Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Wehrhaft in Hütten

Baut Hüttendörfer – nur die Stämme werden überleben“, lautete ein Spruch, der in den frühen neunziger Jahren als Graffito am Studentensekretariat der Universität Tübingen prangte und, da er über Jahre hinweg nicht entfernt wurde, niemanden zu stören schien. Verstanden habe ich ihn damals nicht; die hippiebewegte Zeit der Naturvölkerromantik war vorbei, und die „Autonomen“, deren Siedlungsprojekte gewisse neotribale Strukturen aufwiesen, bauten keine Hütten, sondern besetzten Häuser. Fünfzehn Jahre später hat dieser Spruch eine (gewiß andere als die seinerzeit gemeinte) Bedeutung erhalten: Der Souveränitätsverlust der europäischen Völker als Spätfolge des von den Europäern 1945 gemeinsam verlorenen Weltbürgerkrieges und der Zerfall der Nationalstaaten führen in eine Zukunft, in der „Stämme“, also Abstammungsgemeinschaften mit kollektivem Identitätsgefühl auf nur temporär besiedelten Territorien, wieder die wichtigsten politischen Größen sein könnten. Die in einem Teil ihres früheren Hoheitsgebietes – den ländlichen Regionen Westdeutschlands und vor allem dem heutigen Osten – verbliebenen Deutschen werden, den Goten, Wandalen, Burgundern der Völkerwanderungszeit vergleichbar, einen solcher Stämme bilden: von anderen neben der Abstammung von überwiegend deutschen Eltern durch Sprache, Sitten, Religion (weniger die eigene als die der Fremden) und den Stacheldraht, hinter dem sich die Wohlhabenden verschanzen, separiert – vielleicht auch durch homogenisierte Siedlungsgebiete, die nach einer langen Bürgerkriegsphase durch „ethnische Säuberungen“ und „Bevölkerungsaustausch“ entstanden sind. Von Nationen kann dann nicht mehr gesprochen werden, da für diese die Einheit von Staatsvolk und wehrhaft behauptetem Staatsgebiet konstitutiv ist, wohl aber von Völkern. Deutschland ist – allen seriösen demographischen Prognosen nach – nicht mehr zu retten, wohl aber sind die Deutschen, ist das Deutsche noch rettbar; letzteres wird sogar, wenn die mit den bisherigen Institutionen und „Eliten“ verbundenen Zwänge zur Selbstaufgabe wegbröckeln, eine Aufwertung und Renaissance erfahren. Schon jetzt findet sich, angesichts der Islamisierung und der zunehmenden Gewalt gegen Autochthone, in Internetforen wie Politically Incorrect (www.pi-news.net) die noch ungewohnt klingende Forderung, Deutsche müßten wieder lernen zusammenzuhalten, sowohl gegen feindselige Zuwanderer als auch gegen „eigene“ Politiker. Und sie werden es lernen, wenn in den Großstädten der europäischen Endzeit wieder das Aussehen entscheidet, wer Freund oder Feind ist, oder wenn derjenige, der keine Familie (besser gesagt: keine Sippe) hat, im Alter von Almosen leben muß. Einen Sozialstaat, der als Solidargemeinschaft mit dem bislang vertrauten Konzept der Nation als Schicksalsgemeinschaft verbunden ist, wird es im vollendeten Multikulturalismus nicht mehr geben. Denn warum sollte jemand für die Alten und Erwerbslosen fremder und verhaßter Bevölkerungsgruppen aufkommen, und welche Instanz soll ihn dazu zwingen, wenn sich keine – fremde – Polizei mehr in sein Siedlungsgebiet hineintraut? Es erfordert einiges an Zuversicht, um einem solchen Szenario, wie es Gernot Hüttig in der Neunzehnten Etappe („Deukei und Reservat“) unlängst so weitsichtig wie beklemmend beschrieben hat, etwas Positives abzugewinnen; der zu erwartende Gewinn an „völkischer“ Identität entschädigt nicht für den Verlust des Nationalstaates, und das absehbare Scheitern aller Integrationsbemühungen ist ebenso wie der langfristige Niedergang (oder plötzliche Zusammenbruch?) der EU nach einer Phase der Totalisierung, in der man – gegen den Willen der großen mittel- und westeuropäischen Völker, soweit diese ihn unmittelbar artikulieren dürfen – den EU-Einheitsbürger zu schaffen versucht, gewiß kein Trost. Immerhin scheint eine wachsende Zahl von Menschen auch in Deutschland die zwanghaft aufrechterhaltenen Illusionen zu durchschauen; zwar schlägt sich dies noch nicht in Wahlergebnissen nieder (und ob eine an den Interessen der Einheimischen orientierte Partei, wenn sie, neben anderen und von diesen weitgehend gemieden, in den Parlamenten säße, noch grundsätzlich etwas zu ändern vermöchte, ist fraglich), aber das Vertrauen auf die Meinungs- und Entscheidungsträger ist in freiem Fall begriffen, und oft sind die Kommentare, mit denen die Artikel der Tageszeitungen im interaktiven Web 2.0 von den Lesern versehen werden, aussagekräftiger als diese Artikel selbst. Die Medienkonsumenten glauben immer weniger, was man ihnen vorsetzt, und im Volk gärt es. Wir befinden uns in einem Zustand des Vorbürgerkrieges; es fehlt nur noch ein Funken, um das Pulverfaß zu entfachen, und keinesfalls haben diejenigen schuld daran, die das aussprechen, sondern jene, die diesen Zustand herbeigeführt und seine Kritik mit Tabus belegt haben. Allzu geballt waren die Realitätseinbrüche der letzten Wochen, als daß sie noch vollständig hätten verschleiert werden können: Die Krawalle um die Mohammed-Karikaturen und deren neuerlichen Abdruck, die vom Erzbischof von Canterbury allen Ernstes vorgetragene Forderung nach einer partiellen Einführung der Scharia für britische Muslime (als ob diese sich mit einer „Scharia light“ zufriedengeben würden, statt solches Entgegenkommen als Teilkapitulation und Signal für den Einstieg in den Kampf um die vollständige Geltung des islamischen Rechtes zu sehen), die von den Medien so genannte „Jugendgewalt“, der Auftritt Erdoğans in Köln und dessen unverhohlene Aufforderung an seine Landsleute, sich nur soweit zu integrieren, als es ihrem persönlichen Fortkommen nutzt, ansonsten aber ihre türkische Identität zu pflegen und nachdrücklich zu vertreten, die vom türkischen Religionsministerium gesteuerten Großmoscheebauten in Deutschland, schließlich die völkerrechtswidrige Abtrennung des Kosovo von Serbien – dies alles sind Wegweiser, die in dieselbe Richtung deuten. Gerade der Fall des Kosovo – eines Gebietes, in dem noch vor wenigen Jahrzehnten die Serben die überwältigende Mehrheit stellten – zeigt, welche Konsequenzen die demographische Landnahmepolitik einer dynamischen Minderheit sogar in einem national ausgerichteten (aber isolierten) Land wie Serbien hat und erst recht in unserer völlig auf das Individuum fixierten Gesellschaft haben wird. „Der letzte Mensch der Weltstädte will nicht mehr leben, wohl als Einzelner, aber nicht als Typus“, schrieb Oswald Spengler vor rund achtzig Jahren, und von A wie Abtreibung bis Z wie Zuwanderung kann man diese Diagnose bestätigen. Auch seine Lehre von Wachstum und Verfall der Kulturen gewinnt heute, ungeachtet des allzu starren Schematismus im Detail, eine verstörende Überzeugungskraft. Es ist verführerisch, das Weströmische Reich der Zeit um 400 n. Chr. mit der heutigen EU zu parallelisieren, in den muslimischen Einwanderern die damaligen Germanen wiederzuerkennen (wozu sogar deren arianische Religion recht gut paßt) und etwa den 11. September 2001 mit der Einnahme Roms durch Alarich 410 zu vergleichen (danach hatte das Reich im Westen noch 66 Jahre). Aber die Geschichte kann nicht in einzelne, voneinander völlig unabhängige Kulturkreise zerlegt werden, deren Entwicklung indes nach denselben ehernen Gesetzen verliefe. Jede Kultur- oder Nationalgeschichte ist in die Weltgeschichte eingebettet, die sich niemals wiederholt und immer einen neuen Anfang zuläßt. Wir sind auch heute nicht – in einer Zeit, in der die Lage so ernst erscheint wie kaum je zuvor – dem Untergang schicksalhaft ausgeliefert. Die Vergreisung unserer Kultur ist in Wirklichkeit doch nur diejenige vieler Einzelner und ihres Denkens, so daß eine Verjüngung immer möglich ist und kommen wird, wenn die Protagonisten des Multikulturalismus in ihren gated communities verschieden sind. Vielleicht steht das deutsche Volk gegen Ende seiner Nationalgeschichte am Beginn eines Zustandes, der seiner tribalen Vorzeit ziemlich ähnlich ist. Und wir werden in den Hütten einer neuen Völkerwanderungszeit leben: nur vorübergehend behaust, aber notgedrungen bereit, sie zu verteidigen. Bisher erschienen in dieser Reihe Beiträge von Götz Kubitschek („Herr im Eigenen“, JF 5/08), Karlheinz Weißmann („Mit Worten müssen wir uns wehren“, JF 6/08), Martin Lichtmesz („Deutscher Paß, türkisches Herz“, JF 7/08), Robert Hepp („Deutschland den Deutschländern?“, JF 8/08), Fabian Schmidt-Ahmad („Die Schwärmerei vom großen Nichts“, JF 9/08) und Michael Böhm („Jens Jessen in uns“, JF 10/08). Bild: Rembrandt, Die drei Hütten (Radierung, 1650): Europäische Endzeit

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