Ihr Beispiel wird leben

Das ZDF hat es am vergangenen Wochenende für angebracht gehalten, zwei Stunden lang live aus London eine Parade zu übertragen, mit der Großbritannien das Ende des Zweiten Weltkriegs feierte, aus dem es als Sieger hervorging, wenn auch als ramponierter. Bei solchen Gelegenheiten wird der Kriegspremier Winston Churchill gefeiert und natürlich die Königin, die als junges Mädchen während des Krieges einen Fahrkurs für Militärkraftwagen absolviert hatte. Ihre Person wird als Symbol einer glorreichen Geschichte empfunden, mit der man sich identifiziert, und das Spektakel dient zur kollektiven Selbstvergewisserung und -erhebung. Das sei den Briten gegönnt. Doch welchen Grund kann es geben, derlei im öffentlich-rechtlichen Fernsehen in Deutschland auszubreiten? – Die Einschaltquote! Königsgeschichten aus England sind gefragt, und sie sind ja auch einfacher zu verstehen als die verzwickten Details der Geschichte. Dabei geht es nicht nur um Dresden, sondern auch um die frühe Erklärung Churchills, falls sein Land jemals in eine Situation käme wie Deutschland 1918, dann wünsche er ihm einen „bewundernswerten Retter“ wie den deutschen Diktator, und um seine Einlassung von 1937, sollte Deutschland zu stark werden, werde man es eben wieder zerschlagen. Churchill argumentierte machtpolitisch, nicht moralisch. Doch was interessiert das in Deutschland, wo die Geschichte auf dem Niveau vom Goldenen Blatt und dem Echo der Frau serviert und rezipiert wird? Wie kann man also erwarten, daß das deutsche Durchschnittspublikum mit einem Mann wie Stauffenberg etwas geschichtlich Substantielles verbindet? In der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin, Stauffenbergstraße 13-14, ging gerade eine Ausstellung zu Ende, die, Reemtsma übersteigernd, den Beginn des „Vernichtungskriegs“ der Wehrmacht auf den 1. September 1939 vorzudatieren versuchte. Stauffenberg selber ist heute kaum mehr als eine Figur aus dem politisch-korrekten Wachsfigurenkabinett des Fernseh-Professors Guido Knopp. Das System aus Bildern, Zeichen und Verweisen, kurzum, der geistig-kulturelle und politische Hintergrund, vor dem er erschien, ist nicht einmal mehr als Erinnerung vorhanden. Ohne die Kenntnis von Ernst Jüngers „Mamorklippen“ und dem „Geheimen Deutschland“ von Stefan George, zu dessen Königsjünglingen er gehörte, kann man Stauffenberg gar nicht begreifen und erst recht nicht, daß und warum er am 20. Juli 1944 Deutschland retten wollte. Sein Ruf vor dem Erschießungskommando: „Es lebe das heilige (respektive: ewige) Deutschland“, erscheint den Heutigen daher nur absurd, und es ist zumeist kein böser Wille, wenn sie ihn bestreiten. Die Gutwilligeren lassen ihn wenigstens als Ausdruck historisch bedingter Beschränktheit durchgehen. Es ist jedesmal possierlich zu sehen, wenn die deutschen Gesinnungsspießer aufmarschieren und vor der „Heroisierung“ der Männer des 20. Juli warnen. Der Verweis auf ihre „Widersprüchlichkeit“ ist als Vorwurf gemeint. Dabei ist doch jeder Mensch, der irgendwie von Belang ist, auch widersprüchlich, denn die Einheit und der Kampf von Gegensätzen ist ein Kennzeichen des Lebens selbst. Kleingeister aber fühlen sich davon überfordert, also denunzieren sie sie. Eifernd, neunmalklug, selber stets den eigenen kleinen Vorteil suchend, lassen sie sich darüber aus, daß die Hoeppners, Stülpnagels, Tresckows den aktuellen Anforderungen an einen demokratischen, zivilgesellschaftlichen – und couragierten Verfassungspatrioten eben doch nicht entsprachen. Zurück zu Churchill: Es ist bekannt, daß er über das Scheitern des 20. Juli erleichtert war. Er hat das am 2. August 1944 im Unterhaus offen ausgeprochen. Und US-Präsident Roosevelt sorgte sich um die „Verschlimmerung“ der Revolte. „Schlimm“ war für ihn der mögliche Erfolg, nicht ihre blutige Niederschlagung. Damit nicht genug, gab die BBC die Namen von Mitverschwörern preis, die Kontakt zu den Briten gesucht hatten, und lieferte sie der Gestapo und Roland Freislers Blutgericht aus. Die Frage, ob die Verhaftungen kurz vor dem 20. Juli, die in den Verschwörer-Kreisen zusätzlich zu Panik und Hektik führten, nicht ebenfalls auf diskrete Winke der Alliierten zurückgingen, drängt sich auf. Jedenfalls scheint es ihre Absicht gewesen zu sein, die potentielle Führungselite, die für die Zeit nach Hitler bereitstand, von diesem schnell noch ausrotten zu lassen. Hitler sollte das Schicksal Deutschlands sein und bleiben. Dieses Schicksal scheint sich unaufhaltsam zu vollenden. Eine merkwürdige, weltweit wohl einmalige Perspektive auf die eigene Geschichte hat sich in Deutschland durchgesetzt. Das Handeln des deutschen Widerstands wird daran gemessen, inwieweit es den Vorstellungen der Alliierten entsprach. Aus diesem Blickwinkel muß es skandalös erscheinen, daß Stauffenberg nicht von Anfang an die bedingunglose Kapitulation herbeisehnte, sondern diese verhindern wollte. Da entschlüpfte der Altliberalen Hildergard Hamm-Brücher bei den – von Guido Knopp geleiteten – Aschaffenburger Gesprächen im vergangenen Jahr das Bekenntnis, das Scheitern des 20. Juli habe sich als ein „Glücksfall“ und eine „historische Notwendigkeit“ für die demokratische Entwicklung erwiesen. Den Nationalsozialismus „bis zum bitteren Ende auszuhalten“ sei als „Lektion“ nötig gewesen. Die Zahl der Toten war in den letzten Kriegsmonaten höher als in den Jahren zuvor, die Zerstörung der deutschen Städte wurde jetzt flächendeckend, der Osten ging unter grauenvollen Umständen verloren – und eine deutsche Nachkriegsliberale nennt das einen „Glücksfall“. Frau Hamm-Brücher wäre beinahe zur Bundespräsidentin gewählt worden … Der international bekannte, in der Türkei lehrende britische Historiker Norman Stone äußerte in der deutschen Presse anläßlich des sechzigsten Jahrestags des Hitler-Attentats und jetzt zum wiederkehrenden Jahrestag des Kriegsendes: „Wir haben das Deutschland, das wir wollten.“ Das ist aus britischer Sicht bequem und drückt in jedem Fall die Überlegenheit der britischen Politik gegenüber der deutschen aus. Den Deutschen aber müßten solche Äußerungen zu denken geben. Ein Land, dessen Sinnen, Trachten und Handeln sich in der Erfüllung der Erwartung anderer erschöpft, besitzt kein Eigenleben mehr, es ist nur noch ein Reflexbündel, sonst aber antriebslos und ohne schöpferische Energie. Stone ist natürlich ein glühender Anhänger eines EU-Beitritts der Türkei, der vor allem Deutschland teuer zu stehen käme. Trotzdem ist der amtierende deutsche Außenminister nicht weniger glühend dafür. Stauffenbergs Scheitern ist ein geschichtliches Unglück, das nicht vergehen will.

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