtigkeit entfernt“, erläuterte er jüngst im Gespräch mit dem Musikjournalisten Mark Hagen. „Du machst weiter in der Annahme, daß du auf dem Marktplatz der Ideen einen begrenzten Einfluß hast, wenn es um den Ort geht, an dem du lebst, um seine Werte und die Dinge, die ihn für dich so besonders machen. Aber du siehst nichts davon. Und dann geschieht etwas, von dem du nicht geglaubt hast, daß du es noch erleben würdest, nämlich daß ebendieses Land eines Nachts, in der Wahlnacht, tatsächlich sein Gesicht zeigt.“ Dabei galt Springsteens Stammpublikum – Weiße aus der unteren Mittelschicht, die John McCain in Gestalt des ressentimentgeladenen „Joe der Klempner“ auf seine Wahlkampfbühne holte – als besonders Obama-resistent. Auch deshalb (ohne politisches Kalkül wird kein noch so heiß ersehnter Erlöser US-Präsident) beackerte Oba­ma in seinen Wahlkampfreden unermüdlich des Musikers ureigenes Terrain: ein geschundenes Land, in dem grundanständige Menschen sich abrackern, um ihre Rechnungen zu bezahlen und trotzdem irgendwie auf ihre Kosten zu kommen. Mit den prosaischen Dingen des Alltags beschäftigt, verschließen sie doch nicht ganz die Ohren vor der Poesie des Pathos, vor Hoffnung, Versprechen, Träumen, Sehnsüchten und Heimweh. „The door is open / but the ride ain‘t free“: Die charmante Anmache aus „Thunder Road“ (1975) steht als Kürzel für ganze Lebenswege. Es sind Männer und Frauen, die nichts umsonst bekommen, sich aber allzuoft umsonst bemühen, Figuren eben wie Mickey Rourke als abgewrackter Ringkampf-Recke in Darren Aronofskys neuem Film „The Wrestler“ (deutscher Kinostart: 26. Februar), zu dem Springsteen den Titelsong beiträgt. Obamas Traum ist der bis heute unerfüllte des Martin Luther King von einer selbstverständlichen Solidarität zwischen allen Amerikanern unbesehen der Hautfarbe und des gesellschaftlichen Status, einer Besinnung auf Amerikas „bessere Engel“, auf den Wortlaut (nicht den von der Sklaverei besudelten Geist) seiner Unabhängigkeitserklärung. In „Dreams from My Father“ (1995, dt. Ein amerikanischer Traum. Die Geschichte meiner Familie, 2008), seiner persönlichen Auseinandersetzung mit „Rasse und Vermächtnis“, schildert der damals 33jährige Harvard-Absolvent und erfahrene Bürgerinitiativen-Organisator in Chicagos Armenvierteln eloquent, wie er als ganz junger Mann fast an Amerika verzweifelt wäre. Dessen Rassismus, Bigotterie, Kleingeistigkeit und Konformitätsdruck, hat er indessen erkannt, sei die Tragik „aller, der Söhne und Töchter von Plymouth Rock und Ellis Island“ ebenso wie „der Kinder Afrikas“, so „daß, wenn wir zumindest dies akzeptieren könnten, der tragische Kreislauf vielleicht unterbrochen würde“. Daß die Medien – hierzulande schlimmer als in den USA selber – diesen tragischen Kreislauf des Rassismus nicht nur anprangern, sondern ihrerseits fortschreiben, indem sie Oba­ma frenetisch als „Amerikas ersten schwarzen Präsidenten“ feiern, sei nur nebenbei angemerkt. Beider Visionen finden ihren schlichtesten Ausdruck in Woody Guthries „This land is your land“, das – ohne die Verse, die ausdrücklich das Privateigentum verdammen – eine bemerkenswerte Wandlung vom kommunistischen Manifest zum allseits beliebten Volkslied erlebt hat. Dabei geht es weniger um patriotische Anteilnahme denn um mündige Teilhabe am Schicksal des eigenen Landes, weniger um den Stolz, Amerikaner zu sein, als um Amerikas Stolz auf seine Bürger. „Yes, we can“ mag noch nicht zum Regierungsprogramm taugen; als Wahlkampfparole und politisches Glaubensbekenntnis sind diese drei kleinen Worte an Aussagekraft kaum zu überbieten: eine klipp und klare Absage an den Defätismus; ein Appell an die Werte der Gemeinschaft; eine Aufforderung, das Machbare nicht länger ungetan zu lassen. Wer Konkreteres wissen wollte, hätte es längst etwa auf Obamas vorbildlich gestaltetem Wahlkampf-Internetauftritt nachlesen können, statt bis zum Erbrechen vom ungeheuren „Charisma des schwarzen Kennedy“ zu schwärm-spötteln. Mit etwas Glück werden die gerade vergangenen acht Jahre als letzte Blütezeit und endgültiges Armutszeugnis ebenjenes bigotten, kleingeistigen Amerika in die Geschichtsbücher eingehen. Mit etwas Pech könnte es im Laufe der nächsten vier erst recht erstarken, wenn sich herausstellt, daß Barack Obama ein Normalsterblicher, kein Messias ist und unmöglich alle übermenschlichen Hoffnungen erfüllen kann, die nicht nur Bruce Springsteen in ihn setzt. Foto: Springsteen mit seiner E-Street-Band: Sehnsucht und Heimweh; Bruce Springsteen mit Barack Obama, seiner Frau Michelle, Malia und Sasha in Cleveland, Ohio (2. November 2008)

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