Die ausgebliebene Sensation

Es ist ein heikles Gebiet, das der Berliner Historiker Rainer Karlsch zum Gegenstand seines neuesten Buches gemacht hat. Es geht um die mögliche Entwicklung einer deutschen Atomwaffe in der Endphase des Zweiten Weltkrieges. Karlsch ist sich sicher, daß diese Bombe, die wohl besser als „Atomgranate“ oder „Mini-Atombombe“ zu bezeichnen wäre, Realität wurde: „Deutsche Wissenschaftler waren es“, so behauptet Karlsch in der Zusammenfassung seines Buches, „denen im Herbst 1944, ein Dreivierteljahr vor den Amerikanern, die Freisetzung der Kernenergie gelang.“ Diese von der Deutschen Verlagsanstalt (DVA) als „Sensation“ angekündigte Erkenntnis steht allerdings auf eher schwachen Füßen: Karlsch kann für seine zentrale These keinen schlagenden Beweis bieten. Die offensichtliche Lücke zwischen der Reklame für dieses Buch und dessen inhaltlicher Substanz, ist sowohl Karlsch als auch der DVA übel vermerkt worden. „Etikettenschwindel“ gehörte noch zu den harmloseren Angriffen, die sich Verlag und Autor gefallen lassen mußten. Zu alledem leistete man sich auch noch eine Pressekonferenz, auf der der auf diesem Gebiet als Kapazität schlechthin gehandelte Wissenschaftshistoriker Mark Walker, der Karlschs Arbeit eigentlich positiv gesonnen ist, schlicht und einfach erklärte: „Es gab keine deutsche Atombombe“. Da kann es nicht verwundern, daß sich einige Mitglieder der schreibenden Zunft für dumm verkauft fühlten. Entsprechend ungehalten fielen die Rezensionen aus. Nach dem ersten „Medien-Hype“ um dieses Buch ist jetzt weitgehend Ruhe eingetreten. Das Buch und sein Gegenstand scheinen kein Thema mehr zu sein. Karlschs „Bombentheorie“ gilt bereits als „entschärft“. Daß sich mit Karlsch endlich ein renommierter Historiker auch auf die Gefahr hin, abqualifiziert zu werden, in „revisionistischer“ Absicht dieses Themas angenommen hat, muß ungeachtet aller zu erwartenden medialen Verrisse als Fortschritt in der Sache bezeichnet werden. Bisher blieb das Thema „deutsche Geheimwaffen“ nämlich häufig, um es vorsichtig zu sagen, „esoterisch“ orientierten Kreisen vorbehalten, die dieses Thema als Bonanza ihrer eigenen, häufig abenteuerlichen Phantasien begriffen. Als eine Art Dammbrecher in der Diskussion um mögliche deutsche Atomwaffen versuchte sich in den zurückliegenden Jahren unter anderem der rührige Thüringer Thomas Mehner, der bereits 2001 mit einem gewissen Edgar Meyer im Rottenburger Jochen Kopp Verlag ein Buch mit dem Titel „Das Geheimnis der deutschen Atombombe“ publizierte. Da aber der Kopp Verlag auch jene „Esoterik“ publiziert, von der oben die Rede war, blieb eine wie auch immer geartete Auseinandersetzung mit den Thesen Mehners weitgehend aus. Ein anderer Autor ist Harald Fäth, der sich insbesondere mit den Ereignissen im thüringischen Jonastal in den letzten Kriegsmonaten beschäftigt hat. Er vermutet, daß dort kein „Führerhauptquartier“, wie immer wieder zu lesen ist, sondern eine unterirdische „Atomfabrik“ für die „Siegwaffenproduktion“ gebaut werden sollte. Karlsch verweist mit Blick auf Fäth und Mehner in einer Fußnote darauf, daß ihre Arbeiten „die einfachsten Regeln der Quellenkritik“ nicht beachteten, was zwangsläufig zu „Übertreibungen“ und „Fehlschlüssen“ führe. Dennoch gibt es zwischen diesen Werken und den Thesen von Karlsch eine Reihe von Parallelen in den Schlußfolgerungen, die zumindest den Verdacht nahelegen, daß Karlsch von Mehner und Fäth zumindest inspiriert worden sein könnte. So behauptet auch Karlsch, daß in Thüringen auf dem Truppenübungsplatz Ohrdruf (und auch auf Rügen) gegen Ende des Zweiten Weltkrieges Kernwaffen getestet worden seien. Bei dem Versuch in Ohrdruf soll es Hunderte von Toten gegeben haben. Karlsch kann für seine Behauptungen bisher unzugängliche Quellen aus russischen Archiven anführen; darunter eine Patentanmeldung von Carl Friedrich von Weizsäcker aus dem Jahre 1941, in der zum ersten Mal die Funktionsweise einer Plutoniumbombe beschrieben wird. Die (Mini-)Bombe, die am 3. März 1945 getestet worden sein soll, könne nach Karlsch allerdings nicht mit den US-Atombomben, die später Hiroshima und Nagasaki verwüsteten, verglichen werden, weil es den Deutschen an spaltbarem Material gemangelt haben soll. Sie mußten also andere Wege gehen. Diesen Weg soll eine Physikergruppe um Kurt Diebner und Walther Gerlach beschritten haben, die bisher als eher „zweitklassig“ kategorisiert worden waren. Eine andere entscheidende Figur soll der Waffen-SS-General und promovierte Ingenieur Hans Kammler gewesen sein, der als Chef der Amtsgruppe C im Wirtschaftsverwaltungshauptamt der SS in alle wichtigen Geheimprojekte in der zweiten Hälfte des Zweiten Weltkriegs involviert war. Kammler, der seit Ende des Krieges als verschollen gilt, war für die Bauarbeiten und für die Beschaffung von Arbeitskräften, meist aus Konzentrationslagern, zuständig. Karlsch ist überzeugt, daß der Kreis um Heisenberg, auf den der Fokus der Forschung bisher fast ausschließlich gerichtet war, von den Aktivitäten der SS nichts gewußt habe. Er ist des weiteren davon überzeugt, daß Kurt Diebner, Leiter des Referats Atomphysik im Heereswaffenamt und Organisator der deutschen Nuklearforschung, sowie Gerlach es schafften, eine unterkritische Masse in einer Bombe nach dem Hohlladungsprinzip zur Explosion zu bringen. Diese Behauptung hat Karlsch wohl die nachhaltigste Kritik eingebracht: Mit einer Hohlladung könne nämlich, da sind sich die Fachleute einig, eine Fusionsreaktion nicht erreicht werden. „Das kann und konnte nicht funktionieren“, zeigte sich zum Beispiel Detlef Lohse, ein renommierter Physiker auf dem Gebiet der Implosionsphysik, überzeugt. Auch bleibt Karlsch den endgültigen Beweis dafür schuldig, daß der Kernreaktor in Gottow, südlich von Berlin, wirklich gelaufen ist. Ob und inwieweit die Thesen Karlschs Bestand haben, werden wohl die Bodenanalysen aus Ohrdruf beweisen, die derzeit durch die Physikalisch-Technische Bundesanstalt in Braunschweig untersucht werden. Zu klären ist vor allem die Frage, inwieweit es sich um radioaktives Material aus der Nachkriegszeit handeln könnte. Möglicherweise hat die Rote Armee hier Kontaminations- und Dekontaminationsexperimente unternommen. Professor Uwe Keyser von der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt will nach einem Bericht von Ulf von Rauchhaupt für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (13. März) die Proben von Ohrdruf und Gottow einer „Prompten-Gamma-Analyse“ unterziehen. Mit dieser Analyse kann unter anderem auch errechnet werden, wann genau die Reaktionen stattgefunden haben. Diese Ergebnisse sollen noch in diesem Jahr vorliegen. Warum mit Blick auf das Thema „deutsche Geheimwaffenentwicklung“ bisher fast alle Publikationen mehr oder weniger im Trüben fischen müssen, erläuterte Rolf-Dieter Müller, Wissenschaftlicher Direktor des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes (MGFA) in Potsdam, in einem Beitrag für FAZ im Februar 2001. Müller stellte dort fest, daß den Amerikanern „nahezu alle deutschen Rüstungsgeheimnisse und Versuchsergebnisse“ in die Hände fielen. Bisher sickerte von diesen Geheimnissen, worunter auch die Projekte im Raum Jonastal/Ohrdruf fallen, nur von Fall zu Fall etwas durch. So berichtete zum Beispiel der renommierte britische Wissenschaftssender „Discovery“ im Dezember 2004 über ein Flugscheiben-Programm der SS mit dem Decknamen „V7“. In einem Skoda-Werk in Prag soll an einem Prototyp gearbeitet worden sein, der auf Konstruktionsplänen des Ingenieurs Andreas Epp basiert haben soll. Es wäre vor diesem Hintergrund wünschenswert, wenn das Buch von Karlsch (das zwangsläufig defizitär bleiben mußte) auch andere deutsche Historiker motivieren würde, das Thema Hochtechnologieforschung in der Zeit des Nationalsozialismus endgültig aus seinem bisherigen „esoterischen“ Kontext zu lösen. Rainer Karlsch: Hitlers Bombe. Die geheime Geschichte der deutschen Kernwaffenversuche. DVA, München 2005, gebunden, 416 Seiten, 24,90 Euro Foto: Atomkeller-Museum in Haigerloch: 1944/45 Kernspaltungsversuchslabor deutscher Atomphysiker wie Heisenberg und von Weizsäcker

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