Heiter bis grollend

Seine Vorliebe für das Reimgedicht sowie die Auffassung, daß bedeutende Lyrik im Volkslied verwurzelt sein müsse, hat Uwe Lammla bislang noch keinen Literaturpreis eingebracht; auch die Beschwörung des „Kyffhäusergeistes“ und sein Plädoyer für einen erneuerten Reichsgedanken, seine Kritik am nicht nur literarischen Modernismus oder sein emphatisch vorgetragenes Luthertum tragen nicht dazu bei, ihm Türen zum Kulturbetrieb zu öffnen. Entsprechend pflegt er – ein wenig grollend im einzelnen, in der Gesamttendenz aber so heiter, wie es ihm seine religiöse Sicht auf die großen Linien der Geschichte erlaubt – die Rolle des nonkonformen Außenseiters, dezidierten Konservativen und geradezu die eines ungehörten Praeceptor Germaniae.

Nachdem der 1961 in Thüringen geborene Dichter in den letzten Jahren eine erstaunliche lyrische Produktivität entfaltet hat, die 2006 durch eine Krebserkrankung gleichsam einen existentiellen Schub bekam, legt er nun unter dem Titel „Erlkönig“ eine Sammlung von zwölf Essays vor, die von Problemen der Dichtung ausgehend verschiedene Bereiche der deutschen und europäischen Identität umkreisen. Mag der Untertitel „Essays zur deutschen Dichtung und Religion“ ein wenig irritieren, da der Begriff einer „deutschen Religion“ (und nicht nur „Religiosität“) nicht gerade vorteilhaft konnotiert ist und Lammla eine Wesensverwandtschaft germanisch-deutschen und urchristlichen Wesens durchaus andeutet, so zeigen die einzelnen Texte, vor allem „Das Reimgedicht. Ein modernes Tabu“, der umfangreichste und wichtigste Essay der Sammlung, daß Lammlas Denken von „Germanentümelei“ vollkommen frei ist.

Seine historische Bezugsgröße ist das metaphysisch verstandene Heilige Reich der Deutschen, was heutzutage schon befremdlich genug erscheint, und wie auch in seiner Lyrik spielen landschaftliche Prägungen, denen er in mythologischen oder etymologischen Exkursen nachgeht, eine wesentliche Rolle. Buchgelehrsamkeit scheut Lammla als Essayist, ebenso wie er als Lyriker Abstraktion und Unverständlichkeit als Selbstzweck meidet; thematisch umspannt er weite Bögen vom Alten Testament über die deutsche Klassik bis in die Niederungen heutiger Medien- und Mainstreamkultur, und insgesamt gibt er sich als Autodidakt, der ein wenig mit seiner volkstümlichen Verwurzelung kokettiert. Schon die Existenz eines solchen Dichters abseits des feuilletonistischen Einerlei ist eine Empfehlung wert!

Uwe Lammla: Erlkönig. Essays zur deutschen Dichtung und Religion, Arnshaugk Verlag, Neustadt 2009, broschiert, 141 Seiten, 12 Euro

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