Polen und die ganze Wahrheit

Die polnische Regierung von Donald Tusk hat eine beachtliche geschichtspolitische Initiative gestartet. Ein „Museum des Zweiten Weltkrieges“ soll künftig die Epoche der „zwei Totalitarismen“ präsentieren. Die Akzente sollen sich vom Starren auf den „Hitler-Faschismus“ und seine Verbrechen verschieben auf die beiden „feindlichen Brüder“, den Nationalsozialismus und den Sowjetkommunismus, ihre „uneingestandene Wesensverwandtschaft“ und „konfliktgeladene Komplizenschaft“, wie François Furet treffend formulierte. Das würde die Einäugigkeit des bisherigen Geschichtsbildes endlich überwinden, das bis heute vom kommunistischen Antifaschismus und seinem Bündnis mit dem Linksliberalismus geprägt wird. Es wäre ein wichtiger Fortschritt auf dem Weg zur ganzen Wahrheit über das totalitäre Zeitalter. An die Stelle des bisher herrschenden Schwarzweißbildes dieser Epoche von Unschuld und Verbrechen, Tätern und Opfern träte die einzig legitime Geschichtsberatung im Sinn der Wechselwirkungen zwischen allen Akteuren und der Analyse von Ursachen und Wirkungen (Hans Rothfels). Doch eine wichtige Ergänzung muß hinzukommen: die Geschichte des Ultranationalismus in Europa und besonders in Ostmitteleuropa nach 1918/19. Auch Polen war ein solcher Nationalitätenstaat, der seine Minderheiten — Deutsche, Weißrussen, Ukrainer, Juden, Litauer — übel behandelte und zu polonisieren gedachte. So sind aus dem neuen polnischen Staat von den anfangs rund 2,5 Millionen Deutschen zwischen 1919 und 1939 eine runde Million abgewandert, also vertrieben worden — ein Faktum, das bis heute zu den blinden Flecken im polnischen Geschichtsbild gehört. Um diesen labilen Staat zusammenzuhalten, wurde das Land unter Marschall Józef Piłsudski seit 1926 zu einer nur notdürftig zivil verhüllten Militärdiktatur mit chauvinistischen Zügen. Und diese ostmitteleuropäische politische Schütterzone war es, die dann die beiden totalitären Imperialismen anlockte, die am 1. September (Hitler) und am 17. September (Stalin) einmarschierten — ein klassisches Beispiel für die Wechselwirkungen, die die Historie bestimmen. Und schließlich standen auch die westlichen Demokratien seit den „Friedensverträgen“ von 1919 nicht außerhalb der Verantwortung. Die Revision des bisherigen Bildes der Zeitgeschichte ist in vollem Gang. Kein anderer als Hegel behält Recht: Die Wahrheit ist stets das Ganze.   Prof. Dr. Klaus Hornung lehrte Politikwissenschaft an der Universität Hohenheim.

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