Eine Schöpfung aus Apollos Feder

Für die Gattungen der höfischen und bürgerlichen unterhaltenden Gebrauchsmusiken, die teils auch reine Freiluftmusiken darstellten, schuf Mozart knapp vierzig Kompositionen. In dieser sehr umfangreichen Werkgruppe, deren einzelne Gattungen Serenade, Divertimento und Cassation in ihren Charakteristika fast ineinander übergehen, stellt die am 10. August 1787 fertiggestellte Serenade Nr. 13 G-Dur die zeitlich letzte Schöpfung dar. Ihre Entstehung verdankt sie einer unbekannten festlichen Gelegenheit. Weil auch Auftraggeber und Aufführung völlig im dunkeln liegen, nannte der Mozart-Biograph Alfred Einstein die Serenade „eines der bekanntesten, zugleich aber eines der rätselhaftesten Werke Mozarts“. Diese „Kleine Nachtmusik“ (der Titel stammt von Mozart selbst) mag wohl als ein später Nachhall der zahlreichen Serenadenkompositionen aus der Salzburger Zeit um 1775 gelten, doch die Vornehmheit der melodischen Linien wie auch die überlegene Themenverarbeitung verweisen auf den reifen Mozart der Wiener Ära. Darin entfernt sich der Komponist gedanklich von den Grundbedingungen der Gattung Serenade. Diese Abweichung geschieht aber nicht in Richtung symphonischer Größe wie vielleicht in der Haffner-Serenade (KV 250), in Form kühner Phantasie wie in der Bläserserenade B-Dur (KV 361) oder kammermusikalischen Ernstes wie im Divertimento KV 563 bzw. in Richtung leidenschaftlicher Seelenbekenntnisse wie in der c-moll-Bläserserenade (KV 388), sondern gerade in der Beschränkung und Einfachheit der Thematik und im Verzicht auf alle Effekte wie beispielsweise die Klangfarben der Holzbläser. Ursprünglich führte die reine Streicherkomposition fünf Sätze. Laut eigenhändiger Angabe in Mozarts thematischem Verzeichnis befand sich hinter dem ersten Satz noch ein zweites Menuett mit Trio. Dieses ist leider im Autograph nicht mehr vorhanden. Überraschende Wendungen im ersten Satz, die besser in die „ernste“ Symphonik gehören, der unruhige c-moll-Mittelteil der Romanze des zweiten Satzes, das chromatisch schmeichelnde Trio des Menuetts und die polyphone Coda des Finales sind bei aller Eingängigkeit Beispiele für den intellektuellen Komponisten Mozart und nicht für den naiv musizierenden. Denn der Wert dieser apollinischen Schöpfung ist niemals in Frage gestellt, wohl aber genausowenig im Sinne eines ernsteren Mozartbilds gedeutet worden. Die Vorstellung ausgewählter Mozart-Werke wird fortgesetzt.

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