Grandios

Hinter der Londoner City beginnt das East End, öffnet sich ein Labyrinth schmaler Gassen, Eckläden, kleiner Märkte, Eisenbahnbrücken, verfallender Wohnhäuser, die aussehen, als würde die Nachkriegszeit ewig dauern. Charles Dickens und Karl Marx fanden einst hier genug Stoff, um an einer gottgewollten Ordnung zu zweifeln, und Jack the Ripper suchte seine Opfer ebenfalls im East End. Während des Zweiten Weltkriegs wurde das Viertel zu einem Hort für Fahnenflüchtige und Deserteure, denen hier Unterschlupf gewährt wurde. Mitte der fünfziger Jahre übernehmen zwei Männer die Macht in East End: Die Zwillinge Reggie und Ronnie Kray. Herangewachsen in Straßengangs, entwickeln sie früh ihren Haß auf die Staatsgewalt und machen sich als harte Burschen schnell einen Namen. Für die ehemaligen Berufsboxer gibt es schon bald keine Spielhölle, keinen Pub, kein Bordell und kaum ein normales Geschäft, die nicht „Schutzgeld“ an die Zwillinge zahlen. Unvorstellbare Summen Geld fließen durch ihre Hände, doch East-End-Sentimentalität und Solidarität mit den Schwächeren lassen sie es mit vollen Händen rauswerfen. Die Krays, die Lawrence von Arabien, Gordon of Khartoum und Churchill verehren, werden bald selbst zur Legende. Ihre Grausamkeit fasziniert die „bessere Gesellschaft“ fast ebenso wie ihre Großzügigkeit gegenüber den Armen. Die Legalisierung des Glückspiels Anfang der sechziger Jahre bringt ihnen noch einmal enormen Aufschwung. Erst als neue Gangs auf den Plan treten, gegen die selbst die Krays wie Waisenknaben wirken, gerät ihr Imperium ins Wanken, den Königen der Unterwelt droht die Götterdämmerung. Peter Medaks Film „The Krays“ (1990) ist nicht nur ein grandioser Thriller über die Schreckensherrschaft der berüchtigtsten Gangsterbosse Englands, sondern ein detailgenaues, realistisches Porträt der gewalttätigen Zwillingsbrüder, die von Gary und Martin Kemp (Spandau Ballet) beeindruckend verkörpert werden. Die Szenen aus der Gangster-Karriere der Krays wirken auf verschiedenen Ebenen so authentisch wie surreal, gekonnt treibt Medak ein Spiel mit Gegensätzen. Jedoch dürften einige ungewöhnlich krasse Gewaltdarstellungen in der ungeschnittenen DVD-Fassung manchem zu schaffen machen. Als Bonusmaterial bietet die DVD Audiokommentare mit Peter Medak, Gary und Martin Kemp, eine Bildergalerie und die Dokumentation „Flesh and Blood: The Story of the Krays“. DVD: „Die Krays“. Koch Media, München/Planneg, 2008, Laufzeit: ca. 115 Minuten

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