Kritik der reinen Natur

Es waren zwei Autoren, die hatten einander so lieb. Sie hießen Daniel Kehlmann und Sebastian Kleinschmidt. Kehlmann (33) hatte die „Vermessung der Welt“ durch Carl Friedrich Gauß und Alexander von Humboldt 2005 zu einem Bestseller verarbeitet. Mehr noch, zu einem der größten Erfolge der deutschen Nachkriegsliteratur. Jetzt reflektiert er in dem Bändchen „Requiem für einen Hund“ über Themen dieses Romans sowie über Gott und die Welt: Kindheit und Tod, Götter, Genies, Natur, Zählen und Erzählen, Humor, Schauspieler und Theater, Ruhm, Fiktion und Geschichte. Sebastian Kleinschmidt (60), Essayist und seit 1991 Chefredakteur der renommierten Literaturzeitschrift Sinn und Form, übernimmt die Funktion der intellektuellen Hebamme. Das Problem: Wo immer nur liebevolle Zustimmung und Ergänzung herrschen, aber niemals provokanter Widerspruch, da bleiben die Themen leicht unter ihrem potentiellen Niveau. Der Zwang zur Präzision hängt locker, konstruktiver Zweifel an der eigenen Position erfährt kaum Förderung. Freilich produzieren die beiden eine Vielzahl interessant-schräger Behauptungen. Etwa daß Hochbegabte wie der Mathematiker, Physiker und Astronom Gauß durch ihr – vergleichsweise – unfähiges Umfeld gemartert werden. Daß ihnen die Langsamkeit der Mitmenschen als Diebstahl an der eigenen Lebenszeit erscheine. Oder: daß Christi Schweigen zur Sklaverei „vielleicht das unheilvollste Schweigen der Menschheitsgeschichte“ gewesen sei. Bei derlei Spekulationen ist Harmonie kein Hindernis. Wohl aber hindert sie das Abbremsen von Einseitigkeiten wie der gemeinsamen Ablehnung des Regietheaters. Zumal Kehlmann in Sachen Theater zweifach vorbelastet ist: Erstens war sein Vater doch ein Regisseur, der sich stets für „Werktreue“ einsetzte. Zweitens ist er selbst Schreiber, vertritt also als Verfechter „werktreuer“ Inszenierungen eigene Interessen. Als Gewährsmänner seiner Position führt Kehlmann folglich nur Autoren an, sei es Samuel Beckett oder Jean Anouilh. Man hätte ihn mit einem Theaterwissenschaftler konfrontieren müssen. Der hätte zum Beispiel den Begriff der „Werktreue“ auseinandergenommen, ihm erklärt, daß interpretatorische Werktreue und buchstabengetreue Aufführung keineswegs identisch sein müssen. Der hätte bemängelt, daß Autoren problemlos Texte von Kollegen bearbeiten oder nachdichten dürfen, während man dem Regisseur eine Bearbeitung nicht zugesteht. Der hätte Kehlmann gefragt, warum der Regisseur der nachschaffende Sklave der Literaturgötter sein soll. Der hätte den Dualismus „werkgetreue“ Inszenierung und Regietheater mit der Tatsache konfrontiert, daß immer mehr Regisseure eigene Stücke montieren, mit Texten aus verschiedenen Quellen. Der hätte Plattheiten wie das Anouilh-Zitat „Nichts ändert sich weniger als die Inszenierungen der Avantgarde“ nicht durchgehen lassen. Kurzum, ein Theaterkundiger hätte ein wirklich produktives Gespräch ermöglicht, während Kleinschmidt dem Humboldt-Affen nur Zucker gibt. Aber nicht nur Einseitigkeit, auch intellektuelle Inkonsequenz und Widersprüchlichkeit passieren problemlos den Zensor. So verkündet Kleinschmidt: „Pflanzen und Steine lassen sich nicht kritisieren. Es gibt keine Kritik der Natur. Wir haben Kulturkritiker, aber keine Naturkritiker“. Ach nein? Was ist denn alle Gnosis und universelle Erlösungsphantasie à la Charles Fourier anderes als Kritik an der Natur? Sobald man die Realität mit einer Idee vergleicht, übt man „Kritik“. Kritik heißt schließlich nichts anderes als „Vergleich“. Oder: Was ist – um ein aktuelles Beispiel zu zitieren – die Gentechnik, wenn nicht eine tätige Kritik an der Natur? Kehlmann jedoch stimmt Kleinschmidt zu und haut bei dieser Gelegenheit auf die Hegelsche Naturphilosophie ein. Seltsam, da er an anderer Stelle Elias Canettis Protest gegen den Tod bewundert. Mag dieser Protest auch pragmatisch nutzlos sein, eine Kritik bleibt er trotzdem. Nein, höchstens die Tiere sind „unkritisch“ gegenüber der Natur. Kehlmann zitiert Rilke und erklärt sie für „totlos“. Sie führen kein (bewußtes) Leben zum Tode. In der Hinsicht sind sie wie Gott – obwohl ihr Leben ein ständiges „Sich-Belauern“ und gegenseitiges Fressen beinhaltet, sie also zu unablässigem Streß verdammt. Auch Kehlmanns Vater war zuletzt totlos. Eine Demenz raubte ihm phasenweise das Bewußtsein. Dann war er, laut Sohn Daniel, wie ein Kind, wie das unwissende Tier. Und – so muß man konsequent hinzufügen – wie Gott. War er in solchen Momenten glücklich? Der Sohn glaubt daran. Daniel Kehlmann/Sebastian Kleinschmidt: Requiem für einen Hund. Matthes und Seitz, Berlin 2008, kartoniert, 129 Seiten, 12,80 Euro   Neuer Kehlmann Drei Jahre nach seinem phänomenalen Erfolg mit „Die Vermessung der Welt“ erscheint Mitte Januar 2009 ein neues Buch von Daniel Kehlmann. In „Ruhm“ (Rowohlt, gebunden, 208 Seiten, 18,90 Euro) verknüpft er Realität und Fiktionen in neun Episoden zu einem romanhaften Gesamtbild.

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