Joachim Kuhs

 

Doof, aber unterhaltsam

Ein wolkenloser Herbsttag 2001. Zwei Linienflugzeuge prallen gegen das World Trade Center. Kreiste damals Vizepräsident Cheney in „Air Force 2“ am New Yorker Himmel und beobachtete freudig das Geschehen? Steckte die CIA hinter „9/11“? An ähnliche Verschwörungsszenarien glaubt zumindest der Journalist Andreas von Rétyi. Schon der Untertitel dröhnt vollmundig: „Der 11. September 2001 und die besten Beweise, daß wirklich alles anders war“. „Beweise“ fehlen jedoch, nirgends hat der Autor primäre Quellen erschlossen. „Zugetragen wurde mir von einem Mann aus geheimdienstlichen Kreisen“, schreibt er regelmäßig, verheimlicht aber, wer gemeint sei. Rétyi listet Pseudoindizien auf, die rein gar nichts belegen. Direkt vor dem Anschlag hätten manche Finanzmakler tiefe Kursstürze erwartet. Am Tag des Angriffs (gegen neun Uhr morgens) weilten keine Spitzenmanager in den Twin Tower — waren sie Teil des Komplotts, wie Rétyi andeutet? Oder frühstücken die big players einfach nur etwas später? Außerdem sei lange geplant worden, die Türme abzureißen; dank „9/11“ kassierte ihr Eigentümer fünf Milliarden Dollar Versicherungsgeld. Wie praktisch! Eine ganz andere Frage ist es, ob die Bush-Regierung mögliche Warnungen ignoriert hatte.  Dauernd vermengt Rétyi zwei sehr verschiedene Ebenen und präsentiert immer wüstere Spekulationen. Jene Araber, die als Terrorflieger gelten, erscheinen ihm unfähig, Jets zu manövrieren. „Die entführten Flugzeuge müssen ganz offensichtlich von anderen Piloten gesteuert worden sein“. Hinweise hierfür gibt es aber „ganz offensichtlich“ wieder keine. Mehrere Terroristen besaßen Privatpiloten-Lizenzen und hatten am Simulator das Fliegen mit Großflugzeugen geübt. Und wo treibt man „erfahrene Berufspiloten“ auf, die nicht einmal vor Selbstmord zurückschreckten? Aber der skurrile Höhepunkt aller Räuberpistolen ist die Behauptung, die CIA habe Osama bin Laden bestochen, öffentlich zu erklären, daß er die Verantwortung für „9/11“ trage! Islamisten verschaffen also der US-Regierung ein Alibi und lenken „von der eigentlichen großen Verschwörung ab“. Solche Esoterik gehört bestenfalls ins Kabarett.  Also, cui bono? Angesichts der Knappheit des Erdöls erstrebe die „US-Elite“ eine „Galgenfrist im globalen Daseinskampf“ und okkupiere dazu rohstoffreiche Länder. „9/11“ soll „jede militärische Aktion, jede noch so harte Gangart der Bush-Regierung“ moralisch rechtfertigen. Immerhin kam der Eintritt in den Irak-Krieg mit einer weit weniger opferreichen Rechtfertigung aus. Andreas von Rétyi: Die Terror-Flüge. 2. Auflage, Kopp Verlag, Rottenburg 2008, gebunden, 287 Seiten, Abbildungen, 19,95 Euro

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