Fast wie im Westen

Markig, unterhaltsam, beklemmend: Ulrich Schacht hatte einiges zu bieten. Die Hamburger Autoren-Vereinigung und die Konrad-Adenauer-Stiftung hatten den Schriftsteller eingeladen, um sich aus seinem Erfahrungsschatz mit den verschiedensten Formen und Folgen von 1968 zu bedienen. „Zweimal 68: Prager Frühling und Studentenrevolte“ hieß das Motto des Abends. Der aus seinem schwedischen Refugium angereiste Dichter ließ es sich nicht nehmen, mit einem lokalen Thema einzusteigen. Schließlich hatte er hier von 1977 bis 1998 gelebt und sich auch parteipolitisch versucht, als er 1997 für den rechtsliberalen Bund freier Bürger (BFB) zur Hamburger Bürgerschaft kandidierte. „Das ist ja schon 200 Jahre her“, schoß es ihm darauf angesprochen aus dem Mund. Und bevor er so richtig zum Prager Frühling, der DDR und den 68ern kam, knöpfte er sich die schwarz-grüne Hamburger Koalition vor. Dieser Ausfluß von 68 sei ein Zeichen „geistiger Umnachtung“ der CDU. Und mehr noch: „Die geistige Umnachtung ist Staatsräson geworden.“ Nun war Schacht auf Touren. Einen „gerechten Blick auf die Geschichte“ forderte er ein, denn gerade wir Deutschen „könnten ein Lied vom ungerechten Blick singen“. Seit 1968 sei dieser Blick „pathologisch und katastrophal“. Das CDU-nahe Bürgertum auf den Plätzen nahm derartiges halb geschockt, halb freudig erregt, doch Schacht legte nach. Die deutsche Gesellschaft sei „in kürzester Zeit mental und institutionell deformiert“ und ein „verheerender zivilisatorischer Rückschritt“ eingeleitet worden. Das hätte er als ehemaliger Sozialdemokrat (Schacht war von 1976 bis 1992 SPD-Mitglied) schon in seiner damaligen Partei erfahren müssen, „aber daß es jetzt auch noch die CDU betrifft …“. Betretenes Nicken im Publikum, das sich auch gleich von dem aus der DDR stammenden Schacht anhören durfte, daß es die „degenerierte westdeutsche Gesellschaft war, die den 68ern Kredit eingeräumt hat“. Schacht pflichtete dem Historiker und Publizisten Götz Aly bei, daß sich einiges an Parallelen zwischen den nationalsozialistischen Studenten der zwanziger und dreißiger Jahre und den internationalsozialistischen der sechziger und siebziger Jahre finde, und attestierte ihm eine „tiefgründige Selbstkritik“. Damit sei er aber eine Ausnahme. Von dem „Parvenü schlimmster Sorte“ Joschka Fischer würde er dergleichen nicht erwarten. Dieser „kriminelle Mann, der Brandsätze geschmissen hat“, gehöre zu jener Generation, die ihre Vorgängergeneration massiv moralisch kritisiert hat, sich aber nun selbst gegen Kritik immun mache. Ganz anders hingegen empfindet Ulrich Schacht für den Prager Frühling und dessen Anführer Alexander Dubcek. Das „wahre emanzipatorische Ereignis 1968 war der Prager Frühling“, so Schachts These. Schacht, der 1951 im DDR-Frauengefängnis Hoheneck geboren wurde, wo seine Mutter inhaftiert war, wurde schon in frühen Jahren durch Männer der evangelischen Kirche geprägt, die erst gegen die braune, dann gegen die rote Diktatur Widerstand leisteten. Derart geistig gerüstet hieß es am 8. August 1968: „Wir müssen nach Prag!“ Für ihn als DDR-Bürger war es, „als ob man in die Freiheit fuhr“. Zum ersten Mal las er Spiegel und Rheinischen Merkur. Es war fast, wie er sich „den Westen“ vorstellte. Euphorisiert fuhr er zurück in die DDR, um am 21. August die Nachricht vom Einmarsch der Roten Armee in die Tschechoslowakei hören zu müssen. Diese Nachricht hatte „eine radikale Konsequenz“ für seine Biographie. Keine Kompromisse wollte er von nun an mit der DDR und ihren Machthabern mehr eingehen. Das konnte im Sozialismus nur hinter Gitterstäben enden, und 1973 war es dann auch soweit: Schacht wurde zu sieben Jahren wegen „staatsfeindlicher Hetze“ verurteilt. 1976 in die Bundesrepublik entlassen, mußte er feststellen, „die eifrigsten Verteidiger der DDR sitzen im Westen“ — auch und insbesondere in „meiner Partei“, der SPD. Weder der Prager Frühling noch Alexander Solschenizyns „Archipel GULag“ hätten zu einer „echten Veränderung“ im Denken bei den linken westdeutschen Intellektuellen beigetragen. Das kann man von Ulrich Schacht nicht sagen. Torsten Uhrhammer Foto: Demonstration auf dem Wenzelsplatz in Prag am 25. August 1968: Das „wahre emanzipatorische Ereignis 1968“ (Ulrich Schacht), Ulrich Schacht

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