Schlachtung der heiligen Kuh

Man wird sich diesen Namen unbedingt notieren müssen“, schrieb Rainer Maria Rilke 1901 über den damals noch unbekannten, 26jährigen Thomas Mann und dessen Debütroman „Buddenbrooks“, und er sollte recht behalten. 1929 wurde Thomas Mann hauptsächlich für sein Erstlingswerk mit dem Literaturnobelpreis belohnt. Bis heute zählt die Familienchronik zu den heiligen Kühen großer deutscher Literatur. Will man sie verfilmen, schlachtet man sie, wenn auch ungewollt, und das Universum des hypotaktischen, eleganten Satzbaus, die filigrane Ironie verblutet in genormten, gefälligen und gedankenlosen Bildern. Es ist das alte leidliche Lied: Literatur läßt sich kaum adaptieren, die Bildlichkeit der Worte siegt stets gegen die Sprachlichkeit des Bildes. Nun wird ebendieses Heiligtum hehrer Epik vor voyeuristischen Kameras abermals filetiert, obwohl das Sujet längst Unsterblichkeit erlangt hat. Die Geschichte eines Niedergangs erfährt nun deren über zweistündige Filmgeschichte eines achtungsvollen Aufstieges und anämischen Abgesangs: das beschauliche Lübeck in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Die altehrwürdige Kaufmannsfamilie von Konsul Jean Buddenbrook (Armin Mueller-Stahl) und seiner Frau Bethsy (Iris Berben) hat im Getreidehandel über Generationen hinweg ihre Fortüne gemacht und genießt, gesellschaftlich geehrt, mit ihren drei Sprößlingen Thomas (Mark Waschke), Christian (August Diehl) und Tony (Jessica Schwarz) eine hohe Reputation im Besitz- und Bildungsbürgertum der aufstrebenden Wirtschaftsmetropole. Im maliziösen Mikrokosmos der Buddenbrooks bleibt Privates geschäftlich und Geschäftliches privat, denn Familie und Firma bleiben eisern verbunden und private Bedürfnisse an dem Status gekettet. Die Lebens- und Leidenswege der drei Buddenbrook-Eleven sind vorbestimmt: Von den Söhnen wird merkantiler Erfolg im blühenden Getreidehandel, für Tochter Tony die standesgemäße Ehe verlangt. Als der Patriarch stirbt, verendet auch allmählich die Buddenbrooksche Dynastie. Die lebhafte Tony hat den Eltern zuliebe den Hamburger Kaufmann Grünlich (Justus von Dohnanyi) geheiratet, doch der entpuppt sich als hochverschuldeter Mitgiftjäger. Auch Christian, der jüngste, mißratene Sohn, schafft da kaum Erlösung; er wird in Hamburg eine Agentur für Cognac und Champagner betreiben. Den Anforderungen dieses etikettierten Lebens nach Art der Buddenbrooks ist er beileibe nicht gewachsen, im Gegenteil, sucht er doch sein Heil bei Huren und Hochprozentigem. Thomas indes, der Älteste, versucht mit aller Kraft, Geschäft und Familienglück zu konservieren. Seine schöne holländische Frau Gerda (Lea Bosco) lebt nur für ihre Streichmusik und gibt diese Liebe – zu Thomas’ größtem Unbehagen – an den verweichlichten Sohn Hanno (Raban Bieling) weiter, der mitnichten die Geschicke der Firma lenken können wird. Den gravierenden Unterschied zwischen Literatur und Film verdeutlicht Thomas Manns epische Charakterisierung der Konsulin Bethsy: „Eine Jesusfigur auf schwarzem Podest“, heißt es im Buch. Der Film hingegen verschweigt in eingebrannten Bildkadern diese allegorische Veranschaulichung. Überhaupt, Heinrich Breloer, anerkannter Maestro des TV-Dokudramas, scheitert an der allmächtigen Fabuliergewalt eines Thomas Mann, obwohl er schon „Die Manns – Ein Jahrhundert-roman“ professionell inszenierte. Es ist ewig dasselbe: Schon das Drehbuch weicht frappant von der Buchvorlage ab. Da die Adaption stets kürzer und knapper bebildert wird, werden Handlungsstränge oft simplifiziert oder gar gestrichen, ganz zu schweigen von essentiellen Romandialogen, die nie das filmische Licht der verknappten Bilderwelt erblicken. Den letzten Rest bekommt der Literaturfilm dann vom Regisseur, der nach eigener „künstlerischer Freiheit“ andere Interpretationsansätze einfließen läßt. So wurde aus dem „Buddenbrooks“-Roman – trotz des für deutsche Verhältnisse hohen Budgets von über 16 Millionen Euro – nur ein gefälliges „Großes Fernsehspiel“. Der Film startet bundesweit am 25. Dezember in den Kinos. Fotos: Konsul Jean Buddenbrook (Armin Mueller-Stahl) und seine Tochter Tony (Jessica Schwarz); Lübecker Gesellschaft: Das Private bleibt geschäftlich

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