Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Sinnbild des Triumphs

Einer Mitarbeiterin von British Airways wurde jetzt das Tragen eines Kreuzanhängers ausdrücklich untersagt. Auch wenn es sich um ein dezentes Schmuckstück handele, so die Leitung des Unternehmens, müsse das religiöse Symbol während der Dienstzeit grundsätzlich unter der Kleidung verborgen werden. Gerechtfertigt wird die Maßnahdamit, daß man im Kreuz weder ein modisches Accessoire noch ein kulturelles Relikt sehen will, sondern es zum Vollwert nimmt: als emblematischen Ausdruck einer bestimmten, nämlich der christlichen Religion und der damit verbundenen Weltanschauung. Diese Betrachtungsweise hatte sich im Westen fast vollständig verloren und ist erst im Zuge wachsender kultureller und politischer Heterogenität zurückgekehrt. In Europa und Nordamerika wird man wieder daran erinnert, daß das Kreuz von Anfang an mehr war als Ausdruck eines individuellen Bekenntnisses. Nachdem die Urkirche sich lange gescheut hatte, das Marter- und Tötungswerkzeug zu zeigen, an dem der Herr gestorben war, wurde das Kreuz seit dem 4. Jahrhundert allmählich zum christlichen Symbol. Allerdings nicht in realistischer Auffassung, sondern abstrahiert und ausdrücklich als Siegeszeichen aufgefaßt. Das leere Kreuz galt als Sinnbild des Triumphes – von Christus über den Tod, der Kirche über die Welt, des Christentums über das Heidentum – und wanderte nach der Konstantinischen Wende auch in die politische Symbolik ein. Die Selbstdarstellung der römischen, dann der fränkischen und schließlich der römisch-deutschen Kaiser mit dem Kreuz war immer Ausdruck eines umfassenden Herrschaftsanspruchs. Dieser imperialen Konzeption entsprach die Verwendung des Kreuzes auch zu Beginn der Kreuzzüge, deren Teilnehmer sich ja durch Stoffkreuze auf ihrer Kleidung markierten. Aber schon beim zweiten Kreuzzug wurde es üblich, die nationalen Kontingente durch verschiedenfarbige Kreuze zu unterscheiden. Aus dieser Übung entwickelten sich die ältesten Nationalflaggen des Abendlandes, die der Bretagne, Englands und Schottlands. Im Heiligen Römischen Reich und in Frankreich kamen die Kreuzflaggen rasch wieder außer Gebrauch oder traten in den Hintergrund, aber sonst blieben sie bis in die Gegenwart erhalten und dienten vielen späteren europäischen Fahnenbildern als Muster (vor allem den skandinavischen Staaten, der Schweiz, Savoyen, Burgund, fallweise auch Spanien). Die Auffassung des Kreuzes als Symbol eines christlichen Weltgeltungs-, wenn nicht Weltherrschaftsanspruchs spielte auch in der Phase der Entdeckungsfahrten und der Kolonisierung eine entscheidende Rolle. Columbus ließ neben der Fahne ein Kreuz aufrichten, als er die „neue Welt“ für seinen König und seine Königin in Besitz nahm. Den Völkern „das Kreuz zu bringen“, galt bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts vielen Europäern als selbstverständliche Aufgabe des christlichen Abendlandes. Zu diesem Zeitpunkt hatten allerdings längst andere Rechtfertigungen und andere Symbole das Kreuz in den Hintergrund treten lassen, und die Kreuzsymbole, die nach dem Untergang des alten Europas im Ersten Weltkrieg auftraten, hatten bezeichnenderweise regelmäßig einen dezidiert antichristlichen Charakter. Das Christentum, soweit es politisch weiter eine Rolle spielte, war vom Ganzen zur Partei geworden, deren Anhänger das Kreuz entsprechend verwendeten – so etwa die Gruppen des politischen Katholizismus -, ohne daß der sukzessive Bedeutungsverlust damit aufgehalten worden wäre. Das schien dem Prozeß der Modernisierung und Säkularisierung zu entsprechen, der nach und nach alle Lebensbereiche ergriff. Aber mit der Einwanderung immer neuer und immer anderer Religionen in die westliche Welt wurde dieser Bedeutungsverlust unterbrochen. Vor allem den muslimischen Gruppen genügt eine allmähliche Neutralisierung nicht. Ihre zwar ungenaue, aber weit zurückreichende und emotional stark aufgeladene Erinnerung an die Bedeutung des Kreuzes läßt sie darin das Symbol früherer Triumphe des Feindes sehen und umgekehrt in jedem beseitigten Kreuz einen Sieg der eigenen Sache in der Gegenwart. Der Vorgang bei British Airways ist insofern auch ein Indiz für die allmähliche Verschärfung der Lage. Deshalb sorgt er fast für mehr Aufsehen als die Beseitigung eines Denkmals für die Toten des Zweiten Weltkriegs im Amsterdamer Stadtteil Baarsjesweg. Dort hatte sich die muslimische Gemeinde an der christlichen Symbolik gestört und den Abriß verlangt. Der Stadtrat willfahrte dem Anliegen, das Denkmal wurde beseitigt und ein religiös neutrales errichtet; die Kosten betrugen 50.000 Euro. Allerdings kam es in der Folge zu so massiven landesweiten Protesten, daß das ursprüngliche Denkmal wiederhergestellt wurde. Zu welchem Ende, bleibt offen, aber immerhin zeigt sich, daß die alte Wahrheit vom direkten Zusammenhang zwischen Politik und Religion gerade auf der Ebene des Symbolischen immer neu bestätigt wird. Die JF-Serie „Politische Zeichenlehre“ wird in zwei Wochen fortgesetzt

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