Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Alte Gräber in den Wäldern

Die Ermordung polnischer Offiziere, für die der Name „Katyn“ steht, führt in den kollektiven Gedächtnissen Westeuropas immer noch ein Schattendasein. Das lange Leugnen der sowjetischen Täterschaft, eine Strategie, die man in Moskau erst unter Gorbatschow aufgab, wirkt dabei nach. Dazu paßt, daß weiterhin eine niedrige Opferzahl kursiert, zwischen vier- und zwölftausend. Tatsächlich wurden „mehr als 25.000 polnische Staatsangehörige“ 1940 von Stalins Geheimdienst NKWD erschossen. Mit dieser Feststellung beginnt die Schilderung von „Stalins Endlösung“, die der 1937 in Leningrad geborene, 1975 emigrierte, zuletzt in Rom lehrende Soziologe Victor Zaslavsky 2006 zunächst dem italienischen und nun dem deutschen Publikum zumutet. Dabei verweilt der Autor nicht lange bei der Ausführung der Massakers. Wichtiger sind ihm die Motive der Massenmörder im Politbüro, unter ihnen auch Kalinin, dessen Name bis heute Königsberg verdunkelt. Zaslavskys Ermittlungen lassen zur Motivlage Fragen offen, weil die russische Archiv-Perestroika unter Putin ein Ende fand. Soviel scheint aber gesichert, daß die Polen einer „Klassensäuberung“ zum Opfer fielen. Sie stammten aus einem „faschistischen Staat“, waren bei der vierten Teilung Polens Stalins Imperium zugefallen, galten als „unbekehrbare Feinde der Sowjetmacht“. Damit standen sie dem „Projekt einer ‚vollkommenen Gesellschaft'“ im Wege. Dieses Projekt sei „der gemeinsame Nenner“ der „totalitären Regime“ in Berlin und Moskau gewesen. Zaslavsky setzt einen zweiten Schwerpunkt im politischen wie geschichtspolitischen Umgang mit diesem Genozid. Für Churchill ruhten die Toten im April 1943, als Wehrmachtseinheiten sie entdeckten, in „alten Gräbern“, um die er sich mit Rücksicht auf „Uncle Joe“ Stalin nicht kümmern wollte, obgleich die ebenfalls in London befindliche polnische Exilregierung sofort alle Beziehungen zur Sowjetunion abbrach. Roosevelt verbannte einen Diplomaten, der ihn mit Katyn konfrontierte, ins Exzellenzen-Nirwana nach Samoa. Der Kreml versuchte seit dem Nürnberger Prozeß die Wehrmacht verantwortlich zu machen. Politiker und Intellektuelle im Westen, ideologische Komplizen des Sowjetregimes, wiederholten die Lügen sogar bis 1989. Was Zaslavsky über ihre Willfährigkeit berichtet, gerät zum Lehrstück – aktuell anwendbar etwa auf das EU-Politpersonal und dessen Umgang mit dem Islam, dem „dritten Totalitarismus“ (Yehuda Bauer). Victor Zaslavsky: Klassensäuberung. Das Massaker von Katyn. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2007, broschiert, 141 Seiten, 10,90 Euro

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