Der Wahrheit eine Gasse

Der Prager Historiker Milan Churan analysiert in einer Publikation einer sudentendeutschen Vertriebenenorganisation die Rolle der Konferenz von Potsdam bezüglich der Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus der Tschechoslowakei nach 1945. Seine gut recherchierten Fakten bieten eine objektive Betrachtung der tschechischen Schuld und der daraus entstandenen Verantwortung. Die Analyse der Vertreibung der Deutschen aus der ehemaligen Tschechoslowakei nach dem Zweiten Weltkrieg bildet eine recht umfangreiche und längst überfällige Übersicht über die ungenügend und oft falsch dargestellte historische Thematik. Es handelt sich dabei um eine gründliche und vor allem sachverständige Auswertung der zur Verfügung stehenden Dokumente und Aussagen hinsichtlich der tschechischen Schuld an der Vertreibung und den an Deutschen begangenen Verbrechen. Der Autor verdeutlicht die Brisanz der Thematik und unterstreicht die Notwendigkeit einer kritischen Auseinandersetzung mit den unter den Kommunisten unterdrückten Fakten, die die nach wie vor in der Tschechei bestehende Version der kommunistisch-nationalen Geschichtsschreibung hinsichtlich der Vertreibungsaktion revidieren sollen. Das Werk, das die tschechische Schuld eingehend beleuchtet, behandelt zudem die bereits vor dem Zweiten Weltkrieg existierenden Pläne hinsichtlich der Umsiedlung bzw. Vertreibung der Deutschen aus dem tschechischen Gebiet. Unübersehbare antideutsche Tendenzen bei gewissen politischen Kräften der Tschechen werden identifiziert und nachgewiesen. Die von Churan geschilderte Entwicklung reicht tief in die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg und führt die allgemein verbreitete These von einer tschechischen Rache an den deutschen Besatzern aus der Protektoratszeit ad absurdum. Die Pläne, die Deutschen „als gleichberechtigtes Volk zu liquidieren“, wie Churan schreibt, gipfelten in den von Edvard Beneš eigenhändig geschriebenen Instruktionen aus dem Jahre 1938. Aus dieser Idee heraus entwickelte sich der Plan, den Beneš im Jahre 1943 als „Transfer der Bevölkerung aus der Tschechoslowakei“ bezeichnete. Die gut geschilderten Tatsachen ermöglichen eine objektive Betrachtung der Geschehnisse und ihres wirkliches Zustandekommens im historischen Kontext der national motivierten Vertreibung aus der Tschechoslowakei und nicht einer ad hoc entstandenen Vertreibung aus Rache, wie es in der gängigen Geschichtsschreibung dargestellt wird. Begleitend werden in der Lektüre ebenfalls politische Auseinandersetzungen der Alliierten um die Durchsetzung eigener Nachkriegspläne für Euro­pa besprochen. Die Hauptlast der Verantwortung, gar die ganze Schuld für die Vertreibung und Massaker an den Deutschen wird dem sowjetischen Marschall Josef Stalin zugeschrieben. Das ist jedoch eine markante Schwachstelle der Publikation, da die USA und Großbritannien in Potsdam alles andere als Verteidiger der deutschen Sache bzw. der Deutschen waren. Milan Churan: Potsdam und die Tschechoslowakei. Mythos und Wirklichkeit. Verlag des Heimatkreises Mies-Pilsen, Dinkelsbühl 2008, broschiert, 380 Seiten, 15 Euro

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