Eine hausgemachte Sauerei

Während das Bundesjagdgesetz und die Verordnung über die Jagdzeiten strenge Schonzeiten für den Nachwuchs von Rot-, Dam- oder Rehwild vorsieht, dürfen Frischlinge und Überläufer des Schwarzwildes ganzjährig bejagt werden. Nur für Bachen und Keiler gilt derzeit noch von Februar bis Mitte Juni eine Schonzeit. Denn seit langem bereitet das Schwarzwild den Bauern in Deutschland Kopfzerbrechen. Ob Weizen oder Wiesen, norddeutsche Tiefebene oder Gebirgslagen jenseits der Zweitausend-Meter-Marke: Die Schäden, die Wildschweine (Sus scrofa) auf landwirtschaftlichen Kulturen durch ihr Wühlen nach Nahrung verursachen, sind enorm und gehen in die Millionen. Wildschweine schädigen Bauern und Gartenbesitzer Kein Wunder, denn in den vergangenen zwanzig Jahren hat sich in Deutschland die Jahresjagdstrecke, über die indirekt auf die Population geschlossen wird, von rund 200.000 auf über 475.000 Wildschweine mehr als verdoppelt; allein in Bayern von gut 8.800 auf fast 55.000 mehr als versechsfacht. Doch trotz fleißigen Schießens sind in den Augen der Bauern die Jäger immer noch zu zaghaft. In und um Berlin haben sich die Schwarzkittel – wie auch die Füchse – sogar schon die Parks und Stadtwälder als Lebensraum erobert. Immer häufiger dringen sie in Außenbezirke der 3,4-Millionen-Metropole ein. Die intelligenten und überaus kräftigen Wildtiere durchwühlen Gärten und Abfallkübel, fallen Hunde an und verschrecken die Besitzer. 2003 wurden zwei Wildschweine erlegt, die auf einem Kindergartengelände beim innerstädtischen Alexanderplatz aufgetaucht waren. Etwa 5.000 Schwarzkittel sollen inzwischen innerhalb der Großstadtgrenzen ihr Revier haben. Die Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung hat daher den Gartenbesitzern die Sicherung ihrer Grundstücke empfohlen: „Da die Tiere sehr viel Kraft entfalten, muß der Zaun insbesondere in Sockelnähe sehr solide gebaut werden, um den Rüsseln standzuhalten.“ Weil Schwarzwild auch springen kann, sollte die Umfriedung des Gartens mindestens anderthalb Meter hoch sein. Begegne man einem Wildschwein, müsse man unbedingt Ruhe bewahren: „Durch Hektik, nervöses Wegrennen und Angstbewegungen kann jedem Tier eine Gefahr signalisiert werden, so daß es regelrecht zum Angriff gedrängt wird.“ Unter den vielfältigen Ursachen für die stetige Ausbreitung der Schwarzkittel sind vor allem die hohe Fruchtbarkeit und die für diese Wildart verbesserten Lebensbedingungen zu nennen. Bachen werfen in der Regel bis zu acht, aber auch mehr Frischlinge pro Jahr. Diese werden schon im ersten Lebensjahr fruchtbar und tragen so zu einer nahezu explosionsartigen Vermehrung bei. Geringe Jungtierverluste durch milde Winter und eine verbesserte Nahrungsgrundlage durch eine außergewöhnliche Samenproduktion bei Buchen und Eichen förderten diese Entwicklung äußerst nachhaltig. Dazu gesellt sich ein weiterer Aspekt artifiziellen Ursprungs. Interessenkonflikt zwischen Landwirten und Jägern In den letzten 50 Jahren hat sich der Anbau von Mais, der als bevorzugter Einstand – und zunehmend sogar als Lebensraum – des schwarzen Borstenviehs gilt, verdreißigfacht. Doch angesichts der in der Landwirtschaft zunehmenden Popularität von mit Maispflanzen betriebenen Biogasanlagen gehen Schätzungen davon aus, daß sich die Anbaufläche von derzeit 1,7 Millionen auf über 2,5 Millionen Hektar sogar noch ausweiten wird. Sehr wahrscheinlich wird sich durch den damit verbundenen zunehmenden Schwarzwildbestand das Schadenspotential an Agrar- und Gartenkulturen und ferner die Schweinepestgefahr für die landwirtschaftliche Tierhaltung enorm erhöhen. Es ist ein hausgemachtes Problem, dessen Lösung nicht abzusehen ist. Der Konflikt zwischen den Landwirten und Jägern jedenfalls wird sich weiter verschärfen. Und hinzu kommt: Ein „schlaues“ Wildschwein ist ungleich schwieriger zu erlegen als ein Reh oder gar ein Kaninchen.

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