Flucht ins Märtyrertum

Im September 2000 löste der damalige israelische Oppositionschef Ariel Scharon mit einem von arabischer Seite als Provokation empfundenen Besuch auf dem Tempelberg blutige Auseinandersetzungen aus. Die Bilanz waren 65 Tote und mehr als tausend Verletzte. Die Unruhen wurden zum Beginn einer neue „Intifada“ in Palästina. Gewalt und Gegengewalt schaukelten sich hoch, und vor allem der Terror fanatisierter islamischer Selbstmordattentäter wurde zu einer schweren Last, die die israelische Gesellschaft immer noch zu tragen hat. Was bewegt Menschen dazu, sich selbst zu töten, nur um Wehrlose ermorden zu können? Westliche Beobachter vermögen die Motive der Attentäter nicht wirklich zu durchdringen. Hany Abu-Assad, 1961 in Nazareth geboren, hat nun hinter die Kulissen der täglichen Nachrichtenmeldungen geblickt und ein differenziertes Bild palästinensischer Lebenswirklichkeit gezeichnet. Khaled (Ali Suliman) und Said (Kais Nashef) sind Freunde seit ihrer Kindheit. Beide arbeiten in einer Autoreparaturwerkstatt in Nablus und besitzen gute Kontakte zum palästinensischen Widerstand. Nun hat die Organisation sie dafür ausgewählt, sich bei einem Racheakt in Tel Aviv als Selbstmordattentäter in die Luft zu sprengen. Die letzte Nacht ihres Lebens dürfen sie noch einmal im Kreise ihrer Familien im Westjordanland verbringen, ohne jedoch den Verwandten etwas von dem Vorhaben zu verraten. Als sie am nächsten Morgen mit Bomben präpariert und vom Organisationsleiter Jamal (Amer Hlehel) zur israelisch-palästinensischen Grenze gebracht werden, wo sie ein jüdischer Kollaborateur abholen soll, kommt es zu einem unvorhergesehenen Zwischenfall. Eine Patrouille erscheint, die beiden Attentäter verlieren sich aus den Augen. Während Khaled zur Organisation zurück flüchtet und sich vor dort aus auf die Suche nach seinem Komplizen macht, streift Said scheinbar ziellos durch das Land, an seinem Körper die tödliche Fracht, die nur die Fachleute der Organisation gefahrlos wieder entfernen könnten. Auf seiner Odyssee trifft er auf die gebildete junge Suha (Lubna Azabal), die nach Wegen des Widerstands abseits des Terrors sucht. „Paradise now“ führt in eine Welt der Perspektivlosigkeit. Eingekesselt von einer rigoros agierenden israelischen Militärmaschinerie sehen viele junge Araber keine andere Möglichkeit der Flucht aus den beengenden Verhältnissen ihrer besetzten Landstriche als die Rolle des „Märtyrers“. Dahinter stehen zudem Gruppenzwänge, Loyalitätsmotive und die Rache für erlittene Pein. Dabei entwickeln sich überraschende Wendungen: So wird aus dem Sohn des von den eigenen Leuten hingerichteten arabischen Kollaborateurs ein Selbstmordattentäter, aus der Tochter des Widerstandshelden eine selbstkritische Intellektuelle. Hany Abu-Assad hat ein bewegendes und in spannende Handlung eingebettetes Porträt junger palästinensischer Männer geschaffen. Ihre Gedanken, ihr Leben, ihre Verzweiflung angesichts der politischen Ohnmacht werden dem Betrachter eindrucksvoll nahegebracht. Auch die sozialen Unterschiede der Volksgruppen – Dritte Welt auf der einen, westliche Bikini-Mode, Hochhäuser und Schnellstraßen auf der anderen Seite des Zaunes – werden optisch hervorragend nahegebracht. Dabei hatte der Streifen 2004 in Nablus mit enormen Drehproblemen zu kämpfen. Palästinensische Hardliner glaubten, daß ein Film gegen die Palästinenser gedreht würde, und erschienen mit vorgehaltenen Waffen am Set, um die Arbeiten zu beenden. Andere Kämpfer fanden sich zum Schutz der Crew ein. An jedem Drehtag mußten die Arbeiten unterbrochen werden, weil Sperrfeuer in der Nähe zu hören war. Sechs deutsche Crewmitglieder verließen den Drehort, nachdem eine israelische Rakete in ein nahe parkendes Auto einschlug. Aus Sicherheitsgründen wurden weitere Drehs nach Nazareth, also auf israelisches Gebiet, verlegt. Die Charakterzeichnungen des Streifens gelangen derart präzise, weil der Regisseur ausgiebig die Vernehmungsprotokolle von Attentätern studiert hatte, die mit ihren Operationen gescheitert waren. Er las israelische Polizeiberichte und unterhielt sich mit ehemaligen Bekannten von Selbstmordattentätern, ihren Hinterbliebenen und Müttern. Die Freunde Khaled und Said sind deshalb wohltuend nicht als stereotype Figuren angelegt worden, erscheinen nicht als Terror-Monster, sondern als ganz unterschiedliche Menschen mit eigenen Lebensgeschichten. Seltsam an der Geschichte erscheint nur, daß sich der sensible Zauderer am Ende des Films für den entschlossenen Opfergang entscheidet, während der naive Fanatiker rasch erweicht. Diese verwirrende Drehung der Charaktere wird nicht ausreichend vermittelt und schlüssig erklärt. Khaled (Ali Suliman) (Foto)

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