Pankraz, St. Nikolaus und das ritualisierte Baby

Weihnachten ist das Fest der Gemütlichkeit, des Behagens bei vollkommen gutem Gewissen, des gemeinsamen Sichwohlfühlens. Daran ändert auch die Hektik nichts, die ihm vorausgeht, der Einkaufsrummel, das Bäumeschmücken, das Stollenbacken, im Gegenteil, all die Betriebsamkeit verstärkt nur das Behagen, das sich ab Heiligabend ausbreitet. Und warum ist das so? Pankraz behauptet: Weil Weihnachten das einzige Fest im Abendland ist, das voll durchritualisiert ist. Leben und Ritus fallen in ihm komplett in eins, so daß wir faktisch gar nicht mehr merken, daß wir extra etwas feiern.

Nun weisen auch viele andere Feste, ob religiöse oder weltliche, einen hohen Ritualisierungsgrad auf. Wir absolvieren in ihnen Gottesdienste, die ein einziges Ritual, eine einzige große Zeremonie sind, oder wir hören mit ernster Miene Festrednern zu, klatschen respektvoll Beifall, absolvieren (siehe Wiener Opernball) vorgeschriebene Paradetänze, legen Frack und Orden an. Das Ritual bleibt da aber ganz äußerlich, es ist ein Programm, das wir bewußt exekutieren, wobei wir uns ausdrücklich zusammenreißen, um einen guten Eindruck zu machen. Das ist eher ungemütlich.

Andere Feste wiederum sind zwar gemütlich, jedoch deutlich unterritualisiert, entweder zu privat (Hochzeiten, Geburtstage) oder zu strikt auf laute Gaudi und plattes Vergnügen gestimmt (Kirmes, Karneval). Sie enden oft mit einem Kater, zumindest einem Muskelkater, manchmal sogar mit gegenseitigen Vorwürfen oder Selbstvorwürfen. Irgend etwas fehlt bei ihnen, und dieses Etwas ist das Ritual, ein überpersönliches, „von oben“ geliefertes Regelwerk aus Symbolen und Handlungsanweisungen, in denen wir uns gefühlig bergen und mit denen wir den festlichen Ausnahmezustand rechtfertigen können.

Einzig an Weihnachten stimmt alles. Die Symbolik ist von allerhöchstem transzendenten Rang („Geburt des Herrn“), die daraus abgeleiteten Handlungsanweisungen gebieten größten Ernst und überwältigende Feierlichkeit. Christmette, Jubelchöre – das erfordert an sich strengen Dienst der triftigsten Art, eben Gottesdienst. Andererseits sind die Gesten und Farben dieses Dienstes derart tief in populäres Fluidum eingetaucht, daß sich alles wie von selbst erledigt. Weihnachten „macht echt Spaߓ.

Im Grunde ist Ostern das höhere Fest der Christenheit und müßte intensiver, ausführlicher und inniger begangen werden als Weihnachten. Indes, seine rituelle Ausstattung verhindert das. Sie enthält zu viele divergierende Formen, die sich nicht zur Deckung bringen lassen. Feier der Wiederauferstehung des Gekreuzigten auf der einen Seite, Ostereiersuchen auf der anderen – das geht allzu weit auseinander, läßt sich nicht wirklich zum Ritus vereinigen, der von Anfang an beides war: Kulthandlung und Brauchtum, strenger Dienst und ausgelassenes Festmahl.

Ganz anders Weihnachten. Der Gott, der hier angebetet wird, ist ein Baby, dem man völlig ohne jede Dienstanweisung gut und zugetan ist, das man spontan liebt. St. Nikolaus trägt zwar eine Zuchtrute im Gürtel, doch jeder weiß, daß er das nur pro forma tut und daß er in Wirklichkeit der Weihnachtsmann ist, der Geschenke bringt. Der Stall von Bethlehem glitzert heimelig durch die Nacht. Freundliche Streicheltiere, Ochs und Esel, versammeln sich um die Krippe, und überall ist „ein Reis entsprungen“, ob Tannenbaum oder Mistelzweig, und kündet vom Sieg der lebendigen Natur über die Kälte in der Landschaft und in den Herzen der Menschen.

Daß sich dabei universal-christliche und regionale, uralte vorchristliche Symbole mischen, stört den Frieden und die Begeisterung überhaupt nicht, denn Symbolvermischung gehört nun einmal zur Entfaltung von Ritualität dazu. Das alte lateinische Wort „Ritus“ bedeutete „Ordnung“ im Sinne von „Das, was sich von selbst versteht“, und es meinte stets zweierlei: erstens die von den Priestern festgelegten Zeremonien und Liturgien, zweitens die Stammesgewohnheiten des Volkes, die meist noch älter als die Priesterzeremonien waren und auf die die Priester sorgfältig Rücksicht nahmen.

Kulturkritiker, auch christliche, haben bekanntlich eine Menge gegen Weihnachten einzuwenden. Speziell die Vermischung von anspruchvollem Kult und populärem Brauchtum, christlicher Ur-Dogmatik und heidnischer Ur-Erinnerung ist ihnen zuwider. Sie sagen, daß daraus unerträglicher Kitsch entstehe, Talmi, ein lächerlicher Zwitter aus Banalität und Transzendenz, und daß aus solchem Zwitterwesen schlimme Heuchelei sprieße, Unempfindlichkeit gegenüber den Einsamen und wahrhaft Gläubigen.

Selbst wenn das voll stimmte, so stünde dem Debet doch, findet Pankraz, eine stattliche Habenseite entgegen, die das Weihnachtsfest positiv über alle übrigen Feste in hiesigen Breiten hinaushebt und es auch für intellektuelle Eierköpfe attraktiv oder zumindest erträglich machen sollte. Es stimmt unleugbar freundlich füreinander, löst viele humanitäre Initiativen aus, verschafft fast jedem Zeitgenossen harmlose Genüsse und stiftet gewaltige Freude bei den beschenkten Kindern.

Und gerade das, was die Kritiker am heftigsten erregt, nämlich die Vermischung von Banalität und Transzendenz im Ritus, läßt sich ja durchaus freundlich interpretieren. Wenigstens einmal im Jahr, so registrieren wir erleichtert, fallen Höchstes und (beinahe) Niedrigstes zusammen, wird das Behagen gleichsam geadelt, während Gott in Gestalt des Babys zeigt, daß er nicht nur respektiert und angebetet werden will, sondern nichts dagegen hat, wenn er einfach geherzt und geküßt wird. Keine kleine Offenbarung dies.

Ritus hat etwas mit Rhythmus zu tun. Weihnachten, das Fest des vollendeten Ritus, ist ein ausgesprochen rhythmisches Fest. Es pulst vergnügt im Ablauf der rituell vorgegebenen Ereignisse, wechselt unentwegt zwischen strahlender Helle und lauschiger Dunkelheit und ist durch und durch von Musik durchtönt. Das bekommen auch die Einsamen und Vergessenen zu spüren.

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