Schutzgeist über Danzig

Rabenflug, die halbjährlich erscheinende Kulturzeitschrift für Literatur, Kunst und Geschichte, befaßt sich in ihrer jüngsten Ausgabe schwerpunktmäßig mit dem Thema „Deutscher Osten“. Ein Essay von Paul Fechter, 1955 erstmals erschienen, beschreibt jene fast mythischen Bilder aus West- und Ostpreußen, für die die Marienburg, jener 1280 als Residenz des Hochmeisters des Deutschen Ordens gegründeten Hochmeisterpalast, exemplarisch steht. Über den Zauber von Danzig schreibt Fechter, daß diese Stadt die schönste des ganzen Reiches war: „Eine seit Jahrhunderten gewachsene Stadt, der ein glückliches Schicksal die Einbrüche des sehr verwandten 19. Jahrhunderts gnädig erspart hat.“ Danzig war, so Fechter, „Ordenszeit und 17. und 18. Jahrhundert, Mittelalter und Renaissance, stärkste Gotik und ins Barock sich wandelnde Gotik – eine Bürgerstadt und eine Patrizierstadt … über Danzig hatte das saeculum historicum als Schutzgeist, ohne daß es jemand merkte, seine schützenden Hände gehalten; es war nicht wie Rothenburg, aus der natürlichen Unbekanntheit der Ludwig-Richter-Zeit plötzlich eine Sehenswürdigkeit und ein Reiseziel geworden, sondern es war in einem wunderlichen Ineinander von Stille und Gegenwart, von lebendiger Arbeit und ohne Absicht fast von selbst bewahrter Ruhe im Einst geblieben“. „Die Gegenwart hat ein schlaffes Gedächtnis“, zitiert die Herausgeberin Evelyn von Bonin in ihrem Editorial den Schriftsteller Hermann Rauschning. Heute habe selbst die „Verantwortung vor Gott und den Menschen“, die in der Präambel des Grundgesetzes Erwähnung finde, bei vielen Politikern ausgedient. Und wie kann man überhaupt ernsthaft von „Leitkultur“ reden, wenn die durch den Materialismus hervorgerufene „geistige Verwahrlosung“ dazu geführt habe, daß kaum noch jemand etwas mit Hölderlin, Kleist oder Schiller anfangen könne: „Jahrzehntelanges Desinteresse, oftmals ideologisch überfrachtet und unterwandert, hat die kulturelle Selbstachtung diskreditiert, siehe z.B. die deutsche Sprache.“ In ihrem Beitrag „Fremdheit ist anstrengend“ schreibt Ulla Lachauer am Beispiel der rußlanddeutschen Aussiedler über „Unwissen, Vorurteile und mögliche Annäherungen“. Sie und uns Hiesige trennten mehr als 200 Jahre Geschichte, schon lange vor Hitler und Stalin habe man „in ganz verschiedenen Welten gelebt“, und im Schnellverfahren sei das nicht zu überwinden. Zunächst als die „besseren Deutschen“ idealisiert, stelle man die Rußlanddeutschen in der heutigen ökonomischen Krise in den Medien vor allem als Kriminelle und Drogensüchtige dar. Dabei gehören sie historisch zu uns, wenngleich die meisten ebenso große Intregrationsschwierigkeiten haben wie die anderen Zuwanderer. Die Situation sei kritisch, schreibt die Autorin, auch weil Medien- und Volkesstimme in diesem Fall beinahe identisch sind. Was man bei dieser Beschreibung vermißt, ist der Hinweis, daß die Enttäuschung bei den Rußlanddeutschen über die geschichtsvergessenen deutschen Bundesbürger wohl mindestens genauso groß sein dürfte. Kontakt: Rabenflug. Herminenstr. 7, 65191 Wiesbaden. Einzelpreis 3,20 Euro, Jahresabo 6,30 Euro. Internet: www.zeitschrift-rabenflug.de

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