„Wir sind ein liberales Haus“

Der Vorstandschef der Axel Springer AG, Mathias Döpfner (42), hält die Sorge um die Meinungsvielfalt in Deutschland angesichts der Übernahme des größten TV-Konzerns ProSiebenSat.1 für „nicht angemessen“. Gegenüber dem Spiegel behauptete er jetzt: „Wir sind ein bürgerliches, liberales Haus, liberaler als viele unserer Wettbewerber – und weil wir anders sind als der deutsche Meinungs- Mainstream, vielen ein Dorn im Auge.“ Wenn es um Springer gehe, liefen viele mit alten Klischees oder Feindbildern im Kopf herum. Für einen Teil der Springer-Kritiker mag das sogar zutreffen. Dennoch hätte man an dieser Stelle gern von Döpfner erfahren, wo dieses liberale Verständnis zum Beispiel im Herbst 2003 bei der perfiden Kampagne gegen den Bundestagsabgeordneten Martin Hohmann geblieben ist, gegen den insbesondere Springers Bild-Zeitung tagelang hetzte, bis er aus der CDU-Fraktion ausgeschlossen wurde (die JF berichtete). Anfang August hatte Springer, das größte Zeitungshaus Europas, angekündigt, ProSiebenSat.1 für insgesamt 4,15 Milliarden Euro zu übernehmen (JF 33/05). Noch prüfen das Bundeskartellamt, die Kommission zur Ermittlung der Konzentration im Medienbereich (KEK) und die Landesmedienanstalten die Fusion. Medienaufseher Norbert Schneider sagte der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: „Daß der Springer-Fall erhebliche Risiken birgt, wird jeder vernünftige Mensch erkennen.“ Die Kombination eines Massenblatts wie Bild mit dem Massenmedium Fernsehen dürfe man „sicher eine geballte Macht nennen – und bedenklich finden“. Die meisten Experten gehen allerdings davon aus, daß die Fusion genehmigt wird. „Parteipolitische Missionsarbeit könnten wir uns gar nicht leisten, das würden uns unsere Investoren nicht durchgehen lassen“, sagte Döpfner in dem Interview weiter. Die politischen Unternehmens-Grundsätze, die alle Springer-Mitarbeiter unterschreiben müssen, darunter das Bekenntnis zum transatlantischen Bündnis, zur Solidarität mit den USA und zum freundschaftlichen Verhältnis mit Israel, bezeichnete Döpfner als „Ausweis von Transparenz“. Zum Hinweis, daß Springer für die Übernahme die Schulden auf drei Milliarden Euro hochtreiben müsse, räumte Döpfner ein, es werde in den kommenden zwei, drei Jahren keine größeren Akquisitionen mehr geben. Außerdem will sich der Springer-Konzern von Immobilien trennen, darunter seinem Hamburger Zeitschriftenhaus. Wie das Handelsblatt berichtete, werde sogar der Verkauf des Berliner Stammhauses an eine Bank erwogen. Ob sich der Springer-Konzern vielleicht doch verhoben hat?

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