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Der Mozart der Theologie

Auf dem Petersplatz erhebt sich die dreiunddreißig Meter hohe Fichte aus Österreich, geschmückt mit 2.000 goldenen und silbernen Kugeln, Lichterketten sowie einem leuchtenden Stern. Darunter die Krippe mit ihren lebensgroßen Figuren. Im hellen Licht der Dezembersonne erstrahlt die Kuppel von Sankt Peter, schwebt wie eine gewaltige steinerne Frucht über Rom. Die Ewige Stadt im Dezember: Menschen aus aller Welt strömen täglich zu Tausenden und Abertausenden auf diesen Platz – besonders jetzt zur Weihnachtszeit, um die christliche Botschaft zu hören und um den traditionellen Segen „Urbi et orbi“ (der Stadt und dem Erdkreis) zu empfangen. Am ersten Weihnachtstag verkündet der Papst den Grundgedanken der Christenheit: daß Gott in einem kleinen Kind Mensch geworden ist, die Menschheit erlöst und deshalb ihre Geschichte und die des Einzelnen zum Guten gewendet hat. Zum vierten Mal feiert Papst Benedikt XVI. das Weihnachtsfest in Rom. Die Gestalt des 81jährigen Pontifex ist schmaler, zerbrechlicher geworden, sein Haar noch schlohweißer. Nur seine Stimme klingt noch immer fest und warm. Der Papst aus Bayern kann seine Heimatwurzeln nicht verleugnen, noch immer schlägt der bayerische Tonfall auch in seinen italienischen Ansprachen durch. Viel hat sich unter seinem Pontifikat im Vatikan gewandelt. Die lange überfällige Reform der Kurie ist fast abgeschlossen. Vieles wurde verschlankt, die Zahl der päpstlichen Kommissionen und Räte zusammengestrichen und entscheidende Ämter neu besetzt. War sein Vorgänger Johannes Paul II. ein Papst der Bilder, so ist Benedikt XVI. ein Papst des Wortes. Behutsam wählt dieser wahrscheinlich größte Theologe Europas seine Worte; man nennt ihn längst verzückt den „Mozart der Theologie“. Wer durch Rom geht, hört jetzt immer öfter in einigen Kirchen am Morgen und am Abend wieder die Messe in lateinisch, meistens begleitet von Gregorianischen Gesängen. Erst eineinhalb Jahre ist es her, seit der päpstliche Erlaß zur Alten Messe in Kraft trat. Benedikt XVI. wollte mit dem Motu Proprio „Summorum Pontificum“ die lateinische Messe als liturgische Alternative neu verankern. Während früher in Rom vor allem der „schwarze“ Adel der lateinische Messe frönte, sind es jetzt auch die Jungen und natürlich die Alten wieder, die dank Benedikt XVI. in Latein beten: „Deo gratias“, tönt es aus den nur von Kerzen erleuchteten Kirchen und Kapellen. Während der Pole Johannes Paul II. universal seinen Kampf gegen den Kommunismus führte, ist der Deutsche Benedikt XVI. ein zutiefst europäischer Papst. Er pocht auf die christlichen Wurzeln des Abendlandes. Seine Mission sieht er vor allem darin, Europa wieder christlich zu machen. Er scheut sich nicht, die Großen dieser Welt öffentlich zu rügen. So übte er 2006 heftige Kritik bei seinem Besuch in Spanien an der laizistischen Gesetzgebung, die unter dem Sozialisten José Luis Zapatero im Lande eingerissen ist. In Paris warnte der Papst im September 2008 vor den heidnischen Idolen. Er sprach darüber, daß Geld und Macht die Götzen der gegenwärtigen Welt seien, gegen die er die Kraft des christlichen Glaubens und die Überzeugung der Gläubigen entgegensetzte. Trotz dieser Strafpredigt wurde ihm in Frankreich ein – von niemandem erwarteter – grandioser Empfang bereitet. Auch der Weltjugendtag in Sydney im Juli dieses Jahres wurde ein voller Erfolg; Papst Benedikt XVI. wurde wie ein Rockstar gefeiert, obwohl er auch hier mahnend dazu aufrief, sich vom Materialismus der Welt ab- und dem Glauben zuzuwenden. Über Nacht ist aus diesem scheuen, zurückhaltenden Gelehrten-Priester ein wahrer „Menschenfischer“ geworden, was niemand erwartet hätte, am wenigsten wohl er selber. Während seiner USA-Reise nutzte der Pontifex seine Chance vor den Vereinten Nationen, wo er in vielen Sprachen die Anwesenden begrüßte, um dann scharf und klar sein Mißfallen zu äußern. Er erinnerte daran, daß die Uno mehr sein müsse als nur eine „Kompromißfabrik“. Doch bei aller Kritik an den USA bleibt Amerika für den Papst ein Vorbild, was die Rolle der Religion im öffentlichen Leben angeht. Denn hier könne man erleben, wie eine Gesellschaft allem Materialismus zum Trotz gläubig bleibe. Mag dieser Papst auch den Großen der Welt ins Gewissen reden und sie immer wieder mahnen, sein Hauptanliegen ist und bleibt der Dialog zwischen den Religionen: zwischen Juden und Katholiken. Zwischen Katholiken und der Orthodoxie. Mit der Orthodoxie gibt es eine betonte Annäherung aufgrund theologischer Gemeinsamkeiten. Der Dialog mit den Juden wird immer wieder gefördert und beschworen, ist jedoch nach wie vor historisch belastet. Davon legen nicht nur die Spannungen um eine etwaige Seligsprechung des wegen seiner Rolle im Dritten Reich umstrittenen Pius XII. Zeugnis ab, sondern hierzulande aktuell auch die Angriffe des Zentralrats der Juden in Deutschland auf die Priesterbruderschaft Pius X.. Die 1970 von Erzbischof Marcel Lefebvre (1905-1991) gegründete traditionalistische Bruderschaft hatte in einem Brief an die katholischen deutschen Bischöfe unter anderem den Dialog mit dem Judentum kritisiert. Die heutigen Juden seien „nicht nur nicht unsere älteren Brüder im Glauben, wie Papst Johannes Paul II. bei seinem Synagogenbesuch in Rom 1986 behauptete“. Sie seien vielmehr „des Gottesmordes mitschuldig, solange sie sich nicht durch das Bekenntnis der Gottheit Christi und die Taufe von der Schuld ihrer Vorväter distanzieren“, heißt es in dem Schreiben. Der Zentralrat der Juden hatte daraufhin die katholische Kirche zu einer klaren Distanzierung von der allerdings vom Vatikan ohnehin offiziell nicht anerkannten Priesterbruderschaft aufgefordert. Auch der Dialog mit dem Islam wird nach der mißverstandenen Regensburger Rede (2006) von Benedikt XVI. beharrlich verfolgt, trotz Mißtrauens und kultureller Unterschiede. Im Vatikan werden dazu Tagungen und Foren einberufen, erst Anfang November fand unter Leitung des Päpstlichen Rats für den Interreligiösen Dialog ein erstes Seminar des Katholisch-Muslimischen Forums statt, das eine gemeinsame Erklärung verabschiedete. Gleichzeitig warnt dieser so hochtheologische Papst vor Illusionen im interreligiösen Dialog und zeigt die Grenzen der Annäherung auf. So schrieb er jüngst in einem Buchvorwort: Die Multikulturalität sei „innerlich widersprüchlich“ und daher „politisch und kulturell letztlich unmöglich“. Europa müsse von seinem „christlich-liberalen Fundament seine Identität finden, nicht eine imaginäre kosmopolitische“. Foto: Weihnachtliche Stimmung auf dem Petersplatz in Rom: Menschen aus aller Welt strömen täglich zu Tausenden hierher

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