Ängstlicher Blick

Das geistige Format, die Klarsicht und intellektuelle Unabhängigkeit, die Caspar von Schrenck-Notzing so beispielhaft personifizierte, erschließt sich den Heutigen am besten, wenn sie seinen Klassiker „Charakterwäche“ mit neueren Hervorbringungen der politischen Wissenschaft in Deutschland vergleichen. Zum Beispiel mit der „Generation Reform“, die den Zeithistoriker und Sozialwissenschaftler Paul Nolte 2004 zum Medienstar seines Metiers machte. Nolte widmete sich den mentalen Verwerfungen in Deutschland, der Passivität, Desintegration, sinkenden Leistungsbereitschaft usw. Weder demographisch, finanziell noch moralisch könne das Land als Standort atomistisch aufgelöster Individuen fortexistieren. Eine neue Reform-Generation sei gefragt. Als braver Vorzeige-Konservativer, zu dem er erhoben wurde, forderte Nolte die Rückkehr eines klassischen Wertekanons, die Wiederbelebung von Religion, Ethik sowie eine kritische Haltung gegenüber der Massenkultur. Daraus sprach ein naiver Voluntarismus, der fünf Jahre später vollständig uneingelöst geblieben ist. Man muß gar nicht bis zur globalen Finanzkrise gehen, es reicht schon, den Blick auf die zentralen Berliner Stadtbezirke zu richten, wo das staatliche Schulsystem gerade vor dem Zusammenbruch steht. Die deutschen Politikwissenschaftler werden so lange Dünnbrettbohrer bleiben, wie sie es vermeiden, zu den politischen Grundlagen, den internationalen und nationalen, der deutschen Nachkriegsgesellschaft vorzudringen, die Caspar von Schrenck-Notzing als tapferer Einzelkämpfer beschrieben hat. Für Paul Nolte hätte sich aus der Lektüre ergeben, daß „Reform“ ein Leerwort ist. Denn die Mentalität, die er beklagt, ist bereits eine Folge mehrerer grundsätzlicher Reformen, welche die Siegermächte nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland durchgeführt haben. Es waren mindestens drei, die zeitversetzt, oft unkoordiniert und sogar gegenläufig stattfanden, deren Wirkungen sich aber zu einem Ganzen fügen. Die erste Reformergruppe wurde im Jargon der US-Armee „Morgenthau-Boys“, „Termiten“ oder „Chaosboys“ genannt. Ihnen ging es unmittelbar nach der Niederlage um die langfristige Schwächung Deutschlands, um Demontagen, die Beschlagnahme von Patenten, das Schleifen von Institutionen und Autoritäten, um die Installation eines Systems aus Überwachen und Strafen. Die zweite Gruppe waren die Strukturreformer, die ein Vakuum in Europas Mitte für gefährlich hielten und statt dessen für eine soziale Umwälzung und Demokratisierung eintraten. Damit sollten der antidemokratischen Gesinnung die wirtschaftlichen und strukturellen Grundlagen entzogen werden. Auf ihrem Programm standen die Bodenreform, Betriebsverfassung, Schul- und Universitätsreform, Entnazifizierung, Verwaltungsreform. Zähe Widerstände und der Kalte Krieg verhinderten die volle Umsetzung des Programms, weshalb man daran ging, die „wahrhaft demokratischen Kräfte in Deutschland“ zu stärken, insbesondere durch eine langfristig angelegte Universitäts-, Bildungs- und Erziehungspolitik. Damit traten als dritte Gruppe die Charakterreformer auf den Plan, die einen langfristigen Umbau des Individual- und Nationalcharakters erreichen wollten, um – wie einer der US-Experten sagte – „aus Deutschland einen wehrlosen Riesen, der niemanden ängstigt, zu machen“. Wichtige Mittel waren die Kontrolle und Lizenzierung der politischen Begriffsbildung sowie eine politisierte Psychoanalyse als Hebel, um die autoritären Familienstrukturen als Quelle faschistischer Verhaltensweisen aufzubrechen. Die deutsche Geschichte wurde zum Spiegelbild einer Paranoia verzerrt, die geheilt werden mußte. Bis heute haben die Therapeuten beide Hände voll zu tun. Ob die Heilung je gelingt? Noch immer richtet der deutsche Patient den ängstlichen Blick auf Autoritäten, jetzt auf das „kritische Ausland“, und fragt: Habe ich alles richtig gemacht? Vor diesem Hintergrund sind die 68er weniger geschichtsmächtige Subjekte als Getriebene, mit denen es sich verhält wie mit Goethes Faust: „Der ganze Strudel steigt nach oben,/ du glaubst zu schieben und wirst geschoben!“ Caspar von Schrenck-Notzings „Charakterwäsche“ bleibt eine politische und geistige Herausforderung. Ob es Männer der Praxis sein werden, die aus ihr noch rechtzeitig die richtigen Lehren und Handlungsanleitungen ziehen, oder erst Historiker, welche am anatomischen Objekt die Folgen einer Hirnoperation am lebenden Kollektivkörper studieren wollen – das ist die Frage, die man sich heute bange stellt. Foto: Klassiker: Caspar von Schrenck-Notzings „Charakterwäsche“, 2004 in erweiterter Form im Ares Verlag, Graz, erschienen

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