Helden ohne Wenn und Aber

Eines muß man Tom Cruise lassen: Was er sich in den Kopf gesetzt hat, das setzt er auch durch, mit einem unerschütterlichen, hundertprozentigen Glauben an sich selbst. Cruise ist mehr als nur der Star von „Operation Walküre“, er war die treibende Kraft hinter einem ehrgeizigen, von Anfang an problematischen Projekt. Würde das einschlägig konditionierte US-Publikum etwa einen Helden im Feldgrau der Wehrmacht, also in „Nazi“-Kostümierung, akzeptieren? Einen Film, der eine Episode des Zweiten Weltkriegs ausschließlich aus deutscher Perspektive erzählt? Und schließlich Tom Cruise selbst, den all-American Sonnyboy schlechthin, als deutschen patriotischen Offizier mit steifer Haltung, Augenklappe und verkrüppelter Hand? Da war der Spott über die zu erwartende unfreiwillige Komik fast schon programmiert. All dies und die nicht enden wollenden Schikanen, Auflagen und Diskussionen in Deutschland, wo der Film zum Teil gedreht wurde, haben der Arbeit von Cruise und Regisseur Bryan Singer gutgetan. Fast ein ganzes Jahr lang wurde „Operation Walküre“ umgeschrieben, umgeschnitten, nachgedreht. Ein früher Trailer, der noch im Internet zu sehen ist, zeigt Cruise-Stauffenberg im Gespräch mit Werner von Haeften (Jamie Parker), sein typisches Siegerlächeln auf den Lippen: „Ich habe vor, Hochverrat zu begehen, mit allen mir zur Verfügung stehenden Mitteln. Kann ich auf Sie zählen?“ In der endgültigen Fassung: derselbe Satz, aber kein Lächeln, keine melodramatischen Sprüche, weniger Lässigkeit, mehr Härte, mehr Nüchternheit. Der frühere Entwurf legte das Schwergewicht auf den moralischen Hintergrund des Dramas. „Gott versprach Abraham, daß er Sodom verschonen würde, wenn er nur zehn Gerechte fände. Ich fürchte, für Deutschland wird nur einer allein reichen müssen“, sagt Henning von Tres­ckow (hervorragend besetzt mit Kenneth Branagh) zu Stauffenberg. Das ließ eine Stoßrichtung nach dem Vorbild von „Schindlers Liste“ befürchten: ein einziger „guter“ Deutscher, um den Rest um so schwärzer zu zeichnen. Doch auch diese Schublade bedient der fertige Film nicht, der erfreulich frei von Stereotypen ist. Der Akzent wurde indessen konsequent in Richtung Action- und Spannungsfilm verschoben. „Operation Walküre“ wird weniger von den Figuren als von der Handlung vorangetrieben, setzt auf Tempo, Timing und dramatische Raffungen. Der historische Hintergrund wird in einem raschen Exposé abgehandelt: eine leinwandfüllende Hakenkreuzfahne signalisiert den Schurken, und in der ersten Szene sieht man Stauffenberg in einem Zelt an der nordafrikanischen Front, während er in seinem Tagebuch die bekannten Gründe zusammenfaßt, die ihn zum Feind des Regimes werden ließen, dem er bisher gedient hat. Dessen ebenso luziferisch schöne wie böse Pracht wird von Singer reichlich ausgespielt. Während des Vorspanns ertönt vor einem rotschwarz flackernden Hintergrund ein vielkehliger militärischer Schwur auf Adolf Hitler, untermalt von einer infernalischen, horrorfilmartigen Klangkulisse. Blutrot wehen die Hakenkreuzfahnen im harten Kontrast zum Grau des Bendler-Blocks, dasselbe Blutrot, in das am Ende auch die Richter des Schauprozesses gegen die Verschwörer gekleidet sind. Thomas Kretschmann als Otto Remer schwimmt in einem riesigen Schwimmbecken mit eingelegtem Hakenkreuzmuster am Boden, umrahmt von Albert-Speer-Säulen, sein Oberkörper breit und muskulös, ganz der arische Herrenmensch aus dem Bilderbuch. Etwas comic-artig wirkt auch Stauffenbergs Treffen mit Hitler auf dem Berghof, bei dem Goebbels, Göring und Himmler wie pittoreske, mythische Teufel beisammensitzen. Hitler selbst wird, in Fortführung von Bruno Ganz’ Interpretation, nicht als cholerischer Teppichbeißer, sondern als leise sprechender, seniler Greis dargestellt: „Die Invasion? Ach ja, in der Normandie …“ Getreu Alfred Hitchcocks Prämisse, je gelungener der Schurke, um so gelungener sei der Film, macht Singers gekonnte Stilisierung des NS-Regimes als majestätisches Reich des Bösen nachvollziehbar, was für ein ungeheurer Todesmut erforderlich war, um gegen diesen Leviathan anzutreten. Noch nie hat ein Film die Vorgänge des 20. Juli so plastisch dargestellt, noch nie die Angst und Anspannung, aber auch den unfaßbaren Willen der Attentäter so eindrücklich vermittelt wie „Operation Walküre“. Als der Umsturz scheitert und mit den Verschwörern blutig abgerechnet wird, entwickelt der Film einen nahezu erschütternden Sog. Anders als die Deutschen haben die Amerikaner keine Angst vor Pathos. Das vergebliche, aber nicht sinnlose Opfer der Verschwörer wird von Singer ohne Wenn und Aber verklärt und ins Überzeitliche gehoben. Der Abspann klingt mit einer requiemartigen Vertonung von Goethes „Über allen Gipfeln ist Ruh’“ aus, wodurch auch noch einmal das „deutsche“ der Tragödie betont wird. Dieses Spektakel ist freilich bis auf wenige Szenen ohne allzuviel Tiefgang und historisch vereinfacht, es ist aber auch fesselnd inszeniert, optisch exzellent umgesetzt und läßt heimische Produktionen, die wie Jo Baiers „Stauffenberg“ (2004) tiefer zu bohren versuchten, aussehen wie eine Folge der „Lindenstraße“. Der große Schönheitsfehler ist leider derselbe Mann, dessen unermüdlichem Ehrgeiz der Film zu verdanken ist, Tom Cruise, dessen Starruhm und pressenotorisches Ego seine Rolle empfindlich überschatten. Tom Cruise ist zu prominent, zu sehr seine eigene Ikone, um als für seinen Typus derart entlegener Charakter zu überzeugen, er hat nicht das Format, die schillernde Gestalt des Grafen zu verkörpern. Cruise ist einerseits zu amerikanisch-lässig, andererseits fehlt seiner Interpretation Stauffenbergs vielfach bezeugtes leidenschaftliches Temperament, seine charismatische Mischung aus süddeutscher Grandezza und preußischer Askese, die freilich bisher noch kein Film überzeugend einfangen konnte. Sein Stauffenberg ist zu einseitig grüblerisch, und insbesondere in der Nordafrika-Sequenz zeitigt er defätistische Züge, von denen der reale Graf frei war: Stauffenberg wollte zuallererst den Krieg gewinnen und das Reich retten. Diesen Umstand amerikanischen (und leider auch deutschen) Zuschauern zu vermitteln und den Charakter trotzdem als „Guten“ zu verkaufen, ist allerdings wohl zuviel verlangt. So sieht man als Deutscher den Film mit gemischten Gefühlen: Es war Hollywood, das in dem Rommel-Film „Der Wüstenfuchs“ (1951) Stauffenberg zuerst auf die Leinwand brachte, und mit „Operation Walküre“ hat es vorerst auch das letzte Wort, nicht nur wegen des überlegenen technischen Könnens, sondern auch wegen der geringeren Hemmungen, was geschichtspädagogische Vorgaben betrifft. Fotos: Tom Cruise als Hitler-Attentäter Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg: Die Amerikaner kennen keine Scheu vor Pathos; Major Otto Ernst Remer (Thomas Kretschmann, mit Pistole), rechts: Stauffenberg und Henning von Tresckow (Kenneth Branagh)

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