„Ohne Verletzungen und Gräben“

Seit Monaten schwelt in der hessischen Landeshauptstadt Wiesbaden ein Streit über einige Verse des nassauischen Mundartdichters Rudolf Dietz (1863-1942), die ein paar eifrige Mitarbeiter des Stadtarchivs als „eindeutig antisemitisch“ bewertet hatten. Nachdem nun im September letzten Jahres der Stadtverordnetenausschuß für Schule und Kultur auf Antrag der Fraktion der „Linken Liste“, dem sich SPD und Bündnis 90/Die Grünen anschlossen, daraufhin mehrheitlich den Beschluß faßte, die Rudolf-Dietz-Grundschule in Wiesbaden-Naurod umzubenennen, schlug Oberbürgermeister Hildebrand Diehl (CDU) vor, doch zunächst ein unabhängiges Gutachten eines renommierten Historikers über Leben und Werk des Dichters und Pädagogen einzuholen. Vorgesehen für diese Aufgabe war ursprünglich der Professor für Neuere Geschichte an der Bundeswehr-Universität in München, Michael Wolffsohn. Nachdem die linken Fraktionen im Wiesbadener Rathaus Wolffsohn zuerst als ungeeignet empfanden, weil er ihnen zu konservativ erschien, ließen sie sich jedoch schließlich mit dem Hinweis auf die jüdische Abstammung des Historikers doch noch überreden. Nun hat der Wissenschaftler aber inzwischen den an ihn gestellten Auftrag angeblich „aus Zeitgründen“ abgesagt. Vermutet wird allerdings, daß Wolffsohn sich nach seinen heftig kritisierten Äußerungen über Folter – die er im Falle von Abwehrmaßnahmen gegen terroristische Bedrohung für gerechtfertigt ansieht – nicht erneut in das Feuer der Political Correctness begeben wollte. Die inkriminierten Verse des Mundartdichters soll nun der an der Universität Karlsruhe Neuere und Neueste Geschichte lehrende Karlsruher Historiker Peter Steinbach auf ihren antisemitischen Inhalt überprüfen. Anschließend soll Steinbachs Expertise unter seiner Moderation in der Öffentlichkeit diskutiert werden, „ohne dabei Verletzungen und Gräben innerhalb der Bevölkerung zu erzeugen“, wie Oberbürgermeister Diehl hofft. Steinbach, der zudem wissenschaftlich die ständige Ausstellung „Widerstand gegen den Nationalsozialismus“ und die Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin leitet, ist laut Diehl „hervorragend“ dafür geeignet, ein Gutachten über den umstrittenen Heimatdichter Dietz zu verfassen, da er dank seiner großen Erfahrung bei ähnlichen Auseinandersetzungen bereits mehrmals Kompromißlinien aufgezeigt habe, mit denen alle Beteiligten leben konnten. Allerdings dürfte man mit Steinbach wohl den Bock zum Gärtner gemacht haben. Im Juli 2001 hatte der Historiker dem seit seinem Austritt bei den Republikanern unabhängigen Stadtverordneten Hans Hirzel vorgeworfen, in der NS-Zeit die Widerstandsbewegung Weiße Rose verraten zu haben. Hirzel hat diese durch nichts bewiesenen Vorwürfe damals als „unsinnig“ bezeichnet. Zurückgewiesen wurden sie auch von Elisabeth Hartnagel, der Schwester von Sophie und Hans Scholl, die beide nach dem Verteilen von anti-nationalsozialistischen Flugblättern vom NS-Regime zum Tode verurteilt und hingerichtet wurden.

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