Welcome, Mrs. Chance

Es war einmal ein Gärtner. Der arbeitete für einen reichen Mann auf einem großen Grundstück und tat seine Arbeit liebevoll und gründlich. Während seiner Freizeit sah er ausschließlich und ausgiebig Fernsehen. Eines Tages starb der reiche Mann. Der Gärtner trauerte. Da es nun leider keine Arbeit mehr als Gärtner gab, irrte er zunächst orientierungslos durch die harte Wirklichkeit außerhalb seines Gartens und geriet nach kurzer Zeit ohne eigenes Zutun in die höchsten Kreise der Politik. Dort sprach er viel. Er äußerte Weisheiten, die seines Berufs würdig waren: „Wer im Sommer ernten will, darf im Herbst nicht vergessen, zurückzuschneiden“, lautete eine davon. „Eine Blume muß man erst gießen, bevor sie wachsen kann“, eine andere. Weil dies alles so geheimnisvoll, so wahr und so unverbindlich daherkam, führte sein Weg unaufhaltsam nach oben. Die Medien schenkten ihm seine Aufmerksamkeit, Talkshowgrößen holten ihn in ihre Sendungen. Andere Politiker sponnen ihn in Intrigen ein, die letztlich immer nur für ihn selbst günstig ausgingen. Am Ende wurde er Kandidat für das Amt des US-amerikanischen Präsidenten. „Welcome, Mr. Chance“, Hal Ashbys oscarprämierte Politsatire von 1979, gehört zu den zeitlosen Filmklassikern. Die Klugheit des Narren innerhalb der menschlichen Komödie wurde kaum je anschaulicher inszeniert. Peter Sellers spielte diese Rolle als einfältiger und argloser Mensch, der mit guten Manieren das Spiel vollendet, das er aus dem Fernsehen kennt und dabei als scheinbarer Pol der Erkenntnis die dümmlichen Phrasen seiner Umwelt mühelos überstrahlt. „Der Staat muß ein Gärtner sein, er darf nicht der Zaun sein.“ Mit diesem Bewußtsein, einer „Politik aus einem Guß“ und zwei Prozent Mehrwertsteuer zusätzlich will Angela Merkel die Bundesrepublik in eine lichte Zukunft führen. „Der Staat muß ein Gärtner sein, er darf nicht der Zaun sein.“ Mit großem Ernst trug die Kandidatin diesen Satz vor, jedes Wort betonend. Es stellt sich die Frage, welches Signal dieser öffentliche Rückgriff auf weltbekannte Satire dem Wähler geben soll. Die Grenzen des Sagbaren könnten erreicht sein. Beinah jeder Bundesdeutsche wäre schließlich imstande, das Reformgerede der politischen Kaste wortgleich fortzusetzen, fiele bei Sabine Christiansen oder Maybritt Illner einmal der Ton aus. Steuerreform, Gesundheitsreform, Verschlankung, Entbürokratisierung, diese Phrasen sind geläufig. Der reine Appell an eine Wachstumsmetaphorik, wie sie dem bundesdeutschen Reihenhausbesitzer mit Vorgarten und Maschendrahtzaun aus Sicht der Kandidatin angemessen erscheinen mag, könnte daher als rhetorischer Durchbruch aufgefaßt werden, dem Aufmerksamkeit gewiß sein müßte. Ein Befreiungsschlag, der einen frischen Beginn möglich machen könnte. Allein, die Sorge will nicht weichen, daß es sich nicht um einen solchen subversiven Akt des kommunikativen Neuanfangs handelt, nicht einmal um eine bewußte Anspielung, sondern um einen weiteren Fall, in dem die Wirklichkeit der bundesrepublikanischen Innenpolitik die Satire eingeholt hat – ohne es zu merken. Der Kandidatin muß dies nicht schaden. Regisseur Ashby ließ seinen Gärtner am Filmende auf dem Wasser wandeln und entließ den Zuschauer mit der schmerzhaften Gewißheit, den Gewinner der nächsten US-Präsidentschaftswahlen vor sich zu haben. Man darf gespannt sein. Foto: Filmplakat (1979): Angela Merkels öffentlicher Rückgriff auf weltbekannte Satire gibt Rätsel auf

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