Joachim Kuhs

 

Herzblut

Auf die Bühne hat er sich in dieser Rolle nie getraut, doch nun erfüllte sich Placido Domingo einen Wunsch im Aufnahmestudio: einmal ganz Richard Wagners Tristan singen. Die EMI hat’s möglich gemacht und erstaunlich viel Geld in das Projekt investiert, angefangen bei prominenten Solisten selbst in eher randständigen Partien (Ian Bostridge als Hirte und Rolando Villazón als Seemann) bis hin zu unzähligen – und heute vor allem durch die Orchesterhonorare extrem kostspieligen – Aufnahmesitzungen im Studio. Sie haben es Domingo ermöglicht, Wagners hochvertrackt tenorale Herausforderung portionsweise einzuspielen. Eigentlich sollte man das Engagement der Plattenfirma allein schon ob des getriebenen Aufwandes mit dem Erwerb dieser Aufnahme lohnen, jedoch macht im selben Atemzug das Gerücht die Runde, daß mit dieser Oper denn auch Schluß sei mit teuren Musiktheater-Studioproduktionen. Womöglich hält auch die EMI künftig nur noch Bühnen- und Konzertmitschnitte feil. Also noch einmal Wagner mit Domingo, diesmal „Tristan und Isolde“. Das weckt Erinnerung an frühere Debatten, ob Wohlklang, Timbre und Legatokultur des im lyrisch-dramatischen Fach beheimateten Spaniers die Defizite bei Artikulation samt Vertiefung der jeweiligen Rolle ausgleichen können – Domingo hat im Wagnerfach bereits Tannhäuser, Lohengrin, Parsifal, den Erik im „Holländer“ und auch, endgültig ein Schritt aus seinem Stimmfach hinaus, Siegmund gesungen. Daß es sich bei Tristan um eine ellenlange und mörderische Partie für Heldentenöre handelt, macht die Sache jetzt alles andere als einfach, zumal die über 40 Bühnenjahre auch bei Domingos außerordentlich belastbarem Organ Spuren hinterlassen haben. Wer also Wagner mit Domingo ohnehin nicht mag, der wird an dieser Aufnahme erst recht keine große Freude haben. Im Zweifelsfall entgeht dem Verächter aber auch die wunderbar dunkel timbrierte Isolde von Nina Stemme, die just auf dem Grünen Hügel in dieser Rolle debütierte. Domingos Tristan ist gleichfalls jenen, die Oper gern mit dem Kopfhörer verfolgen, nicht wirklich zu empfehlen, denn hier werden alle Defizite dieses Kraftaktes, der einer nicht mehr rundum funktionstüchtigen Stimme abgetrotzt ist, gnadenlos offenbar: Wenn Dirigent Antonio Pappano und das hervorragend aufgelegte Covent-Garden-Orchester die Partitur richtig aufwühlen, wirkt Domingo kurzatmig. Vor allem in den tenorlastigen Passagen des zweiten und dritten Aktes macht sich – trotz Verteilung auf Aufnahmesitzungen – immer wieder vokale Ermüdung breit, klingt die Stimme gelegentlich matt und hohl, verflüchtigen sich alle Ansätze zu deutlicher Artikulation des Textes. Also bestenfalls ein prognostizierter Ladenhüter? Keineswegs. Man könnte beispielswegen argumentieren, daß es sowieso keine perfekte Tristan-Aufnahme gebe (in der Studioaufnahme von Carlos Kleiber singt René Kollo!) und daß Domingos vokales Umfeld die Schwächen des Tenors wettmachen würde. Das wäre nicht einmal falsch. Es gibt aber auch einen Grund, warum die Anschaffung dieser Einspielung lohnt, gerade weil Domingo mit im Boot sitzt, das Isolde im ersten Akt nach Cornwall trägt. Denn trotz der eigentlich unzureichenden Physis des Organs, trotz der nimmermehr taufrischen Stimmbänder, trotz mangelhafter Artikulation fasziniert Domingo durch das Feuer, mit dem er sich in dieses Unterfangen gestürzt hat: Hier vergoß ein großer Tenor nochmals Herzblut. „Was einzig mir geblieben“, stellt im dritten Akt der verwundete Tristan fest, bereits gezeichnet zum Abtritt von der Weltbühne: „ein heiß-inbrünstig Lieben“ – das trifft in gewissem Sinn auch auf den zu, der diese Worte hier singt.

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