Joachim Kuhs

 

Konservative Liberalität

Auch das Fernsehen bemüht sich um sein Bild in der Geschichte – das ZDF bildet da keine Ausnahme. Zwei Bände erschienen darüber bereits. Mit Florian Kains Dissertation liegt nun ein dritter Teil für 1977 bis 1982 vor, die Zeit der Intendanz von Karl Günther von Hase, der als Regierungssprecher unter Adenauer, Erhard und Kiesinger einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht hatte. Der Christdemokrat verstand wenig vom Rundfunk und hinterließ kaum bleibende Spuren. Immerhin: Gerhard Löwenthal, der Chef des legendären ZDF-Magazins, das sich sehr kritisch mit der DDR beschäftigte und entsprechend angefeindet wurde, widmete in seinen Erinnerungen von Hase und dessen Vorgänger Karl Holzamer dankbare Anerkennung. Sie seien „Konservative im besten Sinne“ gewesen und hätten „aus ihrer konservativen Liberalität heraus darauf geachtet, daß auch eine nicht angepaßte und von parteipolitischer Einseitigkeit sich freihaltende Stimme ihren Platz im Programm behielt“. Dem Nachfolger von Hases, Dieter Stolte, mochte Löwenthal ein solches Lob nicht aussprechen. Schließlich hatte er zu verantworten, daß das ZDF-Magazin 1987 aus dem Programm genommen wurde. Die Ära von Hase hat das ZDF-Magazin zwar überlebt, nicht jedoch dessen besonders spektakulärer Teil, die „Hilferufe von drüben“, in denen Ausreisewillige unter Namensnennung mit Bild präsentiert wurden. Kain bringt einen Vermerk von Hases von 1978, wonach dessen negative Entscheidung auf eine Intervention des Ständigen Vertreters der Bundesregierung in Ost-Berlin, Günter Gaus, zurückging, der meinte, die um Hilfe Rufenden auch gegen ihren Willen vor Verfolgung schützen zu müssen. Gaus habe dargelegt, schrieb von Hase, „Erfolge, die das ZDF für die Sendung in Anspruch nehme, seien in den ihm bekannten Fällen eher auf die diskreten Bemühungen der Vertretung bzw. des BND zurückzuführen“. Diese Auskunft von Gaus ist pikant, weil ihm natürlich bekannt war, daß die „humanitären Bemühungen“ Bonns, die immer mit Zahlungen an die DDR verbunden waren, in die Zuständigkeit des Ministeriums für innerdeutsche Beziehungen fielen. Der BND konnte überhaupt nicht helfen. Von Hase wurde von Gaus getäuscht. So war es eine politische Entscheidung, wenn die Bundesregierung beim ZDF darauf drang, die „Hilferufe“ aus dem Programm zu nehmen. Man wollte der DDR die Peinlichkeit ersparen, in der Hoffnung, sie würde dies durch Liberalisierung honorieren. Das war allerdings ein Irrtum. Florian Kain: Die Geschichte des ZDF 1977 bis 1982. Nomos Verlag, Baden Baden 2007, broschiert, 499 Seiten, Abbildungen, 69 Euro

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