Eilfertiger Informant aus dem Sicherheitsbereich Literatur

Thomas Crepon alias „Klaus Richter“ war einer der seltenen Glücksfälle im konspirativen „Klassenkampf“ der Neubrandenburger Bezirksverwaltung. Von Herbst 1972 bis ins Jahr 1986 hinein machte er das Literaturzentrum zur unersetzlichen „Datenbank für die Staatssicherheit“ (Werner Liersch). Er wurde 1973 Parteisekretär des Schriftstellerverbands im Bezirk und hatte somit Einsicht in die Kaderakten seiner „Kollegen“, die ihn 1982 schließlich zum Vorsitzenden wählten. Er gehörte auch der „Literaturkommission“ des Postzolldienstes des Bezirks an, womit er die Entscheidungsbefugnis darüber bekam, welche Bücher aus Westpaketen ihre DDR-Leser erreichen durften und welche nicht. Erstes Opfer „Klaus Richters“ wurde die krebskranke Schriftstellerin Brigitte Reimann (1933-1973), die damals noch in Neustrelitz wohnte. Crepon wollte die Reimann-Tagebücher ausspionieren Als der „Inoffizielle Mitarbeiter“ den Arzt Rudolf Burgatz, den inzwischen vierten Ehemann der Autorin, aufsuchte, tat er das mit der Legende, er hätte ihm einen Brief mitzugeben, denn Brigitte Reimann lag damals schon im Krankenhaus von Berlin-Buch. In Wirklichkeit ging es Crepon kaum um Fürsorge und Anteilnahme am Schicksal einer todkranken „Kollegin“, sondern um die konspirative Suche nach den Tagebüchern einer in den letzten Jahren immer gesellschaftskritischer gewordenen Schriftstellerin, deren letzter Roman „Franziska Linkerhand“ (1984) erst elf Jahre nach ihrem Tod und dann auch noch in gekürzter, also ideologisch bereinigter Fassung erscheinen konnte. Diese Tagebücher sollten in seine Verfügungsgewalt als Leiter des Literaturzentrums und damit unter Aufsicht der Staatssicherheit gebracht werden. Zu seinem Bedauern mußte aber „Klaus Richter“ erfahren, so sein Führungsoffizier im Treffbericht vom 13. Oktober 1972, daß Reimann alle ihre Aufzeichnungen mitgenommen hatte ins Berliner Krankenzimmer, so daß sie nicht durch einen nächtlichen Einbruch ins Neustrelitzer Haus „gesichert“ werden, sondern nach 1989/90 in mehreren Bänden im Berliner Aufbau-Verlag erscheinen konnten. Wie effektiv „Klaus Richter“ arbeitete, geht auch daraus hervor, daß er gleichzeitig drei Führungsoffiziere in Neubrandenburg mit Informationen über „Kollegen“ wie beispielsweise die Lyrikerin Margarete Neumann (1917-2000) und den Erzähler Joachim Wohlgemuth (geboren 1932), Autor des Jugendromans „Egon und das achte Weltwunder“ (1962), aus dem Bezirksverband versorgte. Selbst Helmut Sakowski (1924-2000), ZK-Mitglied und schreibender Oberförster aus Neustrelitz, der mit Parteiromanen wie „Wege übers Land“ (1968) und „Daniel Druskat“ (1976) bekannt geworden war, blieb von Ausspähung und Nachstellungen nicht verschont. Auch ein aus dem „kapitalistischen Ausland“ anreisender Schriftsteller wie Walter Matthias Diggelmann (1927-1979) aus der Schweiz, wurde, so nachzulesen im Treffbericht vom 11. November 1976, obwohl DDR-Sympathisant, observiert. Die „unsichtbare Front“ aber, an der der „Inoffizielle Mitarbeiter“ in ständigem Einsatz Höchstes leistete, waren die jungen Autoren mit ihren kritischen und „staatsfeindlichen“ Gedanken. Am 6. Dezember 1979 beispielsweise war der Literaturwissenschaftler Dr. Tom Crepon gefragt. An diesem Spätherbsttag nämlich erschien ein aufgeregter Führungsoffizier im Dienstzimmer seines Zuarbeiters, zeigte ein Gedicht vor und wollte den Namen der Verfasserin wissen. Für die 1960 in Neubrandenburg geborene Lyrikerin Annegret Gollin hatte die Textanalyse verheerende Folgen: Sie wurde 1980 verhaftet und wegen „Verbreitung von Hetzschriften“ eingesperrt! Später wurde sie, während einer zweiten Haftstrafe im Zuchthaus Hoheneck/Erzgebirge, von der Bonner Regierung freigekauft. Selbst Literatur der Weimarer Zeit wurde bekämpft Die Genossen von der Sicherheit bekämpften aber nicht nur kritische DDR-Texte, sondern auch solche aus der Weimarer Republik. So wurde damals in Neubrandenburg ein Gedicht „Meuchelmord“ abgeschrieben und verbreitet, das einer Anthologie der Zwanziger Jahre entstammte, aber auf die Morde an der Berliner Mauer bezogen werden konnte. Dienstbeflissen interpretierte der konspirative Literaturexperte Crepon auch diesen Text im Sinne der Staatssicherheit: „Viel wesentlicher scheint mir die Frage zu sein: Wann, in welcher historischen und gesellschaftlichen Situation das Gedicht abgeschrieben wurde und warum das geschehen ist. Es handelt sich offenbar um einen Schreiber, der mit dem sogenannten Schießbefehl an der Grenze nicht einverstanden ist. Entscheidender für die Absicht sind der Titel ‚Meuchelmord‘ und die beiden Schlußfragen: ‚Wann endet dieses Meucheln?‘ und ‚Wer richtet hier?‘ Den Grenzsoldaten werde das Recht abgesprochen, Republikflucht zu verhindern!“ Im Jahr 1985 verließ Crepon Neubrandenburg, um in Güstrow Leiter der Ernst-Barlach-Gedenkstätte zu werden, was ihm aber trotz Intrigen und Denunziationen nicht gelang. Ob er damals bei seinen Führungsoffizieren in Ungnade gefallen war, ist nicht bekannt. Im Herbst 1986 jedenfalls fand er eine Anstellung im VEB Tierzucht irgendwo in der mecklenburgischen Provinz, von dort wurde er aber sofort zum „Studium der materiellen Produktion“ (Werner Liersch) in den Braunkohletagebau bei Leipzig abgeschoben. Immerhin in diesem Fall hatte der Kampfruf der Leipziger Bürgerrechtler von 1989 „Stasi in den Tagebau!“ Erfolg. Noch vor dem Mauerfall, im Sommer 1989, soll Crepon mit einem Visum des DDR-Kulturministeriums nach Lübeck ausgereist sein, wo er heute, abgeschirmt und ohne Eintrag im Telefonbuch, als Rentner lebt. Wer genaueste Kenntnis über sein Vorleben hat, ist der Berliner Schriftsteller Werner Liersch (geboren 1932), dessen halbstündiger Hörfunkbeitrag „Klaus Richter – Leben und Weiterleben eines IM“ am 21. Februar 1996 vom Hessischen Rundfunk ausgestrahlt wurde. Crepon wie Werner Liersch sind Biographen des Romanschriftstellers Hans Fallada (1893-1947), der in Greifswald/Vorpommern geboren wurde und in Berlin starb. In seinem einstigen Haus in Feldberg bei Neubrandenburg ist heute das Hans-Fallada-Archiv untergebracht. Was bei Literaturwissenschaftlern, die sich um einen Autor bemühen, zu einer fruchtbaren Konkurrenz hätte werden können, artete bei Crepon in konspirative Aktivität und Denunziation aus, wie die Akten erweisen. Er bezichtigte den unwillkommenen Konkurrenten bei seinen Führungsoffizieren eines undurchsichtigen Doppelspiels und verhinderte so weitere Westreisen Lierschs ins Hans-Fallada-Archiv von Neumünster in Schleswig-Holstein. Wie tief die Staatssicherheit in die Hans-Fallada-Forschung involviert war, wird ohnehin eine Forschungsarbeit erweisen, an der die Germanistin Sabine Lange in Feldberg zur Zeit arbeitet. Das Opfer wurde ausgeladen, der Täter triumphierte Als 1990 in Mecklenburg die Hans Fallada-Gesellschaft gegründet wurde, wählten die Mitglieder Werner Liersch zum Vorsitzenden. Als drei Jahre später, zum hundertsten Geburtstag Hans Falladas am 21. Juli 1993, eine wissenschaftliche Konferenz einberufen wurde, schrieb Liersch an den einladenden Germanistikprofessor Gunnar Müller-Waldeck von der Universität Greifswald einen Brief und schilderte ihm ausführlich die extensive Untergrundarbeit Tom Crepons für die Staatssicherheit, wie er sie in seinen Akten gefunden hatte. Das Gegenteil dessen, was Liersch erwartet hatte, trat ein: Das Opfer wurde ausgeladen, der Täter triumphierte! Der Vorstand der Gesellschaft wandte sich gegen den „Nestbeschmutzer“ und erklärte, die Konferenz dürfte „nicht durch diese Auseinandersetzungen belastet werden“.

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