Pressefreiheit für Goebbels

Kaum mit der ersten Ausgabe erschienen, soll die ambitionierte zeithistorische Sammler-Edition Zeitungszeugen nach dem Willen des Freistaats Bayern auch schon wieder vom Markt verschwinden. Vergangenen  Freitag teilte das bayerische Finanzministerium mit, es untersage dem Zeitungszeugen-Verlag Albertas Limited den Nachdruck nationalsozialistischer Blätter wie Der Angriff oder Völkischer Beobachter. Der Verlag wurde aufgefordert, eine entsprechende Unterlassungserklärung abzugeben sowie erschienene Exemplare einzuziehen. Zur Begründung hieß es, die Verlagsrechte an den Druckerzeugnissen gehörten zum ehemaligen NS-Vermögen, das aufgrund von besatzungsrechtlichen Vorschriften auf den Freistaat Bayern übergegangen sei. Zeitungszeugen-Chefredakteurin Sandra Paweronschitz sprach demgegenüber von einem „Angriff auf die Pressefreiheit“, gegen den sich der Verlag „mit allen juristischen Mitteln“ zur Wehr setzen werde – „im Zweifelsfall nicht nur vor Zivilgerichten, sondern auch vor dem Bundesverfassungsgericht“. Seit dem 8. Januar dieses Jahres sind die Zeitungszeugen an deutschen Kiosken erhältlich: Mit Unterstützung renommierter Historiker und Experten werden wöchentlich Zeitungsnachdrucke aus der Zeit der „Machtübernahme“ im Januar 1933 bis zum Zusammenbruch des NS-Regimes im Mai 1945 publiziert. Jede Ausgabe der Sammelheft-Edition bietet neben Reproduktionen von zwei bis drei Originalausgaben einen vierseitigen Mantel mit Kommentaren und Analysen führender Experten und Historiker. Dem aktuellen Heft liegt die konservative Deutsche Allgemeine Zeitung neben dem kommunistischen Kämpfer und dem nationalsozialistischen Angriff bei, kommentiert unter anderem von dem Historiker und Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung der TU Berlin, Wolfgang Benz. Dem nächsten Heft, das an diesem Donnerstag erscheinen soll, werden der sozialdemokratische Vorwärts, die konservative Vossische Zeitung und der nationalsozialistische Völkische Beobachter beiliegen, kommentiert unter anderem von dem Bochumer Historiker Hans Mommsen. „Entgegen den Behauptungen des bayerischen Finanzministeriums ist völlig unklar, ob dem Freistaat die ausschließlichen urheberrechtlichen Nutzungsrechte an den NS-Blättern Angriff oder dem Völkischen Beobachter jemals zugestanden haben. Und  wenn ja, bleibt fraglich, ob diese Rechte  70 Jahre nach der Veröffentlichung überhaupt noch in Bayern liegen“, erklärte der Zeitungszeugen-Verleger Peter McGee. „Die Unterstellung, wir würden mit dem Nachdruck dieser NS-Blätter eine Mißbrauchsgefahr der NS-Propaganda hervorrufen, ist so kurzsichtig wie falsch“, gibt Chefredakteurin Paweronschitz zu bedenken. „Die historische Einordnung der Blätter durch Koryphäen ihres Fachs und die direkte Gegenüberstellung mit kommunistischen oder sozialdemokratischen Blättern bewirken das genaue Gegenteil: Aufklärung über die NS-Propaganda im besten Sinne.“ „Zeitungszeugen“ ist (bislang noch) deutschlandweit an Kiosken und im Bahnhofsbuchhandel zum Preis von 3,90 Euro erhältlich.

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