Joachim Kuhs

 

Bekenntnis

Anthony Charles Wakeford, genannt Tony, kann mit Fug und Recht als ein Geburtshelfer der Neofolkszene bezeichnet werden. Er war Bassist der ultralinken englischen Punkband Crisis, die sich 1980 auflöste und aus deren Trümmern das Neofolk-Pionierprojekt Death in June erstand – mit Wakeford als Gründungsmitglied. Jedoch mußte er 1984 die Band verlassen, nachdem seine kurzzeitige Mitgliedschaft in der British National Front ruchbar geworden war – ein politischer Schnellschuß, der ihm noch immer in Antifa-Handzetteln gegen seine Auftritte nachgetragen wird, obgleich er ihn heute als die „wahrscheinlich schlechteste Entscheidung, die ich jemals machte“ bezeichnet und seit zehn Jahren mit der jüdischen Violinistin seines Hauptprojekts Sol Invictus, Renée Rosen, verheiratet ist.

Mit diesem Projekt erschien Wakeford 1987 wieder auf der Bildfläche, um sich in den ersten Jahren auf die musikalische Rezeption kulturkritischer abendländischer Philosophen wie Oswald Spengler und Julius Evola zu konzentrieren; literarische Bezüge, in deren Kielwasser das Ideal einer elitaristischen Weltabkehr propagiert wurde, so daß Wakeford später sagen konnte, Sol Invictus sei „eine Kabarettband für das Fin de siècle“.

Mit der kompletten Bandbesetzung, jedoch dezidiert losgelöst von Sol Invictus, ist nun sein Soloalbum „Not All Of Me Will Die“ beim israelischen Label The Eastern Front erschienen. Der Albumtitel rekurriert einerseits auf den römischen Dichter Horaz, aus dessen Ode 3.30 der sinngleiche Vers „non omnis moriar“ stammt. Andererseits entstand das Album inspiriert von und zu Ehren der polnisch-ukrainischen Dichterin und Untergrundkämpferin Zuzanna Ginczanka, die 1944 im Alter von 27 Jahren von der Gestapo erschossen wurde und deren Werk heute fast vergessen ist.

Auf Wakefords Album finden sich zwei Gedichte Ginczankas vertont: als Einführungslied „Non omnis moriar“, in dem die Horaz-Zeile gleich einer Todesahnung auf ihr eigenes Leben umgemünzt wird und das durch den Vortrag in Wakefords klagendem Tonfall wie ein aus Melodie geformter Kenotaph wirkt, sowie das von sphärischen Instrumentalstücken eingerahmte „Fullness Of August“. In dessen spätromantischer Verklärung eines Sommertags auf dem Land schwingt bereits eine Vorahnung drohenden Unheils und des kommenden Vergessens mit, wenn die Dichterin verkündet, daß „die himbeernen Lippen niemals Sagen flüstern werden über die Herzen, die des Nachts bluteten“. Einen harschen Gegenpunkt dazu stellt der immer wieder hypnotisch wiederholte Schlußsatz Wakefords dar, in dem er an die Exekution Ginczankas „an einem schwarzen Tag, einem Krakauer Morgen“ erinnert.

Entstanden ist hier eine beinahe einstündige, bewegende Hommage an eine Künstlerin, die der Weltbürgerkrieg aus dem Leben riß, ehe sie zu schriftstellerischem Ansehen gelangen konnte. Mithin ist das Album auch ein Bekenntnis zum Glauben an die über die Zeiten hinweg transzendente Kraft der Kunst.

Musikalisch kommen die Lieder von „Not All Of Me Will Die“ sehr gediegen akustisch instrumentalisiert und vorwiegend von der Geige getragen unter einem dichten synthetischen Klangteppich daher, der jeden Ton in eine Ahnung des Jenseits verwandelt. Ein empfehlenswertes Album!

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