Alle können mitbeten

Hape Kerkelings Bucherfolg „Ich bin dann mal weg“ war für den Beobachter religiöser Trends keine Überraschung. Das Wallfahrtswesen verzeichnet schon seit einigen Jahren immer stärkeren Zulauf — und dies nicht nur von den ganz frommen Kirchgängern. Während noch in den sechziger und siebziger Jahren Wallfahrten als veraltet und einer mittelalterlichen Frömmigkeit zugehörig angesehen wurden, haben sie im Zuge eines ganzheitlichen Denkens neu an Bedeutung gewonnen. Besonderer Beliebtheit erfreuen sich neben Rom, Jerusalem und Santiago de Compostela auch die Gnadenorte der Gottesmutter Maria; denn die Marienverehrung ist zutiefst in der Volksfrömmigkeit verankert. Ob besondere Bildnisse oder Statuen Mariens wie im bayerischen Altötting und im polnischen Tschenstochau oder die Marienerscheinungsorte wie das französische Lourdes, das portugiesische Fatima und das mexikanische Guadalupe — sie alle ziehen jährlich Millionen von Wallfahrern an. Anläßlich des 150jährigen Jubiläums der Erscheinungen sind in diesem Jahr vor allem Wallfahrten nach Lourdes gefragt. Eine Pilgergruppe aus Deutschland ist gerade in Lourdes angekommen. Allerdings sind deutschsprachige Gruppen in der Minderheit. Hier ertönt neben der Landessprache vor allem Italienisch und Spanisch, aber auch Polnisch oder Ungarisch. Doch das Gewirr der Sprachen verstummt vor dem „heiligen Bezirk“ der Erscheinungsgrotte. Schilder weisen darauf hin, daß hier ein Ort des Gebetes ist. Zu allen Tageszeiten sind hier große Pilgerscharen versammelt. Wer den Ort ohne Menschenmassen erleben will, muß sich schon in der Morgenfrühe vor fünf Uhr dorthin begeben. Ab sechs Uhr beginnen dort die Meßfeiern — alle 45 Minuten in einer anderen Sprache. Auch in der Rosenkranzbasilika, in der Kirche St. Bernadette und in der Krypta werden fast rund um die Uhr Gottesdienste gefeiert. Es ist Mittwoch. Heute wie auch am Sonntag findet um 9.30 Uhr in der unterirdischen Basilika ein internationaler Gottesdienst statt. Um 8 Uhr haben die Pilger der deutschen Gruppe die Basilika betreten, doch alle 20.000 Sitzplätze waren bereits besetzt. Weitere fast 10.000 Beter werden den Gottesdienst im Stehen mitfeiern. Allein die Rollstuhlfahrer und Liegendkranke genießen in Lourdes ein Privileg. Für sie sind ganz vorne Plätze in ausreichender Zahl vorhanden. Zum Beginn des Gottesdienstes ziehen zwölf Bischöfe und ungefähr 350 Priester ein. Durch einfache Kehrverse — meist in Latein — können alle Gottesdienstbesucher mitbeten und mitsingen. Zwischenstrophen und andere zentrale Texte werden in den Pilgersprachen Französisch, Spanisch, Italienisch, Englisch, Deutsch und Niederländisch — immer in dieser Reihenfolge — vorgetragen. Ehepaar B. kommt mindestens einmal im Jahr hierher, vor allem seitdem Frau B. im Rollstuhl sitzt. Dies ist jetzt schon ihre vierzigste Lourdes-Wallfahrt. Beide wollen der Gottesmutter danken für die Hilfe, die sie ihnen täglich schenkt. Frau R. (69) ist zum ersten Mal in Lourdes. In ihrer Heimatgemeinde betet sie täglich mit ein paar Älteren den Rosenkranz. Von zu Hause kennt sie nur fast leere Kirchenbänke. Lourdes ist für sie ein echtes Erlebnis. Sie sagt, das mache ihr Mut und gebe ihr neue Kraft im Glauben. Zentrum der Lourdes-Wallfahrt ist die Gnadenquelle, an der der 14jährigen Bernadette Soubirous im Jahr 1858 die Gottesmutter erschienen sein soll. Scharen von Pilgern stehen hier an und trinken vom Wasser aus der Quelle. 30.000 Heilungen sollen an diesem Ort schon erfolgt sein. Die Reiseleiterin erklärt der Gruppe, daß hier keine magischen Rituale vollzogen werden, sondern allein der Glaube Heilung schenkt. Der jüngste in der Pilgergruppe ist der elfjährige Kevin. Vor einem halben Jahr hatte er eine schwere Hirnerkrankung, deren Symptome immer noch nicht ganz verschwunden sind. Kevins Eltern haben viel gebetet. Jetzt sind sie nach Lourdes gefahren, damit Kevin in der Gnadenquelle baden soll. Die Menschenschlangen vor den Bädern sind besonders lang. Wer hier ansteht, muß mehrere Stunden einplanen. Es gibt ein Bad für Frauen und eines für Männer. Doch Kinder und — wie immer in Lourdes — Behinderte haben Vorrang. Kevins Eltern wollen, daß ihr Sohn während der Wallfahrt jeden Tag zur Quelle geht. Sie wollen nichts unversucht lassen, damit Kevin wieder ganz gesund wird. „Trotzdem wollen wir alles so annehmen, wie Gott es fügt“, sagen sie. Am Nachmittag versammeln sich wieder alle Pilger im „heiligen Bezirk“. Hunderte von Priestern begleiten Jesus Christus in der Gestalt der gewandelten Hostie in feierlicher Prozession über den ganzen Platz. In der unterirdischen Basilika wird der sakramentale Segen erteilt. Auch hier werden die Kranken besonders berücksichtigt. Der Höhepunkt des Tages ist die um 21 Uhr beginnende Lichterprozession. Der gesamte Platz verwandelt sich in ein riesiges Lichtermeer. Bei dem in mehreren Sprachen vorgebeteten Rosenkranz beten selbst die mit, die sich sonst mit diesem Gebet schwertun. Und immer wieder erheben die Gläubigen ihre Kerzen, und aus Abertausenden von Kehlen tönt das „Ave Maria“. Frau L. (56) ist ohne ihren Mann nach Lourdes gefahren. Er hatte Bedenken, daß er den Anblick der vielen Kranken nicht verkraften könne. Doch diese Vorbehalte waren überflüssig, meint Frau L. Beeindruckend ist die mitreißende Atmosphäre des Gebetes und wie hier der kranke Mensch echte Hilfsbereitschaft erfährt. Sie ist sich sicher, sie war nicht zum letzten Mal in Lourdes; und beim nächsten Mal muß ihr Mann mitfahren. Foto: Grotte von Massabielle: Gnadenorte der Gottesmutter Maria

Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.
aktuelles