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Das Reich verging, die Nation bleibt

Das Opus magnum des Bonner Historikers Klaus Hildebrand über die Außenpolitik des Deutschen Reiches von seiner Begründung 1871 bis zu seinem Untergang 1945 ist neu aufgelegt worden. Sieht man von dem zweiseitigen neuen Vorwort ab, entspricht die bei Oldenbourg erschienene „Studienausgabe“ von 2008 der bei der Deutschen Verlagsanstalt in Stuttgart veröffentlichten Erstausgabe von 1994/95. Dies gilt leider auch für den Preis: 78 Euro für die nur kartonierte Neuauflage gegenüber 148 Mark für die leinengebundene zweite Auflage von 1996: im Vergleich zu der mittlerweile vergriffenen Taschenbuchausgabe von Ullstein von 1999 für wohlfeile 34,90 Mark eine nicht gerade „studentenfreundliche“ Preispolitik des Verlages. Immerhin ist nun im Handel ein Buch wieder zu haben, das schon bei seinem ersten Erscheinen zu Recht als Standardwerk gefeiert wurde. Der Leser sei allerdings in mehrfacher Hinsicht vorgewarnt. Es handelt sich bei dem „Vergangenen Reich“ nicht um ein Handbuch, das erlauben würde, schnell die wichtigsten Daten und Fakten zu bestimmten Epochen deutscher Außenpolitik nachzuschlagen. Hildebrand wagt sich vielmehr an eine Gesamtdeutung der deutschen Außenpolitik zwischen 1871 und 1945, die dem Leser einiges abverlangt – sowohl an historischem Vorwissen als auch an allgemeiner humanistischer Bildung und Sprachkompetenz. Das Buch leuchtet mit großem interpretatorischem Elan die vielfältigen Dimensionen und Hintergründe aller wesentlichen Stationen deutscher Außenpolitik aus – die zugehörigen Fakten werden häufig nur beiläufig erwähnt und im wesentlichen als bekannt vorausgesetzt. Hildebrand gehört zu jenen Historikern, die personengebundenen Plänen, Absichten und Entscheidungen eine relativ große Bedeutung zumessen. Dabei verabsäumt er nicht, die vorherrschenden strukturellen Zwänge aus Politik, Wirtschaft, Militär sowie Zeitgeist und vor allem aus dem internationalen Umfeld einzubeziehen. Auch wenn Hildebrand diesen Ansatz gelegentlich überzieht – so interpretiert er Hitler nach Auffassung des Rezensenten allzusehr als ideologisch-dogmatischen Programmatiker -, hat diese methodische Vorgehensweise doch den Vorzug, dem Leser stets die relative Autonomie der Außenpolitik, die eigene Raison des außenpolitischen und diplomatischen Handelns jenseits aller strukturellen Zwänge deutlich vor Augen zu führen. Beißt man sich durch den „langen Essay“, wie einer der Rezensenten der Erstauflage das Buch bezeichnet hat, durch, ist der Gewinn auf jeden Fall groß. Nicht allein im Sinne der Erweiterung des eigenen historischen Wissens, sondern des eigenen historischen und politischen Horizonts. Vor allem verdeutlicht Hildebrand, daß das Reich von 1871 anders als seine großen europäischen Nachbarn im Westen und Osten stets in einem internationalen Umfeld leben mußte, das potentiell die schiere Existenz des deutschen Nationalstaates in Frage stellen konnte. Für das überkommene europäische Gleichgewicht latent zu stark, aber zur Erringung der uneingeschränkten Hegemonie über den Kontinent nicht stark genug, blieb das Deutsche Reich stets von den Bewegungen der anderen europäischen und schließlich auch außereuropäischen Großmächte in existentieller Weise abhängig. Schon alle Bemühungen, dem „eingepfercht geborenen“ (David Calleo) Reich einen solch hohen Grad an außenpolitischer autonomer Souveränität zu verschaffen und einen nationalen „Sonderweg“ zu gehen, wie ihn die anderen Großmächte genossen und gingen, enthielten ein Element machtpolitischer „Überbürdung“. Für Hildebrand war denn auch weniger der deutsche „Sonderweg“, sondern die deutsche „Sonderlage“, in der sich das Reich von Anfang bis Ende befand, ausschlaggebend für sein schlußendliches Scheitern, genauer gesagt der oft ungeschickte und zuletzt ideologisch verblendete, verbrecherische Umgang der deutschen Politik mit dieser „Sonderlage“. Denn es „hing von der Staatskunst ab, das überkommene Erbe, das angestammte Problem, das unaufhebbare Dilemma, zu groß und zu klein, zu mächtig und zu schutzlos in einem zu sein, zu entspannen oder zu verschärfen“. Doch eine solche Staatskunst war und blieb, sieht man von Bismarck und Stresemann ab, in Deutschland Mangelware. Die Deutschen neigten nach dem raschen Aufstieg seit 1871 zur Selbsttäuschung über ihr subjektives machtpolitisches Eigenvermögen und ihre objektive, existentielle Abhängigkeit vom internationalen Mächteparallelogramm. Die Einsicht, daß das Reich den Weg der imperialen Expansion – einen Weg, den auch die anderen Großmächte gingen – nicht oder nur mit besonderer Vorsicht beschreiten durfte, ohne seine schiere Existenz aufs Spiel zu setzen, war ihnen nur schwer zu vermitteln. Zu sehr lockte die „verspätete“, nie zu einer selbstgewissen, in sich ruhenden Identität gelangten Nation die „Versuchung des Unendlichen“. Die dem Kraftgefühl der Nation korrespondierenden Versuche, dem angestammten unaufhebbaren Dilemma ihrer außenpolitischen Lage durch den Sprung in die „Weltpolitik“, durch den Aufbau eines mitteleuropäischen Hegemonialraumes, schließlich durch die Errichtung eines Ost- und Weltreiches endgültig zu entkommen, verschärften aber dieses Dilemma nur noch immer mehr. Daß das Reich am Ende im Banne eines von einem ideologisch-utopischen Dogma beherrschten Anti-Staatsmannes endgültig verspielt wurde, war zwar nie von Anfang ausgemacht. Doch hätte wohl nur das unwahrscheinliche Glück, daß stets ein ebenso einsichts- wie politisch durchsetzungsfähiger Staatsmann zur Verfügung gestanden und die Außenpolitik der Nation geleitet hätte, diesem Reich eine Chance verschafft, ohne Einbußen an relativer Macht und Status alle Fährnisse der Weltpolitik des 19. und 20. Jahrhunderts zu überleben. Immerhin hatte es eine hinreichend lange Lebenszeit, um sich als moderner europäischer Nationalstaat auszubilden. Und so hält das Buch wie die Büchse der Pandora am Ende einen Trost bereit: Das Deutsche Reich ging zwar als europäische Großmacht 1945 unter und ist als eine solche nicht wieder zum Leben zu erwecken. Der zunächst gleichfalls zerlegte Nationalstaat der Deutschen konnte hingegen wiedergewonnen werden – als, wie Hildebrand noch vor kurzem im Cicero hervorgehoben hat, „ein Stück nationaler und internationaler Normalität, in deren Zusammenhang sich zu bewegen die ebenso zeitgemäße wie vernünftige Art und Weise unserer Existenz sein sollte“.     Klaus Hildebrand: Das vergangene Reich. Deutsche Außenpolitik von Bismarck bis Hitler 1871-1945. Studienausgabe. R. Oldenbourg Verlag, München 2008, broschiert, 1.054 Seiten, 78 Euro Abbildung: Bismarck auf der Berliner Konferenz 1878: Eingepferchtes Reich

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