Joachim Kuhs

 

Lenker der Welt

Während die Ansprache des Papstes vor der UN-Vollversammlung als weltlicher Höhepunkt seines USA-Besuches gilt, kann als geistlicher wohl die Zusammenkunft mit den nordamerikanischen Bischöfen in Washington am 16. April betrachtet werden, die Benedikt XVI. zum Anlaß ernster Ermahnungen nahm, die Kirche und das Land im Sinn der christlichen Lehre zu erneuern. Bei der Gelegenheit wurde ein gemeinsamer Vespergottesdienst in der Unterkirche des National Shrine of the Immaculate Conception gefeiert. Die Krypta dieses wichtigen Marienheiligtums birgt die letzte von einem Papst getragene Tiara. Tiara ist ein Begriff aus dem Griechischen, dem das lateinische triregnum für „dreifache Herrschaft“ entspricht; eine ältere Bezeichnung ist frigium, da die Form an die phrygische Mütze erinnert. Aller Wahrscheinlichkeit nach wurde diese Kopfbedeckung tatsächlich aus dem vorderorientalischen Raum übernommen, wo im antiken Persien Würdenträger, vor allem Priester und Magier, konische Hüte trugen, die man in das byzantinische Hofzeremoniell übernahm und die später auch ihren Weg in den Westen fanden. Im 8. Jahrhundert gibt es erste Hinweise auf ein camelaucum, eine weiße hohe Mütze mit goldenem Reif, die Papst Konstantin I. außerhalb der liturgischen Feierlichkeiten als Würdenzeichen verwendete. Eine Tiara im engeren Sinn führte allerdings erst Bonifaz VIII. ein, der am Beginn des 14. Jahrhunderts den schon zur Krone ausgearbeiteten goldenen Reifen um einen zweiten und dritten ergänzen ließ. Trotz des faktischen Machtverlusts der Kirche zu diesem Zeitpunkt wollte er den Anspruch auf universelle Geltung seines Amtes deutlich machen – wie er in der berühmten Bulle Unam sanctam (1302) zum Ausdruck kam -, die Unfehlbarkeit in geistlichen Fragen behaupten und die Suprematie gegenüber dem Kaiser in Anspruch nehmen. Im Detail gab es eine Fülle von Interpretationen der Tiara, die eher geistlicher (die Herrschaft des Papstes über die Kirche auf Erden, die leidende Kirche im Fegefeuer und die triumphierende im Himmel) oder weltlicher Natur (die Herrschaft des Papstes in Analogie zu der des Kaisers, der seinerseits die drei Kronen der Deutschen, der Langobarden und die Kaiserkrone führte) waren. In jedem Fall handelte es sich bei der Tiara um eine Insignie der Macht (pro regno), die von den Päpsten nicht bei den heiligen Handlungen (pro sacerdotio) getragen wurde. Sie erscheint deshalb bis heute auch über den Schlüsseln als Wappen des Kirchenstaates beziehungsweise des Vatikans. Dieses Emblem trat zwar erst relativ spät als Hoheitszeichen auf, symbolisierte aber seit dem Ende des Mittelalters die „Schlüsselgewalt“ des Nachfolgers Petri, gemäß Matthäus 16.19, wo Christus zu Petrus spricht: „Ich will dir die Schlüssel des Himmelreichs geben: alles, was du auf Erden binden wirst, soll auch im Himmel gebunden sein, und alles, was du auf Erden lösen wirst, soll auch im Himmel gelöst sein.“ Obwohl die Tiara über lange Zeit zu den bevorzugten Symbolen päpstlicher Macht gehört, wird sie seit mehr als vier Jahrzehnten von keinem Papst mehr getragen. Der letzte, der dieses Würdenzeichen erhielt, war Paul VI. Wie seine Vorgänger wurde er am Ende der Messe, bei der er sein Amt übernahm, durch den rangältesten Kardinaldiakon feierlich gekrönt, mit den Worten: „Empfange die mit drei Kronen geschmückte Tiara und wisse, daß Du der Vater der Fürsten und Könige bist, der Lenker der Welt, der Statthalter unseres Heilands Jesu Christi auf Erden, dem Ruhm und Ehre sei in Ewigkeit. Amen.“ Paul VI. legte die Tiara aber schon 1964 in feierlicher Zeremonie ab und schenkte sie den amerikanischen Katholiken als Gegengabe für deren großzügige Spenden an die Armen. Alle Versuche, die Tiara direkt zu verkaufen, wie von Paul VI. eigentlich gewünscht, scheiterten. Schließlich verbrachte man sie in die Marienbasilika von Washington, und offensichtlich erfüllen die dort gesammelten Mittel für karitative Aufgaben den ursprünglich angestrebten Zweck. Die Nachfolger Pauls VI. – Johannes Paul I., Johannes Paul II. und Benedikt XVI. – verzichteten ganz auf Krönung und Inthronisation. Sie beschränkten sich auf eine feierliche Amtseinführung und Annahme von Pallium und Mitra. Benedikt XVI. verwendet auch keine Tiara über seinem persönlichen Wappen mehr, allerdings eine Bischofsmütze mit drei goldenen Querstreifen. Die JF-Serie „Politische Zeichenlehre“ des Historikers Karlheinz Weißmann wird in zwei Wochen fortgesetzt. Foto: Grabplatte Urbans V., Papstpalast zu Avignon, 14. Jahrhundert

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