Jenseits der Heiligenlegende

In der März-Ausgabe 2008 (Rabi Al-Awwal 1429) von The Muslim World League Journal, dem in Mekka erscheinenden Sprachrohr der in diesem Bündnis zusammengeschlossenen 22 islamischen Staaten, beschreibt Muzammil H. Siddiqui, Präsident des Fiqh Council of North America, den Propheten Mohammed als das humane Lebewesen schlechthin: „Es sollte festgehalten werden, daß unsere Liebe für den Propheten (Friede sei über ihm) wahrhaftig groß ist. Diese Liebe legt viele Verpflichtungen und Aufgaben auf unsere Schultern. Diese Aufgaben bedeuten, ihm Respekt zu zollen, seine Biographie zu studieren und in seine Fußstapfen zu treten, ihn gegen alle Mißverständnisse zu verteidigen und zu versuchen, die Wahrheit über seine Moral, seine Umgangsformen und die Sunna zu verbreiten. In bezug auf Muhammad (Friede sei über ihm) sagt Allah, der Allerhöchste: ‘Und wahrlich, du (O Muhammad, Friede sei über ihm) hast ein erhabenes (Niveau) von Charakter’ (Sure 68,4).“ In dem dann folgenden Text wird Mohammeds sittliche Vollkommenheit in höchsten Tönen gelobt. Dabei geht es dem Verfasser, wie er sagt „nicht nur um ein paar moralische Attribute“, sondern sozusagen um die Totalität seines Lebens. „Er war freundlich, mitfühlend, fürsorglich, großzügig und demütig, aber auch stark, tapfer, eloquent, klug und einsichtig.“ Er war beispielhaft in allem und trug diese Charakterzüge durch sein ganzes Leben. Geradezu überschwenglich preist Siddiqi dann Mohammeds Barmherzigkeit. „Denen, die ihn in Mekka verfolgt und seine Verwandten und Anhänger getötet hatten, vergab er, als sie in den Kämpfen unterlagen und gefangengenommen waren. Niemals nahm er Rache oder Vergeltung. Er war die vergebende Person schlechthin.“ Der Artikel schließt dann mit der Aufzählung der Namen, die seine positiven Attribute und Qualitäten sowohl im Koran als auch im Hadith unterstreichen. Wer nun jemals die „authentische“ Biographie dieses Menschen gelesen hat, so wie sie uns von Muhammad, dem Sohn des Ishaq (geboren 85 und gestorben 151 Jahre nach der Hedschra) aufgeschrieben und von Abdul-Malik, dem Sohn des Hisham (gestorben 213 oder 218 nach der Hedschra) überarbeitet worden ist, dem wird, um es milde auszudrücken, schwindlig bei so vielen Lobpreisungen. Es ist daher auch verständlich, daß es neben dieser Biographie im Laufe der Geschichte immer wieder Lebensbeschreibungen Mohammeds gab und gibt, die viele dunkle Seiten und Absonderlichkeiten seiner Vita umschreiben, verharmlosen oder ganz weglassen. Hans Jansen, der niederländische Forscher, hat das mit seinem Buch nun nicht getan. Er folgt genau der Textvorlage von Ibn Ishaq, allerdings ohne die Quellen zu diskutieren, das heißt er nimmt sie so, wie ein frommer Muslim diese wohl auch liest, sofern er überhaupt dazu kommt – was Siddiqi augenscheinlich nicht gelang – und sich nicht mit einer „Heiligenlegende“ zufriedengibt. An ein paar Stellen allerdings geht Jansen auf neuere Untersuchungen ein – Tilman Nagels „Mohammed“ (JF 28/08) lag ihm noch nicht vor – wie auf Patricia Crone, die in Mekka keine damalige wichtige Handelsstadt sieht, und auf die philologischen Untersuchungen von Christoph Luxenberg. Indem er also dem Text folgt, stellt er jedoch manchmal Fragen, ohne sie zu beantworten. Wurde Mohammed wirklich im Jahr 570 (das Jahr des Elefanten) in Mekka geboren? Andere Quellen sprechen von 552. Was stimmt also? Wir wissen es nicht! Probleme gibt es auch mit Mohammeds Mutter und Vater. Wundererzählungen werden von Jansen meist nicht kommentiert. Er stellt nur fest, daß diese wahrscheinlich von Historikern kritisch gesehen werden. Auch die Frage nach der Historizität des Propheten wird gestellt und bleibt offen. Jansen geht auch der Bedeutung des Namens „Mohammed“ nach, der durchaus nicht als Eigenname gelesen werden muß, sondern in der genauen Übersetzung des arabischen Wortes muhammad (de facto ein Partizip), genau wie das lateinische benedictus „gepriesen“ bedeutet. Im Blick auf das Hohelied des edlen Menschen Mohammed im Journal der Muslim World League fällt allerdings auf, daß Jansen hier nicht „multireligiös korrekt“ denkt. Nehmen wir etwa Kapitel 12 mit der Überschrift „Wer erlöst mich von Ibn al-Aschraf?“ und dem Untertitel „Die Geschichte eines Mordes“: „Nach Ibn Ishag war Mohammeds Prestige nach der Schlacht bei Badr (März 624) enorm gestiegen. Es genügte die beiläufige Bemerkung des Propheten: ‘Wer erlöst mich von Ibn al-Aschraf?’ und der Betreffende wurde ermordet.“ Der vollständige Name dieses Mannes lautete Ka’ab ibn al-Aschraf. Über seine Mutter gehörte er zu den drei jüdischen Clans in Medina, zu den Banu al-Nadir. Ein gewisser Muhammad ibn Maslama verübte mit zwei Freunden den Mord. Die Geschichte nimmt etwa fünf Seiten in der Übersetzung von Guillaume ein. Diese Überlieferung wurde von den Mördern des ägyptischen Präsidenten Anwar al-Sadat 1981 aufgegriffen – aus einer Nacherzählung von Ibn Taimiyya, einem der frühen Protagonisten der radikalislamistischen Theologie, der um 1300 in Syrien und Ägypten aktiv war. Sadats Mörder nahmen die Geschichte in ein Dokument auf, das einer von ihnen nicht lange vor dem Anschlag auf den Präsidenten am 6. Oktober 1981 zu seiner Verteidigung schrieb. Für diese Männer zeigte die Geschichte einerseits, daß eine Lüge im Interesse der guten Sache erlaubt ist, und andererseits, wie man mit den „Feinden Gottes“ umzugehen habe. „Feind Gottes“ ist nämlich auch die Bezeichnung, mit der Ibn Ishaq Ka’ab ibn al-Aschraf benennt. Moderne Muslime, so meinten die Männer, die kurz darauf Sadat ermorden sollten, konnten aus dieser Geschichte durchaus noch einen Nutzen ziehen. Auf Mohammeds Ausruf: „Wer erlöst mich von ibn al-Aschraf?“ antwortete Ibn Maslama: „Das übernehme ich, Gesandter Gottes, ich werde ihn töten.“ Der Prophet wußte also vermutlich, auf welche Weise Ibn Maslama das Problem lösen würde. Das zeigt auch seine Antwort: „Nur zu, wenn du kannst.“ Der Mord an ibn al-Aschraf ist nur ein Beispiel für den in vielen Bereichen ganz und gar nicht „traditionsfähigen“ Propheten. Jansen verweist weiterhin auf achtzig Meuchelmorde, die ihm zugeschrieben werden, und schreibt: „Selbst wenn es nur halb so viele waren, sollte man sich doch mit dieser Frage beschäftigen. Bei einem Politiker oder Feldherrn der Antike wie Alexander dem Großen würde eine solche Zahl nicht überraschen, aber bei einem Religionsgründer kann das leicht zu Problemen führen. Werden seine Anhänger ebenfalls morden wollen, wenn ihre Meinung nicht geteilt wird? Seit dem Mord an Theo van Gogh am 2. November 2004 wissen wir, daß es Muslime gibt, die tatsächlich dieser Überzeugung sind und dem Wort die Tat folgen lassen.“ Jansen weist ebenfalls darauf hin, daß viele spätere Autoren, die sich auf Ibn Ishaq beziehen, folgenden, dem Propheten zugeschriebenen Ausspruch unterschlagen haben: „Tötet jeden Juden, der unter eure Macht fällt.“ Als der Verfasser dieser Rezension den gerade auf den Lehrstuhl für islamische Religionspädagogik an die Universität Osnabrück berufenen Bülent Ucar über seine Haltung zu Mohammeds negativen Seiten befragte und für die Religionsfreiheit gemäß den Artikeln des Grundgesetzes eine Wertmessung der Religionen einforderte, da wurde ihm „Kulturrassismus“ vorgeworfen. Und im übrigen sei es nicht seine Aufgabe, so Ucar, seinen Studenten (vier an der Zahl) als zukünftigen islamischen Religionslehrern derartige Problemfelder nahezubringen. Hans Jansen führt immer wieder Bibelstellen an, die Koranverse oder die Gestaltung der Geschichten in der Biographie des Propheten eindeutig beeinflußt haben wie auch das Gesamtkonzept derselben. Und so wird in den 19 Kapiteln seines Buches nach und nach deutlich, daß aus den vielen Geschichten des Ibn Hisham bzw. Ibn Ishaqs Vorlage dafür keine verantwortbare Vita Mohammeds geschrieben werden kann. Dabei kommt es außerdem noch zur Problematik einer chronologischen Lücke, die sich aus der Reform des antiken arabischen Kalenders ergibt, von der der Koran und Ishaq bzw. Hisham berichten. Die zwei Koranverse, Sure 9,36-37, die dies ankündigen, lassen sich ausschließlich als die Verkündigung eines Verbots der Schaltmonate verstehen. Es wird angenommen, daß die Kalenderreform kurz vor dem Tode Mohammeds stattgefunden habe. Da Ibn Ishaqs Werk bzw. dessen Redaktion durch Ibn Hisham gerade wegen der genauen Datierungen bei den Muslimen als absolut zuverlässig gelten, ergibt sich allerdings für den kritischen Forscher etwas Eigentümliches. Kein einziges Ereignis der Sira, also der Mohammed-Biographie, ist auf einen Schaltmonat datiert worden. Daraus folgt, daß weder ihr Verfasser noch sein späterer Redaktor ein wirklicher Historiker sein kann, der versucht, objektiv zu berichten. Alle Erklärungsversuche dieser kalendarischen Kalamität führen so oder so zu der Erkenntnis, daß die Geschichtenerzähler keinen Anspruch auf die Darstellung historischer Ereignisse haben können. Damit wäre dann die ganze Biographie Mohammeds eine fromme Erfindung. Hier nähert sich Jansen der Meinung des Münsteraner Lehrstuhlinhabers für die Religion des Islam, Muhammed Sven Kalisch, an, der die beiden ersten Jahrhunderte der islamischen Geschichte für entweder erfunden oder gefälscht hält. Jansen beschließt sein Werk mit der gerade uns Europäer und Deutsche umtreibenden Frage, wie wir es mit einer uns eigentlich fremden, jedoch zahlenmäßig immer stärker werdenden Religion halten sollen, die im Gegensatz zu anderen Religionen eine nicht zu übersehende Komplikation enthält. Er schreibt: „Es gibt Muslime, die unter Berufung auf Koran und Mohammed bereit sind, Gewalt einzusetzen, um ihren religiösen Vorstellungen Nachdruck zu verleihen. Das behindert den freien Austausch von Gedanken und Meinungen. Schon wenige Fanatiker reichen aus, um Andersdenkende zu bedrohen. Hin und wieder lassen sich Muslime von der Kampfeslust und dem Expansionsdrang Mohammeds inspirieren. Bisweilen werden sie dazu von Freunden, religiösen Führern und bestimmten Koranstellen (besonders 2,191; 2,216) ermutigt. Das Nacheifern von Mohammeds Beispiel und dem seiner ersten Anhänger kann dazu führen, das zeigen Ibn Ishaqs Geschichten sehr gut, daß Menschen bereit sind, für den Islam zu morden und zu sterben. Darauf haben die kulturellen und politischen Eliten moderner offener Gesellschaften so gut wie keine Antwort. Was sagen diese beispielweise zum Inhalt der Sure 9,30, die Andersdenkende verflucht? „Wer bereit ist, für seine Überzeugung zu sterben, erweckt Bewunderung, wer jedoch für seine Religion mordet, erzeugt zumeist tiefen Abscheu und darf keinen Anspruch auf die Krone des Märtyrertums erheben.“ Hans Jansen hat uns mit seiner gut lesbaren Mohammed-Biographie einen großen Dienst erwiesen. Er nimmt die Biographie ernst und entlarvt sie dabei trotz auch positiver Aspekte im Leben des Propheten zusammen mit dem Koran als eine letztlich gefährliche Medizin für die Muslime. Juden und Christen muß das einige Sorgen bereiten! In einer Besprechung des einflußreichen Buches von David Pryce-Jones „The closed Circle“ schrieb Conor Cruise O’Brien im Mai 1989 ziemlich bissig in The Times: „Es bleibt wahr, daß die arabische und muslimische Welt krank ist und das schon lange. Im letzten Jahrhundert schrieb der arabische Dichter Jamal al-Afghani: ‘Jeder Muslim ist krank, und sein einziges Heilmittel ist der Koran.’ Unglücklicherweise wird die Krankheit schlimmer, je mehr man von diesem Heilmittel nimmt.“ Hans Jansen: Mohammed – Eine Biographie. Verlag C.H. Beck, München 2008, gebunden, 491 Seiten, 24,90 Euro   Prof. Dr. Karl-Heinz Kuhlmann lehrt an der Evangelischen Theologischen Fakultät der Universität Leuven/Belgien. Foto: Mohammed (ohne Gesicht) und Gefolge ziehen unter Obhut der Erzengel in Mekka ein: Historizität des Propheten bleibt offen

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