„Das ist typisch für die heutige Linke“

Warum Leo Kofler bei Karolinger — ausgerechnet jenem Verlag, der vor allem für seine „Bibliothek der Reaction“ bekannt ist, die Klassiker der Gegenaufklärung versammelt? Die JUNGE FREIHEIT sprach darüber mit dem Anreger des Projekts, dem Frankfurter Carl-Schmitt-Forscher Günter Maschke, der in den sechziger Jahren und zu Anfang der Siebziger engen Kontakt zu Kofler hatte. Herr Maschke, als „Renegat der Linken“ wollen Sie nach eigenem Bekunden den „anti-liberalen Motiven“ Ihrer kommunistischen Jugend „die Treue halten“. Gehören dazu auch die ausgewählten Aufsätze Leo Koflers von 1951 bis 1991? Maschke: Ich fand, Kofler hätte es verdient, daß man zu seinem hundertsten Geburtstag etwas Ordentliches auf die Beine stellt. Er war ein achtbarer Mann und ein Theoretiker mittlerer Reichweite, dessen Irrtümer unmittelbar aus seinen tiefsten Überzeugungen erwuchsen. Kofler glaubte, daß wenn die Schulbänke immer länger würden, der Sozialismus eines Tages unweigerlich kommen müsse. Aber mit seinen Ansichten zur Lage der Nation Mitte der achtziger Jahre ist er bei der Linken angeeckt. Deshalb lohnt es sich, das auch postum noch publik zu machen. Das Werbeblatt des Karolinger-Verlags lockte mit dem Wink, Kofler habe sich nicht nur zu Arnold Gehlen, sondern auch zu Carl Schmitt im wesentlichen positiv verhalten. Allerdings kommt Schmitt im vorliegenden Band viel seltener vor als der in der Tat häufig genannte Gehlen. Maschke: Das stimmt, aber Sie müssen die Literaturhinweise und bibliographischen Querverbindungen im Vorwort sowie in den Herausgeber-Kommentaren mitrechnen, wo einschlägig Interessierte die ganze Angelegenheit detaillierter nachlesen können. Kurz gesagt handelt es sich, was Schmitt angeht, um Koflers bekanntestes und erfolgreichstes Buch, „Zur Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft“, das insgesamt acht Auflagen erlebt hat. Die erste von 1948 hatte noch kein Personenregister, und SED-Büttel vom Schlage eines Gropp oder Hager, die sich damals gerade mit Kofler in Halle an der Saale zu beschäftigen begannen, haben das umfangreiche Werk anscheinend bloß angeblättert und sind schon dabei auf „anstößige“ Passagen gestoßen wie die, wo der Autor Marx mit Croce vergleicht — eine ungeheuerliche Herabsetzung ihres roten Abgottes! Wenn die das Buch wirklich ganz gelesen hätten, wären sie zwangsläufig auf in ihrem Sinne noch viel Ärgeres getroffen — wie jenen Abschnitt, wo Kofler im Zusammenhang mit der Souveränitätsvorstellung Bodins zustimmend aus Schmitts „Die Diktatur“ zitiert. Wieso ist das anstößig? Carl Schmitt erlebt doch gerade eine ungeheure Renaissance. Maschke: Das stimmt, aber Sie dürfen nicht vergessen, daß in der Frühphase der BRD Schmitt als der übelste intellektuelle Kollaborateur des „Dritten Reiches“ verschrien war, schlimmer noch als Heidegger. Finden sich bei Kofler noch weitere Schmitt-Bezüge? Maschke: In seiner Habil-Schrift beruft er sich auch auf die „Politische Theologie“. Wie ich aus Gesprächen weiß, fand er die Freund/Feind-Beziehung als Kennzeichnung des Politischen plausibel: Schließlich taufen Marxisten das, was wir den Weltbürgerkrieg zu nennen pflegen, „Klassenkampf“. Um so infamer deshalb, wenn seine einstigen Bochumer Studenten, die 1992, nach Koflers Schlaganfall, die achte und letzte Auflage von der „Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft“ besorgten, jene zweite Schmitt-Stelle einfach streichen. Aber das ist typisch für die heutige Linke. Inwiefern? Maschke: Koflers relative Unbefangenheit nicht nur in Sachen Schmitt sollte uns sympathischer sein als beispielsweise die Position seines Lehrers Lukács und erst recht die der inzwischen auf Political Correctness eingeschworenen Ex-68er. Lukács, damals schon Kommunist und Parteimitglied, hatte noch 1928 eine überwiegend freundliche Besprechung der „Politischen Romantik“ Schmitts veröffentlicht, um dann nach 1945 kein gutes Haar mehr an ihrem Verfasser zu lassen. Und der Antifa-Serientäter Lutz Niethammer entdeckt in seinem Wälzer über „Kollektive Identität“ wohl nicht zuletzt zu seiner eigenen Verblüffung — scheinbar hat er die Texte seinerzeit nie gründlich studiert —, daß es Aussagen von Schmitt und Lukács aus den zwanziger Jahren gibt, etwa zum Thema „demokratische Diktatur“, die sich zum Verwechseln ähneln. Grund genug für Niethammer, jetzt beide zu verdammen. Steht das Interesse an Schmitt bei Kofler vereinzelt da, oder gibt es Vergleichbares? Maschke: Was Schmitt verwandte Geister aus der „Konservativen Revolution“ betrifft, so wäre noch Hans Freyer zu nennen, der Begründer der „Leipziger Schule“ der Soziologie, dem Kofler in seinem Buch „Der proletarische Bürger“ (Wien 1964) Lob spendet. Was ist mit Arnold Gehlen? Maschke: Koflers in dem Karolinger-Band nachgedruckte Abhandlung über Gehlens Anthropologie hat Ende der Fünfziger Aufmerksamkeit erregt, auch weil Schmollers Jahrbuch, in dem sie ursprünglich erschienen ist, ein angesehenes Fachorgan war. Gehlen selbst scheint der Aufsatz gefallen zu haben, obwohl sein bester Schüler, Friedrich Jonas, der Meinung war, es handele sich um eine Fehlinterpretation. Sie würden also sagen, auch Gehlenianer kommen hier auf ihre Kosten?  Maschke: Unbedingt. Sogar Gehlen-Spezialisten dürften noch die eine oder andere neue Information erhalten. Einer halben Vergessenheit entrissen wird etwa der zweite wichtige Gehlen-Schüler, Hanno Kesting, der seinen Meister 1970 im allerersten Heft von Criticón porträtiert hatte. Die Kommentare berichten unter anderem von Kestings linkssozialistischen „Ausflügen“, bevor er sich später der Rechten zuwandte, und unterscheiden sich damit wohltuend von den Worten, die der von Schmitt abgefallene Nicolaus Sombart in seinen Memoiren, den „Heidelberger Lehrjahren“, für seinen früh verstorbenen Jugendfreund Kesting findet. Auf der Ebene des kleinen Einmaleins schließlich gibt es Begriffsklärungen, zum Beispiel hinsichtlich des meist mißverstandenen „Mängelwesens“ Mensch. Vermissen Sie etwas in dem Buch, das nach Ihrem Dafürhalten unbedingt hineingehört hätte? Maschke: Im Gegenteil. Gott sei Dank ist in den Karolinger-Band nichts von Koflers literatursoziologischen Arbeiten aufgenommen worden. Er war nämlich grauenhaft amusisch, hat sich aber trotzdem immer wieder unverdrossen auf jenem Gebiet betätigt.

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