Joachim Kuhs

 

Die Erfüllung des amerikanischen Traums

Eine Neuerfindung der Weltpolitik aus idealistischem Geist und unbedingter Moral wird es mit dem am Dienstag dieser Woche ins Amt eingeführten neuen US-Präsidenten Barack Obama (47) nicht geben. Davon künden schon Obamas erste personalpolitische Entscheidungen (JF 4/09), die am Pragmatismus ausgerichtet sind und die Schwarmgeister unter seinen Anhängern schwer enttäuschen. Obama wird amerikanische Macht- und Interessenpolitik betreiben, wie es die natürliche Aufgabe eines jeden US-Präsidenten ist. Sein Vorgänger hat wenig Erfolg damit gehabt. George W. Bush stand für ein selbstbezogenes, gewalttätiges Amerika, das sich die Irak-Katastrophe an den Hals gezogen und weltweit an Ansehen verloren hat. Nun soll „soft power“ – Hollywood-Filme, das Internet, die Massenkultur, die Propagierung amerikanischer Werte und des „amerikanischen Traums“ – verlorenes Terrain zurückerobern und die globale Machtausübung effektiver machen. Barack Oba­ma ist die neue Wunderwaffe in dieser Strategie. Er wird aller Voraussicht nach freundlicher, kooperativer, solider agieren als sein Vorgänger. Es gibt von ihm kaum politische Verlautbarungen, die über „change“ und „Yes, we can“ hinausreichen und die messianischen Erwartungen, die auch in Deutschland in ihn gesetzt werden, rechtfertigen könnten. In seinem Buch und Wahlmanifest: „Hoffnung wagen. Gedanken zur Rückbesinnung auf den American Dream“ (Riemann, München 2008) ist unter anderem zu lesen, daß er die Todesstrafe nicht abschaffen, sondern bloß bessere Vorkehrungen gegen Fehlurteile treffen will. Auch würden die USA weiter den „Weltpolizisten“ spielen müssen. „Das wird sich nicht ändern, und das sollte sich auch nicht ändern.“ Militärische Präventivschläge behalte er sich vor, nur sollten sie strategisch besser durchdacht sein als die Interventionen Bushs. Die deutsche Presse hat bisher auch kaum reflektiert, daß die Stationen der Biographie und Familiengeschichte Obamas – Kenia, Hawaii, Indonesien – eine stärkere Orientierung der amerikanischen Politik auf den pazifischen und eine Abwendung vom atlantischen Raum nahelegen. Noch ist die deutsche Öffentlichkeit Obama völlig erlegen. Die meisten Fotos zeigen ihn in der Untersicht, was ihn erhöht und sein Charisma steigert. Die Obamania wirkt wie eine Selbstbeschwörung. Sie verstellt den Blick auf die symbolpolitische und praktische Bedeutung dieses Präsidentenwechsels und die der eigenen Reaktion darauf. Die politische Bedeutung beginnt damit, daß die Anhänger Obamas, wenn sie mit gläubigen Augen auf die Projektionsfläche seines Namens starren, amerikanischer „soft power“ bereits erlegen sind und „change“, der Austausch harter durch weiche Machtmittel, seine manipulative Wirkung schon entfaltet. Zurück zu den „Tugenden der Gründerväter“? Aus Ernst Kantorowicz’ Buch „Die zwei Körper des Königs“ wissen wir, daß der Leib des gesalbten Staatsoberhaupts über zwei Dimensionen, eine leiblich-private und eine staatlich-politische, verfügt. Obamas ortlose, synthetische Biographie eines „Multi-Colour-Man“ (schwarzer Vater, weiße Mutter) erhielt durch die Wahl in das mächtigste Staatsamt der Welt eine präsidiale, ja imperatorische Weihe. Im Umkehrschluß verändert die Biographie des Amtsträgers den politisch-öffentlichen und symbolischen Gehalt der amerikanischen Präsidentschaft. Soweit es um das äußere Verführungspotential der Obama-Waffe geht, richtet es sich nicht mehr hauptsächlich an Europa und den Westen, sondern an die außereuropäischen Völker, denen die USA signalisieren, daß ihre Interessen, Sichtweisen, Traditionen gleichberechtigt neben denen der Weißen stehen und sie sich Amerika anvertrauen können. Die Botschaft an Europa dagegen besteht in der Anweisung, Amerika auf dem Weg zum globalen Einheitsmenschen und -konsumenten zu folgen. Die europäischen Funktionseliten – aber nicht nur sie – sind dazu nur zu gern bereit, was den claqueurhaften, wie gesteuert wirkenden medialen Jubel erklärt. In dem Buch „Das Ende des Weißen Mannes“ (2007) meint der in Wirtschaft und Politik gut vernetzte Autor Man­fred Pohl (JF 48/05 und 13/07), daß die „Völkermischung in Europa und den USA“ die vielleicht „einzige Chance“ zur Selbstbehauptung im globalen Maßstab sei. „Vielleicht ist der neue Menschentyp, der aus der Vermischung von Farbe und Kultur entsteht, der Multi-Colour-Man (MCM), die größte Hoffnung der Kernländer des Weißen Mannes.“ (Herv. im Original) Vielleicht. 1993 kam der Film „Ein ganz normaler Tag“ („Falling down“) in die Kinos, in dem Michael Douglas einen durchschnittlichen, altmodisch-rechtschaffenen weißen Angestellten spielt. Aus Frustration über die Verluste, Demütigungen und Niederlagen im multiethnischen, -rassischen und -kulturellen Amerika wird er zum Amokläufer. Der kürzlich verstorbene Samuel P. Huntington sah in der Figur des Angestellten den belagerten weißen Mittelschichtler in den USA realistisch erfaßt, seine Defensive indes als unaufhaltsam an („Who are we?“, 2004). Und der in New York lebende Historiker Wolfgang Schivelbusch hat im Sommer 2008 auf die Frage, was eine Wahl Obamas bedeuten würde, folgendes geantwortet: Erstens, die weiße Mittelschicht würde sich an einem Abgrund sehen und sich ganz anders verhalten als bisher. Oder, zweitens, die weiße Mittelschicht wäre zur Minorität geworden und hätte ihre zentrale politische Stellung verloren. Damit wären die USA so etwas wie ein Dritte-Welt-Land geworden. Drittens aber, Obama wäre – analog zur Spätzeit des römischen Imperiums – der erste Soldatenkaiser Amerikas, der von der Peripherie kommend die Macht im Kernreich übernimmt. „Und diese Peripherie gibt es im Inneren der amerikanischen Gesellschaft. Wenn mit Oba­ma eine neue Mischung von schwarz und elitär gewählt würde, wäre das eine mit großem Realismus betriebene Erweiterung der politischen Machtbasis. Da kämen dann wieder die alten politischen Tugenden der Gründerväter zum Tragen.“ Damit sind zugleich entscheidende Unterschiede zu Europa formuliert: Die USA haben sich als eine Einwanderernation konstituiert, wo die Aufnahme von Neubürgern und ihre Absorption im US-Schmelztiegel von Anfang an zum kollektiven Selbstverständnis und zur Staatsräson gehörte. Kerngesellschaft und Peripherie überschneiden sich, die Peripherie kann und soll durch ihre Absorption zum Teil der Kerngesellschaft werden, die dadurch allmähliche Veränderungen erfährt. Die Realität hat dieses Ideal zwar nie erreicht, ist sogar weiter dahinter zurückgefallen, doch kann die aktuelle Erweiterung der politischen Machtbasis das Land tatsächlich zu seinen ideellen Wurzeln (den „Tugenden der Gründerväter“) zurückführen – was auch jenen Schichten, die um ihre privilegierte Stellung fürchten, die Möglichkeit eröffnet, sich in einem veränderten Land auf neue Weise wiederzuerkennen. Die europäischen Nationalstaaten sind jedoch anders tradiert, die Schmelztiegel-Idee ist ihnen fremd. Eine Multi-Colour-Kultur und -Gesellschaft bedeutet hier die Implementierung von Parallelgesellschaften, was über kurz oder lang die eigenen politischen, kulturellen und geistig-metaphysischen Grundlagen in Frage stellt. Dritte-Welt-Zustände würden wegen der territorialen Enge noch zu ganz anderen Friktionen führen als in den USA. Doch die Deutschen und die Europäer, unter dem Eindruck geistiger „soft power“ aus den Vereinigten Staaten stehend, sind außerstande, die Unterschiede wahrzunehmen, geschweige denn, Konsequenzen daraus zu ziehen. So ist die politische und psychologische Situation der Europäer dramatischer als die der weißen amerikanischen Mittelschicht, mag ihre demographische Situation sich zur Zeit auch noch günstiger darstellen. Der Obama-Jubel zeigt, daß sie ihrer fortschreitenden Marginalisierung weder praktisch noch theoretisch etwas entgegenzusetzen haben, sie wollen sie nicht einmal sehen. Sie wollen hoffen und glauben: auf und an den Multi-Colour-Obama, der ihnen eine befriedete Zukunft eröffnet. Wird er das? Foto : US-Präsident Barack Obama: Seine Biographie legt eine Orientierung auf den pazifischen und eine Abwendung vom atlantischen Raum nahe

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