Joachim Kuhs

 

Die Stimme von Orson Welles

Typen wie Friedrich Joloff gibt es heutzutage auf der Leinwand oder auch im Fernsehen nur noch selten. Mit seinen eisgrauen, kurzgeschorenen Haaren, den markanten Gesichtszügen und seiner sonoren Stimme war er geradezu prädestiniert, in zahlreichen deutschen, aber auch internationalen Filmen in prägnanten Nebenrollen den Schurken oder Bösewicht zu spielen. Doch ursprünglich kam Joloff vom Theater. In Berlin hatte er am Deutschen Theater von 1925 bis 1927 bei Lothar Müthel seine Schauspielausbildung absolviert, und dort gab er in dem Stück „Toni“ von Gina Kaus auch sein Debüt. Mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten mußte der am 14. Dezember 1908 in Berlin als Fredrich Jolowicz geborene Schauspieler allerdings aus dem Ensemble des Deutschen Theaters ausscheiden. Er bekam Berufsverbot, wobei bis heute nicht ganz klar ist, ob die Gründe dafür in seiner Homosexualität oder seiner polnischen Herkunft lagen. Joloff emigrierte nach Italien, wurde jedoch nach Beginn des Zweiten Weltkriegs zur Deutschen Wehrmacht eingezogen. Er geriet in amerikanische Kriegsgefangenschaft und konnte seine Bühnenkarriere erst nach seiner Entlassung im Jahre 1947 fortsetzen. Man erlebte ihn vor allem in klassischen Rollen, so als Conti in Lessings „Emilia Galotti“, als Arnold in Hauptmanns „Michael Cramer“ oder als Trigorin in Tscheschows „Die Möwe“. Mit Kollegen wie Klaus Kinski und Jan Hendriks gehörte Joloff zum vornehmen Berliner Salon des russischen Fürsten Alexander Kropotkin. Einem größeren Publikum wurde er nicht zuletzt durch den Film bekannt. An der Seite von Dirk Bogarde debütierte er 1953 in „The Desperate Moment“ (Sekunden der Verzweiflung). Mit Horst Buchholz drehte er 1956 „Die Halbstarken“, ein Jahr später besetzte Veit Harlan ihn als homosexuellen Verführer in „Anders als du und ich“. Der Film, der zunächst unter dem Titel „Das dritte Geschlecht“ geplant war, rief in Deutschland einen Skandal hervor, da er angeblich um Verständnis für homosexuelle Männer warb. Harlan mußte eine veränderte Fassung drehen, die dann von der Freiwilligen Selbstkontrolle (FSK) freigegeben wurde, aber nun allgemein als homosexuellenfeindlich galt und von der Kritik als „faschistoides Machwerk“ zerrissen wurde. Mit großer Glaubwürdigkeit spielte Joloff den exaltiert-avantgardistischen Kunsthändler Boris Winkler, der die Gymnasiasten des Städtchens mit elektronischer Musik und moderner Kunst vertraut macht und von dem jungen Christian Wolff bewundert wird. 1960 stand er mit Ernest Borgnine für den Hollywood-Thriller „Man on a String“ (Geheimakte M) vor der Kamera. Später sah man ihn in einigen Edgar-Wallace-Krimis als zwielichtigen Hausmeister, undurchsichtigen Butler, durchtriebenen Kaschemmenwirt oder ehemaligen Gefängniswärter. Aber auch das Fernsehen entdeckte Joloff. Als Kapitän Nikiyan hatte er in der mehrteiligen Durbridge-Verfilmung „Tim Frazer“ (1963) und in Herbert Reineckers TV-Krimi „11 Uhr 20“ (1970) ebenso eindrucksvolle Nebenrollen wie in Wolfgang Beckers „Der Tod läuft hinterher“ (1967). Richtig populär wurde er mit der Rolle des Oberst Henryk Villa, Chef des Intergalaktischen Sicherheitsdienstes in der TV-Serie „Raumpatrouille — Die phantastischen Abenteuer des Raumschiffs Orion“ (1966) an der Seite von Dietmar Schönherr und Eva Pflug, die 2004 als Remake unter dem Titel „Raumpatrouille Orion — Rücksturz ins Kino“ auf die Leinwand kam und seinen Namen auch jüngeren Kinobesuchern einprägte. Joloff war aber nicht nur ein höchst vielseitiger und vielbeschäftigter Schauspieler, als Synchronsprecher lieh er auch Stars wie Orson Welles, James Mason, Peter Cushing, Christopher Lee, John Barrymore, Jack Palance und Vincent Price seine Stimme. In Verden an der Aller ist Friedrich Joloff am 4. Januar 1988 im Alter von 79 Jahren an Herzversagen verstorben.

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