Geistige Atemnot

Hat Egon Bahr das Willy-Brandt-Haus entweiht, als er die JF-Redakteure in der Berliner Parteizentrale zum Interview empfing? Aus den linksliberalen Medien dringt moralische Entrüstung, es herrscht ungläubiges Erstaunen über Bahrs arglosen Umgang mit den „Wölfen im Schafspelz“. Am Ende seines Interviews hatte er gesagt: „Willy Brandts Kniefall hat deutsche Schuld bezeugt. Aber kein Volk kann dauernd kniend leben.“ Eine solche Äußerung, vorgetragen auf einer Tagung der Friedrich-Ebert-Stiftung, schreibt eine Zeit-Redakteurin – „man hätte sich vielleicht sogar eine Träne aus dem Auge gewischt“. Doch wie konnte Bahr „ausgerechnet“ in dieser Zeitung nur solches sagen? Aus dem Auge der Hüterin des herrschenden Diskurses dringt eine Krokodilsträne. Bahr zu unterstellen, er sei hereingelegt worden, entspringt dem Wunschdenken derer, die sich an seinen Aussagen stoßen. Wer seine Karriere als Politiker und Publizist verfolgte, konnte an seinen patriotischen Motiven nie zweifeln. Henry Kissinger, amerikanischer Außenminister unter Richard Nixon und Gerald Ford, war sich über die Fernziele der Ostpolitik im klaren. Er bezeichnete Bahr kurzweg als „deutschen Nationalisten“. Bahr, ein vom NS-Regime gedemütigter Angehöriger der Kriegsgeneration, repräsentiert das, was den meisten deutschen Linken – trotz Mauerfall und Wiedervereinigung – ein Dorn im Auge ist: ein Deutscher, der sein Land liebt, weil er sich selber leiden kann. Die Psychologie der deutschen Linksliberalen ist anders gewirkt. Sie leiden an ihrem elitären Schuldkomplex, ununterscheidbar von narzißtischer Kränkung. Sie konnten ihren Vätern deren doppelte Erniedrigung – die Entwürdigung durch die NS-Verbrechen und die militärische Niederlage – nicht vergeben. Welch seltsame Motive in der Studentenrebellion ineinandergeflossen sind, gehört zum ideologiegeschützten Geheimnis der meisten ’68er. Die Deutschen als Nation, als Geschichtsnation und Schicksalsgemeinschaft taugen seither nur mehr als Objekt moralischer Entrüstung, als Kollektiv der Negativität. „Deutschland einig Vaterland!“ Als die Rufe auf den Leipziger Montagsdemonstrationen ertönten, verweigerten sich die westdeutschen Linken, peinlich berührt, dem Appell ihrer Landsleute. Erst als nach der Wiedervereinigung in der Ex-DDR die Lehrstühle frei wurden, entdeckten sie ihr Interesse am Osten. Willy Brandts Worte: „Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört“, mußten in ihren Ohren nur peinlich klingen. Der in den 1970er Jahren etablierte Verfassungspatriotismus hatte für Begriffe, welche die Nation als Kollektiv, als historisch gewachsenen Organismus voraussetzten, keine Verwendung. Doch wir erinnern uns: Jürgen Habermas, der Staatsphilosoph der Bundesrepublik, entdeckte in jenen Jahren das Erbe des 20. Juli sowie die Motive der Bürgerbewegung in der DDR als Elemente eines neuen deutschen Patriotismus – ein patriotisches Strohfeuer, das rasch wieder erstickt wurde. Unerhörte Worte kamen anno 1998 von dem neuen Kanzler Schröder. Plötzlich ging es um „deutsche Interessen“ in Europa, um Deutschland als eine „normale“ Nation unter den Nationen Europas. Als Zeichen der Normalität stellte er ein Stahlhelmporträt seines gefallenen Vaters auf den Schreibtisch. Danach adaptierte er sich in Wort und Tat dem politischen Curriculum der 68er Vollzeitpädagogen. Mit der Proklamation des „deutschen Weges“ gelang Schröder im September 2002 dann die Wiederwahl. Im Gedenkjahr 2004 überwogen die obligatorischen nationalen Schuldbekenntnisse (für beide Weltkriege). Zum 3. Oktober, dem deutschen Nationalfeiertag, den er alsbald deutscher Finanznot wegen abschaffen wollte, lud Schröder den Islamisten Erdogan („Europa ist kein Christenclub“) nach Berlin zu Preisverleihung („Quadriga“) und Festvortrag. Auf 2005 dürfen wir gespannt sein. Wohin Schröders „deutscher Weg“ führen soll, weiß er vermutlich selbst nicht so genau. Außenpolitisch bevorzugt der Kanzler Brüssel gegenüber Washington, sein Weg führt, ungenau markiert, von Berlin nach Paris und Moskau, nach Warschau und Ankara, schließlich an Rom vorbei nach New York zum ständigen Sitz im Weltsicherheitsrat. Immer unsicherer erscheinen die Bahnen, auf denen sich die deutsche Gesellschaft im Innern bewegt. Während die Grünen die tumben Teutonen über ihre multikulturelle Zukunft belehren („Vielfalt statt Einfalt“), zeichnet sich die Desintegration der Gesellschaft im Dickicht der Parallelgesellschaften ab. Was aber, wenn die politisch-sozialen Integrationskräfte nicht mehr vorhanden sind? Für Bahr ist patriotische Hinneigung zu einem „schwieriges Vaterland“ noch ein selbstverständliches Motiv. Doch wie steht es mit den Jüngeren? Aus der behutsam beschworenen deutschen „Leitkultur“ machten Unbedarfte erwartungsgemäß eine deutsche „Leidkultur“. Und noch ehe die Dinge benannt werden dürfen, heißt es „Aufstehen gegen Rechts“. Wer in diesem Klima geistige Atemnot verspürt, wer nach gedanklicher Pluralität, nach ernsthaften Debatten über die Zukunft verlangt, wird Bahrs Auftritt zu schätzen wissen. Herbert Ammon ist Historiker und forscht zum Thema „Linke und Nation“.

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