Pankraz, Dr. Zimmermann und das Haus Einsamkeit

Kann man guten Gewissens neu erscheinende Bücher empfehlen, die über 450 Euro kosten, obwohl ihre äußerliche Aufmachung nicht sonderlich kostbar ist und ihr Inhalt gewissermaßen strohtrocken und zudem noch in einem altmodischen Stil geschrieben? Pankraz unternimmt hiermit dergleichen. Er empfiehlt: Johann Georg Zimmermann, "Über die Einsamkeit", unveränderter Nachdruck der Leipziger Erstausgabe von 1773, Georg Olms Verlag, Hildesheim 2008, Leinen, 1.324 Seiten in 4 Bänden, je Band 118 Euro. Der Kauf "lohnt" sich vielleicht nicht für jedermann, aber das Geld wäre trotzdem nicht verschwendet.

Das Buch machte bei seinem Erscheinen mitten in der Zeit der sogenannten Aufklärung riesige, seriöse Sensation, und es ist auch heute noch eine tolle Trouvaille, so als würde einem plötzlich im Hausflur ein riesiger Steinpilz wachsen. Sein Verfasser, J. G. Zimmermann (1728-1795) war ein berühmter Schweizer Mediziner, Leibarzt Friedrichs des Großen wie Georgs III., Königs von England, und der Kaiserin Katharina von Rußland. Er war aber auch als Schriftsteller unterwegs und hatte schon einmal einen "Bestseller" gelandet, nämlich "Von dem Nationalstolze" im Jahre 1758.

Zimmermann haßte und verachtete den gängigen Rationalismus der Aufklärung, den von ihr praktizierten Ausschluß aller gefühlshaften und sinnlichen Argumente aus der intellektuellen Diskussion. Insofern war er ein zweiter Rousseau oder Herder, nur war sein bevorzugtes Feld nicht das Leben der Völker oder anderer Sozietäten, sondern das Innere des Menschen, seine wechselnden Stimmungen und Seelenlagen. Im Phänomen der Einsamkeit sah Zimmermann den notwendigen geistigen Widerpart zur Geschwätzigkeit und Oberflächlichkeit des öffentlichen Redens. 

Das Wort "Einsamkeit" ist von Zimmermann erfunden, zumindest von ihm aus dem naiven Volksgebrauch herausgeholt worden. Vor ihm hatte man auch im elaborierten Deutsch, wie heute noch im Englischen und Französischen, zwischen Alleinsein und Fürsichsein (eben Einsamkeit) keinen Unterschied gemacht. Alles war bloße "solitude"; höchstens kannte man noch, als schlimme Steigerungsform, die Verlassenheit, "desertatio" auf Lateinisch.

Man konnte dem Alleinsein keine positiven Aspekte abgewinnen. Wer lange allein war, der verfiel mit Sicherheit der "Melancholia", der "schwarzen Galle", die nach Ansicht der alten Ärzte den Körper wie Milzbrand durchseuchte und sich schließlich auch auf die Seele ausdehnte. Selbst den rein berufsmäßig zu langem Alleinsein bestimmten religiösen Anachoreten und Pergamente vollschreibenden Mönchen drohte dieses Schicksal. Man sprach im Mittelalter von der "Mönchskrankheit", der "Acedia", und sann über allerlei Tricks nach, um ihr zu entgehen. Wer sich bewußt der Melancholie hingab, der beging eine Sünde, eine Todsünde gar.

Mit alledem räumte Zimmermann in seinem großen Buch gründlich auf. Die "schwarze Galle" verwies er als empirisch gewiefter Medizinmann ins Reich der Fabel. Die Stigmatisierung der Melancholie als Sünde war in seinen Augen selber Sünde. Als guter Protestant betrachtete er sie eher als eine Art Versuchung durch negative äußere Kräfte, die auf Entmutigung aus waren, die einem den Mut "schwer" machten. So entstand ein weiteres prächtiges deutsches Wort: "Schwermut" als Übersetzung für Melancholie.

Gegen die Schwermut halfen Gebete, praktische Gartenarbeit, Musik, Bach, Haydn, Mozart. Indes, Zimmermann war weit davon entfernt, einzig über Therapien gegen die Schwermut nachzusinnen, im Gegenteil, er entdeckte gerade im bedachtsamen Alleinsein ein probates Mittel gegen Mutlosigkeit jeglicher Art und mehr als das: Bedachtsames Alleinsein, bewußtes Fürsichsein, Einsamkeit war in seinen Augen eine unabdingbare Kulturübung, ohne die die Menschheit auf Dauer gar nicht bestehen könnte.

Alle unsere Klassiker und Romantiker ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, von Goethe bis Schopenhauer und Nietzsche, haben in dieser Hinsicht von Zimmermann gelernt. Goethe hat oft mit dem Arzt aus Hannover gesprochen, der ihn mehrfach in Weimar besuchte. Die berühmten Merksätze über den Wert der Einsamkeit in Schopenhauers "Parerga und Paralipomena" stehen sämtlich schon in Zimmermanns "Über die Einsamkeit", nur sind sie dort weniger knapp und weniger gut formuliert, gleichsam zugehängt mit Fachsprache und Oberlehrerei.

Einsamkeit, so lesen wir jedenfalls hier wie dort, ist das Los aller wirklich hervorragenden Geister. Die Liebe zur Einsamkeit kann nicht als ursprünglicher Hang da sein, sondern erst infolge der Erfahrung und des Nachdenkens entsteht sie. Das Hauptstudium der Jugend sollte sein, die Einsamkeit ertragen zu lernen, weil sie eine Quelle der Schöpferkraft, des Glücks und der Gemütsruhe ist. Zwar fühlt in der Einsamkeit der Jämmerliche seine ganze Jämmerlichkeit, der große Geist aber fühlt in ihr seine ganze Größe. Kurz: Erst in der Einsamkeit sieht jeder sich als das, was er wirklich ist.

Auch Stendhal, der große französische Romancier und Seelenkenner, hatte Zimmermann gelesen und setzte sich mit ihm in seinem eigenen großen Buch "Über die Liebe" überwiegend zustimmend auseinander. Er hatte aber einen Einwand. "In der Einsamkeit", schrieb er, "kann man tatsächlich alles erwerben – außer Charakter." Das schien wirklich ein gravierendes Argument. Wer will schon charakterfern sein!

Nietzsche, jenes Genie der Einsamkeit, das sowohl Zimmermann als auch Stendhal gelesen hatte, machte aber ein Gegenargument auf. "Die Einsamkeit", heißt es in seiner "Unschuld des Werdens", "macht uns härter gegen uns selbst und sehnsüchtiger gegen die Menschen. In beidem verbessert sie den Charakter." Was für ein schönes Rencontre! Nicht zuletzt derlei Geistesscharmützel machen die Erinnerung an JGZ interessant und wecken Neugier auf sein Jahrhundertbuch.

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