Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Von Mythen und Monstern

Was ist ein Mythos? Bevor man jetzt allerlei Gelehrte zu Worte kommen läßt, stellt man sich am besten ein kleines gefräßiges Monster vor, das von Zeit zu Zeit Futter braucht, auf daß es wachse und gedeihe. Ein solches Mythos-Monster ist die RAF. In diesen Wochen nun ist offenbar wieder einmal Fütterungszeit für die verblichene linksterroristische Rote Armee Fraktion: – In den Berliner Kunst-Werken wurde gerade die umstrittene RAF-Ausstellung eröffnet (siehe Kritik auf Seite 14). – Christoph Hein befaßt sich in seinem neuen Roman „In seiner frühen Kindheit ein Garten“ (Suhrkamp) mit der Polizeiaktion auf dem Bahnhof in Bad Kleinen am 27. Juni 1993. – In der Hamburger Edition ist der Band „Rudi Dutschke, Andreas Baader und die RAF“ mit Beiträgen von Wolfgang Kraushaar, Karin Wieland und Jan Philipp Reemtsma erschienen. – Die ehemalige RAF-Terroristin Astrid Proll reflektiert in dem Buch „Hans und Grete. Bilder der RAF 1967-1977“ (Aufbau Verlag) die Bilder, die die RAF inszeniert, beschworen und hinterlassen hat. – Butz Peters, der früher schon Bücher über die RAF geschrieben hat, erzählt in seinem neuesten Werk „Tödlicher Irrtum“ (Argon Verlag) noch einmal die Geschichte der RAF nach. – Für Aufmerksamkeit sorgte unlängst auch die Filmdokumentation „Stockholm 75“ des schwedischen Regisseurs David Aronowitsch. Darin wird der ehemalige RAF-Terrorist Karl-Heinz Dellwo porträtiert, der 1975 zu den Besetzern der deutschen Botschaft in Stockholm gehörte. So unterschiedlich dieses Futter im Geschmack auch sein mag, in jedem Fall nährt es doch genau jenes Mythos-Monster, das ein Vierteljahrhundert lang mordend durchs Land zog. Statt ihm also heute stets neue Nahrung zu geben, genügte es, sich seiner Geburtsurkunde zu erinnern. Da heißt es im „Konzept Stadtguerilla“ aus dem Frühjahr 1971: „Wir behaupten, daß die Organisierung von bewaffneten Widerstandsgruppen zu diesem Zeitpunkt in der Bundesrepublik und Westberlin richtig ist, möglich ist, gerechtfertigt ist. Daß es richtig, möglich und gerechtfertigt ist, hier und jetzt Stadtguerilla zu machen. Daß der bewaffnete Kampf als ‚die höchste Form des Marxismus-Leninismus‘ (Mao) jetzt begonnen werden kann und muß, daß es ohne das keinen antiimperialistischen Kampf in den Metropolen gibt.“ Am Ende dieses Kampfes hatte das Mythos-Monster RAF über 30 Tote auf dem Gewissen.

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