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Ente mit Pfeffer

Google Maps, der globusumspannende Online-Dienst, der fast jeden Winkel der Erde kartographisch oder als Satellitenansicht abbilden kann, vermag dem Pilger weder den Weg nach Entenhausen noch nach Duckburg zu weisen. Auch die Suche nach dem US-Bundesstaat Calisota führt nicht weiter. Wie praktisch also, daß D.O.N.A.L.D., die Deutsche Organisation nichtkommerzieller Anhänger des lauteren Donaldismus, einen authentischen Stadtplan mit „belegbaren Details“ als „unverzichtbares Muß für alle Entenhausen-Touristen“ mittlerweile in zweiter Auflage vertreibt. Der Wohnort des weltberühmten Federviehs liegt demnach malerisch zwischen Fichtelgebirge und Rocky Mountains an der Bahamalulubucht.

So sehr sich beide Ortschaften hinsichtlich demographischer Zusammensetzung, Kriminalitätsstatistik und anderer sozialer Indikatoren zum Verwechseln ähneln, liegen doch Welten zwischen Duckburg und Entenhausen: In den USA der fünfziger Jahre, der Eisenhower-Ära, war die Welt noch, in der BRD der fünfziger Jahre, der Adenauer-Ära, als die Disney-Comics hierzulande flügge wurden, war sie gerade erst wieder in Ordnung. (Freilich, das sei pedantischen Donaldisten und der historischen Wahrheit zuliebe erwähnt, herrscht im Original noch eine gewisse Segregation zwischen Enten und Mäusen, die nämlich nicht in Duckburg, sondern in Mouseton leben.)

Kein Ehrgeiz, allenfalls müßige Tagträumereien

 Die das Maß dieser Distanz nahm und Carl Barks’ Boomtown mitten in die Bonner Republik verlagerte: ein bißchen verspießert, ein bißchen vom Mief der Provinz umhaucht, war die promovierte Kunstgeschichtlerin, legendäre Übersetzerin und langjährige Micky Maus-Chefredakteurin Erika Fuchs (1906–2005). Ihr Entenhausener Gekreuch und Gefleuch schnattert so gar nicht, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, sondern befleißigt sich einer anspielungsreichen Kultursprache voller geflügelter Worte, wie sie manchen Nachgeborenen des Dichter-und-Denkervolks gut anstünde. Wohl nicht zufällig galt deren Vorzeigeblatt, das FAZ-Feuilleton – marginal weniger staatstragend als die Bild-Zeitung –, lange als von donaldistischen Schriftgelehrten unterwandert.

Eine bedrohliche Parallelwelt fremdländischer Wesen mit sonderbaren Sitten und Bräuchen, die sich da im Herzen der Zivilgesellschaft einzunisten vermochte? Aber nein, in Entenhausen hat man sich den Gepflogenheiten der westlichen Leitkultur weitgehend angepaßt. „Leute, die Geld ausgeben, verstehen nichts von den wahren Freuden eines Kapitalisten“: Die Dreifaltigkeit aus Raffgier, Geiz, Eigennutz, der Dagobert auf dem Glatzenkogel im Herzen der Stadt ein Ehrenmal errichtet hat – seinen Geldspeicher, mehr megalomanes Machwerk als  Meisterwerk der Baukunst –, gibt im zwischentierischen Handel und Wandel den Ton an, die Armen sind immer die Dummen, und wer den Schaden hat, braucht für den Spott wahrlich nicht zu sorgen. Nach diesem schlichten Grundschema schreiben Disney-Konzern und Ehapa-Verlag, wo die schrägen Vögel seit 1951 in den Micky Maus-Heften und „Lustigen Taschenbüchern“ (ab 1967) auf deutsch ihr Unwesen treiben, bis heute Erfolgsgeschichte(n).

Entenhausens prominentester Bürger, Sproß des ruhmreichen Vogelgeschlechts, dem die einstige Goldgräberstadt Gründung und Namen verdankt, schlüpfte am 9. Juni 1934 aus einem Überraschungsei: Donald Ducks Bilderbuchkarriere begann mit einer Nebenrolle im Trickfilm „The Wise Little Hen“ (Die kluge kleine Henne), und obwohl sein Geburtstag der reinen Lehre zufolge auf den 13. eines Monats fällt, begeht man ihn bei Disney nun hochoffiziell genau 75 Jahre nach dem Leinwanddebüt.

Ganz underdog oder eben underduck, der sich und die Seinen mit Fließbandarbeit und Gelegenheitsjobs mehr schlecht als recht über Wasser hält, ansonsten auf Pump vom steinreichen Onkel mit dem steinernen Herzen lebt, aber keinerlei Ehrgeiz, allenfalls müßige Tragträumereien hegt, es selber zu irgend etwas, geschweige denn vom Tellerwäscher zum Millionär zu bringen, und nach Feierabend am liebsten in der Hängematte – nun ja: abhängt, ist der gefiederte Jubilar ein früher Seelenverwandter des Homer Simpson. Aus zeitgenössischer Sicht eigentlich ein völlig unamerikanischer, wäre er nicht aus heutiger Sicht ein so uramerikanischer Typ: der missing link auf der zivilisatorischen Evolutionsleiter zwischen protestantischer Arbeitsmoral, pursuit of happiness und McDonald‘s-gemästetem Subprime-Schuldner. Als alleinerziehender Junggeselle bemüht Donald sich redlich – dabei sind es immer wieder die drei kecken Neffen, die ihm aus der Patsche helfen müssen.

Heilsgeschichte wie aus dem Bilderbuch   

Donalds dralle Daisy entspricht sowenig wie die Mehrzahl ihrer Artgenossinnen beiderseits des Atlantik jenem erschreckend hartnäckigem Schönheitsideal, das im März 1959 als böse Fee an Barbies Wiege stand (herzlichen Glückwunsch nachträglich zum Fünfzigsten, möge sie in Würde altern) und ganze Generationen von Frauen verflucht hat. Indes achtet sie, darin ihrerseits Homers Frau Marge verschwestert, durchaus auf ihr Äußeres, ist stets adrett gekleidet und frisiert – die eine mit Schleife, die andere mit blauer Haartracht – und glaubt unverbrüchlich an den stolzen Schwan in ihrem häßlichen Entlein, von dem sie sich über alles geliebt und verehrt weiß.

Verkörpern Dagobert als self-made duck und sein Neffe, in dem der sprichwörtliche Pechvogel leibhaftig aus Fleisch und Federn erstanden ist, so etwas wie die Sonnen- und die Schattenseite des amerikanischen Traums, dann gehört die Nacht Donalds Avatar Phantomias. Eine italienische Schöpfung, geboren 1969 aus den Allmachtssehnsüchten der jungen Gemeinde, die es leid war, ihren Helden von einer Schlappe zur nächsten stolpern zu sehen, rächt diese Überente mit den Fähigkeiten und der Ausstattung eines Superman nicht nur alles erdenklich Schlimme, das ihrem Doppelgänger tagsüber widerfährt, sondern streitet überdies für eine bessere, ja eine gerechte Welt. Mit soviel Genugtuung liest sich Heilsgeschichte made in Disneyworld: „Krak! Ka-wumm!“

Micky Maus (JF 47/08), Barbie, Donald Duck – die Galionsfiguren der Coca-Colonisierung sind in die Jahre gekommen, in der Gunst ihrer zunehmend kaufkräftigen Zielgruppe längst von kurzlebigeren Produkten der Unterhaltungsindustrie usurpiert. Den einen oder anderen nostalgischen Nachruf auf die verflossene Kindheit – ein bißchen verspießert, ein bißchen vom Mief der Provinz umhaucht – sollten sie doch wert sein.  

Fotos: Der sprichwörtliche Pechvogel aus Fleisch und Federn: Eigentlich ein ganz unamerikanischer, wäre er nicht ein so uramerikanischer Typ, Alles Gute Donald, Lustiges Taschenbuch – LTB 390

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