Das unerfüllte Vermächtnis

Am 9. April 1945 wurde der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer nach zweijähriger Haft in Berlin auf direkte Weisung Hitlers im NS-Konzentrationslager Flossenbürg hingerichtet. Der 60. Jahrestag seines Todes ist Anlaß, an einige bislang wenig beachtete Motive und Ziele seines Widerstandes im Sinne eines Vermächtnisses nachzudenken. Bonhoeffer war einer der bekanntesten Theologen der Bekennenden Kirche, in der sich unmittelbar nach 1933 die Abwehr gegen das Eindringen deutsch-christlicher Irrlehren in Theologie und Kirche formierte. Als Leiter des Predigerseminars der Bekennenden Kirche geriet Bonhoeffer schon bald in die direkte Konfrontation mit der Gestapo, was ihm Rede- und Schreibverbot einbrachte. In dieser Auseinandersetzung wurde sich Bonhoeffer bewußt, daß ein bloß akademisch-geistiger Widerstand nicht ausreichte, um den Machtansprüchen des Nationalsozialismus entgegenzutreten. Aus dieser Überzeugung fand er sehr schnell den Weg in die inneren Kreise des aktiven politischen Widerstandes. Bonhoeffer begriff allerdings auch, daß die christliche Antwort auf die Herausforderungen des Nationalsozialismus nicht allein durch die Fixierung auf die deutsche Entwicklung der zwanziger und dreißiger Jahre zu finden sei. Er widersprach damit sehr deutlich der damals wie heute noch immer weitverbreiteten Legende vom „Irrweg der deutschen Nation“. Bonhoeffer erinnerte daran, daß der radikale Wandel von einem das christliche Abendland prägenden transzendenten zu einem das „moderne“ Europa prägenden immanenten Weltverständnis nicht in Deutschland, sondern in Frankreich mit der „Erklärung der Menschenrechte“ vollzogen worden sei. Urquell aller Souveränität, aller gesellschaftlichen Werte und politischen Ordnungen sollte (und soll bis heute) nicht mehr Gott, sondern die Nation sein. Mit der Französischen Revolution 1789 wurde „ein hemmungsloser Vitalismus“ mit einem universalen Anspruch nach außen und einem totalitären Anspruch nach innen entfesselt, der sich gegen alles richtete, was den vermeintlichen Interessen der eigenen Nation widersprach: „Leben, Geschichte, Familie, Volk, Sprache und Glauben“ wurden nach diesen Grundsätzen ihres religiösen Ursprungs beraubt und bis in die Gegenwart einer permanenten Neuordnung unterworfen. Nationalismus ist darum ein revolutionärer Begriff, der „unabweglich in den Krieg“, zur „Schreckensherrschaft der Guillotine“ und zur „Selbstzerstörung des Menschen“ führt. Es sei deshalb einer der „grotesken historischen Irrtümer“, so Bonhoeffer, „ausgerechnet Preußen als den Geburtsort und Repräsentant des Nationalismus zu bezeichnen. Es gab kein Staatsgebilde, das dem Nationalismus fremder, ja feindseliger gegenübergestanden hätte als Preußen. Preußen war Staat, aber nicht Nation. Es vertrat die Sache der Obrigkeit, des Seins, des Institutionellen. (…) Preußen stand der deutschen nationalen Sache mit tiefem Argwohn gegenüber, der bis in die Zeit der Reichsgründung und darüber hinaus immer wieder in echten preußischen Kreisen seinen Ausdruck fand.“ Diesen „echten“ preußischen Kreisen und Persönlichkeiten (Adel, Offiziere, Ministeriale, Diplomaten) fühlte sich Bonhoeffer weniger durch soziale Herkunft als durch Gesinnung und Verantwortungsbewußtsein eng verbunden, weil sie es verstanden hatten, mitten in einem „Prozeß der Verpöbelung in allen Gesellschaftsschichten“ christlich-abendländische Werte und Ordnungen zu verteidigen und das eigene Leben daran zu orientieren. Dazu gehört unter anderem die Beachtung der wichtigen, aber zunehmend vernachlässigten sozialen Kategorie der Distanz: „Wenn wir nicht den Mut haben, wieder ein echtes Gefühl für menschliche Distanzen aufzurichten und darum persönlich zu kämpfen, dann kommen wir in einer Anarchie menschlicher Werte um. Die Frechheit, die ihr Wesen in der Mißachtung aller menschlichen Distanzen hat, ist ebensosehr das Charakteristikum des Pöbels, wie die innere Unsicherheit, das Feilschen und Buhlen um die Gunst des Frechen, das sich Gemeinmachen mit dem Pöbel der Weg zur eigenen Verpöbelung ist. Wenn man nicht mehr weiß, was man sich und anderen schuldig ist, wo das Gefühl für menschliche Qualität und die Kraft, Distanz zu halten, erlischt, dort ist das Chaos vor der Tür.“ Bei diesen Zitaten handelt es sich nicht um gelegentliche, beiläufige Randbemerkungen Bonhoeffers, die sich einer verallgemeinernden Deutung entziehen. Vielmehr sind sie zentrale Aussagen seiner „Ethik“ zu Grundproblemen menschlicher Daseinsgestaltung, die er nach verschiedenen Seiten entfaltet hat. Wir dürfen sie als sein Vermächtnis ansehen. Nirgends findet sich bei Bonhoeffer ein Hinweis, daß sie nur für die Jahre 1933 bis 1945 geschrieben sind. Bonhoeffer hat mit diesen politischen, gesellschaftlichen und theologischen Positionen deutliche Unterschiede zu anderen Persönlichkeiten und Kreisen des Widerstandes markiert, die Bekennende Kirche ausdrücklich eingeschlossen. Selbstverständlich war sich Bonhoeffer bewußt, daß diese Aussagen als Ausdruck reaktionärer Gesinnung und restaurativer Absichten verstanden werden können. Er nahm die „billigen Verdächtigungen“ als die „bleibenden Vorwürfe des Pöbels gegen die Ordnung“ entschlossen in Kauf. Denn: „Wer hier weich und unsicher wird, begreift nicht, worum es geht.“ Beim Wiederaufbau Europas und Deutschlands ging es eben nicht um die Erhaltung oder Restauration bestimmter gesellschaftlicher Strukturen und politische Verfassungen, also um menschliche „Lösungen“. Es ging Bonhoeffer vielmehr um die durch Christus verheißene Erlösung des Menschen aus persönlicher Schuld und politischen Verstrickungen – nicht durch rituelle Schuldbekenntnisse an bestimmten Gedenktagen, sondern im Sinne wirklicher Buße durch radikale Sinnesänderung und Umkehr auf den Irrwegen menschlicher Selbsterlösung. Davon kann im Blick auf die jüngste Geschichte keine Rede sein. Sie bestätigt vielmehr ein weiteres Mal, daß aus dem gemeinsamen Widerstand gegen den Nationalsozialismus kein gemeinsamer Widerstand gegen andere ideologische und politische Herausforderungen erwachsen ist. Das Vermächtnis Dietrich Bonhoeffers ist deshalb bis heute nicht erfüllt. Foto: Dietrich Bonhoeffer im Garten einer Londoner Pension, 1939

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