Was soll nur aus Deutschland werden?

In Berlin, wo er am 15. April 1925 zur Welt kam, vollendete sich auch seine Lebensbahn. Wolfgang Venohr starb am Mittwoch vergangener Woche kurz vor seinem 80. Geburtstag, für den seine Freunde schon Vorbereitungen getroffen hatte. Seit seiner Jugend und bis in die letzten Wochen und Tage kreiste sein Denken und Handeln um sein zentrales Thema: Deutschland als Lebensraum, als Geschichte, als Hoffnung, als Aufgabe und als Tragödie. Die auf Hochtouren laufende „Umvolkung“, die er besonders in Berlin beobachten konnte, und die Auflösung der Strukturen machten ihm angst und bange. Diese Sorge um die Zukunft drängte sich in den kurzen Wachphasen seiner letzten Lebenstage immer wieder in sein Bewußtsein: „Deutschland – was soll nur aus Deutschland werden?“ Diese letzten Worte spiegeln das Leitmotiv seines umfangreichen Schaffens als Historiker und Journalist, als Filmemacher und Buchautor. Weit mehr als zwanzig Bücher hat er geschrieben oder herausgegeben, die meisten in mehreren Fassungen und Ausgaben. Einige wurden Bestseller: Die „Brennpunkte deutscher Geschichte“ (1978), der Titel (zusammen mit Sebastian Haffner) „Preußische Profile“ (1980) und die Biographie „Fridericus Rex“ (1985). Zwanzig Jahre lang war er Chefredakteur von „stern tv“ und „lübbe tv“. An die 400 Fernsehsendungen hat er produziert, darunter vierzig in eigener Regie. In den Jahren nach dem Mauerbau galt Venohr als einer der besten Kenner der DDR. 1970 durfte er dort als erster westdeutscher Journalist mit seinem Kamerateam drehen. Seine Filme über die „roten Preußen“ gelten als Pionierarbeiten in der Fernsehberichterstattung über den zweiten deutschen Teilstaat. Die Republik Österreich war nach seinem Verständnis der dritte. Seine erst vor kurzem begonnenen und unvollendet gebliebenen Memoiren über die Jahre 1955 bis 1990 wollte er unter den Titel stellen: „Journalist für Deutschland“. Das trifft exakt seine Intention und seine Leistung. Mit fast allen seiner publizistischen Arbeiten hat er versucht, die orientierungslos gewordenen Deutschen in ihre Geschichte zurückzuholen. Er hat den Deutschen Impulse gegeben, ihre Einheit zu wollen und zu schaffen, ihre Zukunft als Volk zu retten. Ob seine Porträts und Biographien großer Deutscher oder seine zehnteilige szenische TV-Dokumentation „Dokumente deutschen Daseins“ – sein Schaffen verdeutlichte einem Millionenpublikum, wie prekär deutsche Geschichte immer gewesen ist, daß sie die Deutschen immer wieder vor große Gestaltungsaufgaben stellte. Aber in seiner kraftvollen, ganz in Bildern strukturierten Sprache vermittelte er auch, daß sich der Glanz deutscher Nationalgeschichte über die Jahrhunderte hinweg in immer neuen Facetten entfaltet hat und daß die deutsche Geschichte nicht auf die dunklen Seiten des Dritten Reiches zu versimpeln ist. Das hat ihm nicht nur Freunde gebracht, insbesondere nicht bei jenen „Eliten“, die in den Deutschen nicht mehr viel anderes als eine Schuld- und Sühne-Gemeinschaft sehen wollten. Wolfgang Venohr, dessen Leben und Arbeit ich mehr als zwei Jahrzehnte in großer menschlicher Nähe begleiten durfte, war einer der ganz wenigen deutschen Journalisten ohne die eingebaute „Schere im Kopf“. Er arbeitete mit heißem Herzen und klarem Verstand. Zeigefinger kamen in seinen Sendungen nicht vor! Seine jeweils mehrteiligen TV-Dokumentationen beispielsweise über die Deutsche Wehrmacht, über die Waffen-SS, über Hitler und die Deutschen oder auch über „Kriegsverbrechen der Alliierten“ (Ost und West!) dokumentierten die historischen Fakten, waren frei von Agitation, erzählten, „wie es denn gewesen“. Und sie liefen zur besten Sendezeit! Sieht man sich die Videoaufzeichnungen dieser Sendungen heute noch einmal an, hat man einen ernüchternden Gradmesser dafür, wie engstirnig, einseitig, kleinkariert und verbogen das Spektrum der öffentlichen Meinung der Bundesrepublik in den vergangenen zwanzig Jahren geworden ist. Sich auch sperrigen Themen der Zeitgeschichte zu stellen, war für Venohr immer auch die Aufarbeitung eigener Erfahrungen, ein Ringen um eigene Positionen. Schon die Stationen des Lebenslaufs hatten ihn in Berührung mit prägenden Ereignissen unserer jüngsten Geschichte gebracht: Als er geboren wurde, wählte man Generalfeldmarschall von Hindenburg gerade zum Reichspräsidenten. Als er sieben war, wurde Adolf Hitler Reichskanzler. Mit vierzehn erlebte er den Kriegsausbruch. Mit siebzehn wurde er Soldat, mit zwanzig sah er den Zusammenbruch des Reiches. Immer gegen die deutschen Separatstaaten gewandt In den Kinder- und Jugendjahren war die Familie ständig umgezogen: von Berlin nach Essen, von Essen wieder nach Berlin, dann nach Dessau und schließlich 1940 nach Posen. Die selbstverständliche Zustimmung der deutschen Jugend zum Staat Adolf Hitlers teilte auch er. Doch mit der (westpreußischen) Hitlerjugend in Gestalt einiger arrogant-schnöselhafter Führer, die gegenüber der polnischen Minderheit den „Herrenmenschen“ herauskehrten, verkrachte er sich damals gründlich. Zeitlebens, und auch damals, stand er zu seinem Motto: „Das deutsche Volk lieben wir, die andern Völker achten wir.“ Als er im Januar 1942 in einem Posener Kino einen halbstündigen Vorfilm über eine neu aufgestellte Elitetruppe, das motorisierte Regiment einer Waffen-SS-Division sah, war für ihn klar, daß er dort und so schnell wie möglich Soldat werden wollte. Im Oktober 1942 – der Krieg trieb in Stalingrad auf einen Wendepunkt zu! – rückte er nach Berlin-Lichterfelde zur 1.SS-Panzergrenadierdivision Leibstandarte Adolf Hitler ein und wurde Soldat. Er kämpfte in dieser Division in der Ukraine und bei Kursk, in Italien und der Normandie, in der Slowakei und im Endkampf an der Oder. Zweieinhalb Jahre war er dabei, 40 Mal erlebte er den Nahkampf, avancierte vom Kradschützen zum Kompanieführer, wurde ausgezeichnet mit dem Deutschen Kreuz in Gold (wie sein späterer Verleger Gustav Lübbe auch). Über diese Zeit stammt das letzte Buch aus seiner Feder, für mich sein bestes, blutvollstes, authentischstes: „Die Abwehrschlacht“. Seit seiner Heimkehr aus Krieg und Gefangenschaft hatte er wieder die Schicksale seiner Geburtsstadt Berlin geteilt: Hunger und Besatzungszeit, Blockade und Luftbrücke – all das hatte er nicht nur in den Zeitungen gelesen, sondern hautnah erlebt. Geschichte und Politik widmete er auch sein Studium an der Freien Universität Berlin. Als Schüler des aus der Emigration heimgekehrten nationalkonservativen jüdischen Neuhistorikers Hans Herzfeld, des Althistorikers Franz Altheim und des Zeitungswissenschaftlers Emil Dovifat promovierte er 1955 mit einer Arbeit über „Die operative Führung General Ludendorffs im Spiegel der deutschen Fachkritik“. Sein offener und selbstbewußter Charakter, seine politische Offenheit, seine ausgestreckte Hand über die ideologischen Gräben des deutschen Bürgerkriegs hinweg ließen ihn ausgesuchte Freunde und Förderer finden. Das Herz und das Wohlwollen Dovifats, des Altmeisters der Publizistik, gewann er durch seinen Berliner Witz. Die schlagfertig-hintersinnige Antwort, die er auf dessen Prüfungsfrage „Was ist die Publizistik?“ gab, ging selbst in Dovifats „Zeitungslehre“ ein. Sie lautete: „Ein immerwährender Prozeß“. Als Student in West-Berlin, der sich mit journalistischen Gelegenheitsarbeiten sein Studium finanzierte, fuhr Venohr des öfteren in den Osten. Der 17. Juni 1953 wurde zu einem Schlüsselerlebnis. Die journalistische Neugierde hatte ihn an diesem Tag in den Ostteil zum S-Bahnhof Stalinallee getrieben. Er hat diesen Tag oft rekapituliert. „Es regnete stark, als plötzlich aus der Moel-lendorffstraße Tausende von Menschen in einer Marschkolonne auf mich zukamen. Ich lief zur vordersten Reihe, wo die Vorarbeiter marschierten, und fragte: Wer seid ihr? Wir sind von Siemens-Plania, hieß es. Da wollte ich schon gehen, doch da riefen sie: Komm doch mit! Ich meinte, ich sei doch West-Berliner, aber sie sagten: Wir sind doch alle Deutsche, los, reih dich ein! Dann reihte ich mich ein und marschierte an der Spitze mit.“ Als die Menge angesichts drohend aufgefahrener russischer Panzer zusammenrückte und begann, das Deutschlandlied zu singen („Aber natürlich ‚Deutschland, Deutschland über alles‘, die anderen Strophen kannten sie ja nicht“, stand für den angehenden Historiker Venohr fest: „Die DDR-Bevölkerung wünscht mit ganzem Herzen die Wiedervereinigung. Ich habe an diesem Wunsch bis 1989 nie wieder gezweifelt.“ Immer hat er sich seither gegen die Verfestigung der nach dem Zusammenbruch des Deutschen Reiches erzwungenen Separatstaaten gewandt. Von der ungeschminkten Brutalität der Mauer bis zur hintergründigen Raffinesse, das „Deutsche“ langsam aber sicher durch das „Bundesrepublikanische“ und durch „das Grundgesetz“ zu ersetzen – alle Zwänge und Tricks, die angewandt worden sind, das deutsche Volk als Nation zu verunsichern und auseinanderzudividieren, hat er verachtet, publizistisch bekämpft und gegeißelt. Die Bonner Politiker liefen Sturm gegen seine Thesen Höhepunkt war das 1982 von ihm herausgegebene Buch „Die deutsche Einheit kommt bestimmt“, das in der öffentlichen Meinung der Bonner Republik allein schon durch seinen Titel einschlug wie eine Bombe. Die Medien und selbst das Plenum des Deutschen Bundestags befaßten sich damit. Führende Bonner Politiker, die sich kaum zehn Jahre später gern das Verdienst der deutschen Wiedervereinigung anrechneten, liefen Sturm gegen manche Thesen der Autoren, versuchten selbst den Verleger unter Druck zu setzen. Doch es half alles nichts: Die so gut wie eingeschlafen gewesene Diskussion über die deutsche Einheit war aufs Neue entfacht. 1989 wurde Venohr aufs Eindrucksvollste bestätigt. Hellmut Diwald schrieb ihm damals: „Was sich jetzt ereignet hat, war die grandioseste Bestätigung Ihrer jahrzehntelangen Überzeugung. Nicht die Bonner Politiker haben die Dinge bewegt, obgleich sie jetzt so tun, als ob. Sie haben die richtige Entwicklung vorausgesagt, ganz abgesehen von Ihrem jahrzehntelangen Wirken.“ Jetzt ist diese Stimme verstummt. Wolfgang Venohr kann nicht mehr seine Schreibmaschine einschalten. Er kann nicht mehr zornig seinen gefürchteten friderizianischen Krückstock schwingen und dreinschlagen, wenn es sein muß. Er kann keinen Mozart mehr hören und keine preußischen Märsche. Wir werden ihn sehr vermissen. Dr. Günther Deschner , Historiker und Publizist, arbeitete zehn Jahre lang als Journalist bei der Tageszeitung „Die Welt“. Später führte er einen Verlag.

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