Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Pankraz, John Locke und die Ängste des Sekretärs

Ich veröffentliche diesen Versuch nicht zur Belehrung von Männern mit schneller Fassungskraft und weitem Blick; solchen Meistern gegenüber bin ich selbst nur ein Schüler; und ich warne sie deshalb im voraus, daß sie hier nicht mehr erwarten, als was ich aus meinen eigenen groben Gedanken gesponnen habe und was für Leute meiner Art paßt."

Wer schreibt das und wo? Es sind die Einleitungssätze eines gewaltigen, über tausend Seiten dicken Buchs, das Geistesgeschichte gemacht hat, und sein Verfasser ist John Locke (1632-1704), der britische Philosoph, der jetzt anläßlich seines dreihundertsten Todestags am 28. Oktober in England als "Vater der Aufklärung, der empirischen Wissenschaft und der Demokratie" groß gefeiert wird.

"Ein Versuch über den menschlichen Verstand" ("An Essay Concerning Human Un-derstanding") heißt das Buch. Es erschien zum ersten Mal 1690, steht seitdem in allen anspruchsvollen Bibliotheken, und unvermindert beugen sich zahllose Meister der Fassungskraft über seine Seiten, um Belehrung daraus zu empfangen. Trotzdem waren Lockes demütige Anfangsworte gewiß nicht kokett gemeint. Er glaubte wirklich, nur Selbstverständlichkeiten, "grobe Gedanken", mitzuteilen, eine Art Lebensleitfaden für "Leute seiner Art" in schlichtem, unaufwendigem Stil.

Leute seiner Art – das waren die gebrannten Kinder des damals auch in England tobenden europäischen Bürgerkriegs: Katholiken gegen Puritaner, Monarchisten gegen Parlamentarier, Engländer gegen Schotten und Iren, Terror und Gegenterror, Königsmord und Cromwell-Diktatur. Locke, Sohn eines kleinen Landanwalts in Somerset, der im Krieg als königstreuer Rittmeister kämpfte und zu Tode kam, verkroch sich bis zum vierunddreißigsten Lebensjahr am Christ Church College in Oxford, studierte alles mögliche, hangelte sich von einer Graduierung zur anderen – bis er dem hochwohlgeborenen Lord Ashley Cooper, Earl of Shaftsbury, über den Weg lief. Diese Begegnung wurde zum Datum seines Lebens.

Lord Ashley, gerade aufstrebender Staatsmann, nahm den noch jungen, aber schon kränklichen und anfälligen Gelehrten unter seine Fittiche, und Locke wurde fortan zu einem festen Bestandteil der Familie Cooper. Er diente ihr als Sekretär und Beichtvater, Kinderarzt, Erzieher und Nachlaßverwalter und wurde zudem zum politischen Schatten des Hausherrn. Wenn dieser zum Lordkanzler aufstieg, bekam auch Locke ein hübsches Amt, wenn Ashley in Ungnade fiel und emigrieren mußte, fiel auch Locke in Ungnade und emigrierte. Nach der "Glorreichen Revolution" von 1689 hätte er Botschafter des neuen Königs Wilhelm von Oranien in Berlin oder Wien werden können, doch er blieb bei der Familie, begnügte sich mit einem bescheidenen Posten im Londoner Kolonialministerium und starb auf einem der Cooperschen Landgüter.

All das wirkt verwunderlich bei einem Mann, der als Fanfare des neuen Zeitalters der Vernunft und des freien Individuums gilt. Aber andererseits auch wieder nicht. Locke lehrte in seinem Essay, daß das Innere des Menschen, seine Seele, sein Verstand, so gut wie nichts sei, eine leere Wachstafel, auf die auswärtige Kräfte via sinnlicher Wahrnehmung ihre jeweiligen Botschaften schreiben. Das "freie Individuum" war von Anfang an und ganz und gar eine abhängige Rezeptionsinstanz. Draußen war Lord Ashley, drinnen war John Locke.

Leibniz hat auf die empiristisch-lockesche Devise, "Es ist nichts im Verstand, was vorher nicht in den Sinnen war", lakonisch erwidert: "Außer der Verstand selbst." Von diesem Einwand her entwickelte sich dann die ganze moderne Erkenntnistheorie, vom Kantschen Transzendentalismus bis hin zur Heisenbergschen Unschärferelation. Locke wollte von alledem nichts wissen. Verstandestätigkeit reduzierte sich für ihn auf bloßes "Verknüpfen" von Sinneswahrnehmungen, vulgo: auf biederes Aufschreiben dessen, was von außen diktiert wurde. Er war und blieb ein Sekretär.

Natürlich haben auch Sekretäre spezifische Tugenden: Genauigkeit beim Zuhören und Aufschreiben, spontane Abneigung gegen jegliche Spinnerei, Bescheidenheit, Gefühl für gutes Schriftbild und saubere Vorlagen. Alle diese Tugenden hatte John Locke. Und sie verbanden sich bei ihm, dem gebrannten Kind der grausamen Weltanschauungskriege, mit der großen Bitte an die äußeren Mächte, ihre Kämpfe nicht zu weit zu treiben, Toleranz zu üben, die Macht zu teilen, statt sie rücksichtslos auszuschöpfen. Das war Lockes eigentliche, bleibende Leistung

Er war einer der ersten frühneuzeitlichen Künder politischer und weltanschaulicher Toleranz, und der wirkungsvollste dazu. In den gleichzeitig mit dem "Essay" erschienenen zwei Abhandlungen über gutes Regieren wendet er sich, implizit zwar, aber mit Verve, gegen die Hobbes’sche Theorie vom "Leviathan" als dem angeblich notwendigen Weltpolizisten und Großpazifizierer und entwirft jenes Schema innerstaatlicher Gewaltenteilung, das zum Leitbild liberaler, repräsentativer Demokratie geworden ist.

Eine Frage freilich erschütterte seinen empiristischen Standpunkt lebenslang: die Frage nach Gott. Ist Gott eine "eingeborene Idee"? Das kann nicht sein, denn eingeborene Ideen gibt es nicht; auf dieser These beruhte ja die gesamte Lockesche Philosophie. Ist Gott demzufolge eine sinnliche Wahrnehmung? Nein, sagt Locke, das zu behaupten wäre gotteslästerlich. Aber hinter allen Wahrnehmungen zusammengenommen, argumentiert er, steht eine gewaltige Kraft, die sie überhaupt erst hervorbringt und in Bewegung setzt. Und diese Kraft ist Gott.

Im Essay steht allerdings auch das Folgende: "Klar sinnlich gegeben ist Gott nicht, er bleibt eine undeutliche Vorstellung. Und weil das so ist, erfordert jedes Reden über ihn und jedes Handeln in seinem Namen Behutsamkeit und Toleranz." Gut gebrüllt, Löwe! Bloße Sekretäre klingen anders.

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