Verlorene Perlen

Der aus Friedrichshafen am Bodensee stammende Liederschreiber Stefan Waggershausen galt in den 1980er Jahren als einer der erfolgreichsten und kreativsten deutschen Popmusiker. Überhäuft mit Preisen und Auszeichnungen aller Art, schrieb der heute 55jährige oft bitterstböse, sarkastische Texte über Verlierer und Gewinner der neonhellen Nacht, bizarre Typen und unerreichbare Frauen, Irrsinnigkeiten des Alltags oder die lauen Gefühle zwischen Nacht und Morgen. Bob Dylan, Kris Kristofferson, Kevin Johnson oder Randy Newman standen bei vielen Waggershausen-Songs Pate, wenn auch nicht immer sogleich erkennbar. Nach seiner (bis heute leider nicht auf CD wiederveröffentlichten) Werkschau „Herzsprünge“ von 1991 bereiste er die Südstaaten der USA, Louisiana, New Orleans, das Mississippi-Delta – eben das traditionelle, „andere“ Amerika, jenseits von Glamour, urbaner Hektik, Ellenbogenkapitalismus und greller Oberflächlichkeit. Heraus kamen dabei drei hochkarätige Alben („Wenn Dich die Mondfrau küßt“, 1993, „Louisiana“, 1995, „Die Rechnung kommt immer …“, 1997). Zwar fand dies alles zumeist unbemerkt vom Massenpublikum statt, trotzdem sind die Lieder dieser CDs viel zu gut, um sie der Vergessenheit anheimfallen zu lassen. Aus diesem Grund packte Waggershausen, der seit einigen Jahren erfolgreich einen Musikverlag betreibt, die wichtigsten und besten Lieder seiner von peppigem US-Folk, feurigen Cajun-Klängen, wilden Fiedeln, knarzenden Slidegitarren, lockeren Akkordeons und dem düsteren, wolkenverhangenen Swamp-Blues beeinflußten Südstaaten-Phase nochmals aus und stellte sie, teils überarbeitet bzw. neu abgemischt, für seine aktuelle CD „Unterm Cajun-Mond“ (Miau Musik/Alive) zusammen. Wer Waggershausen bislang nur von seinen Klassikern der Sorte „Hallo Engel“ oder „Zu nah am Feuer“ kannte, sollte hier die Ohren aufsperren: John Cougar-Mellencamp, Mink de Ville, John Fogerty oder – in Maßen – Tom Petty oder Bob Dylan können als musikalische Stichwortgeber der 16 Lieder gelten, die auf „Unter dem Cajun-Mond“ versammelt sind. Wir hören die bittere Moritat von „Laura“ und „Ramon“ im Land von „Spanish Moss“, live und ungeschminkt aus dem romantisch-aufstrebenden Zeitalter des „Huckleberry Finn“. Sanfte, einschmeichelnde, kaum rockende Gitarrenklänge konterkarieren zynische Verse („Herz im Arsch“, „Ich ras in freiem Fall“). Herrlich sarkastische Texte zu feinsten Popmelodien in bester Achtziger-Jahre-Tradition („Cassandra“, „Wenn Du mich heute sehen würdest“) paaren sich mit klassischen Bluesrockklängen über starke Frauen („Ich schieß Dir die Sterne“) oder gehörnte Ehemänner („Wer war heute nacht hier?“). Waggershausen experimentiert mit epischem Talking Blues à la Kris Kristofferson („Silberzungenteufel“) und verpackt die Handlung von „Sympathy for the Devil“ in bluesige Cajunklänge („Der schwarze Prinz“). Neben der Solofassung von „Bienvenue chez Salomé“, einer musikalischen Stadtführung durch das nächtliche New Orleans, die als Duett mit der ehemaligen „Miss World“ und späteren Hollywood-Schauspielerin Maria Conchita Alonso 1997 einen letzten Radiohit für Waggershausen bedeutet hatte, finden sich drei neue bzw. unveröffentlichte Songs auf „Unter dem Cajun-Mond“, von denen besonders die musikalisch mitreißende Single „Du schickst Dein Herz auf Reisen“ hervorzuheben ist. In Deutschlands Rockszene findet man kaum etwas mit Waggershausens „Louisiana“-Liedern Vergleichbares. „Unter dem Cajun-Mond“ ist eine aufrüttelnde Kollektion fast durchgehend phantastischer, aber leider im kommerzorientierten Popgeschäft der letzten Jahre radikal untergegangener Perlen.

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