Milieustudien in der zweiten Reihe des Widerstandes

Theodor Haubach zählt sicherlich nicht zur ersten Reihe prominenter Politiker bzw. Publizisten der jüngeren deutschen Geschichte.“ Mitunter liefern erste Sätze wie dieser den „Haken“, um eine Rezension daran aufzuhängen. Wenn also Haubach politisch-publizistisch nicht ganz vorne mitspielte, warum dann eine Biographie schreiben, die erst nach 450 Seiten endet? Peter Zimmermann, der sich Haubachs Leben zum Thema seiner Hamburger Dissertation gewählt hat, gibt auf diese Frage keine befriedigende Antwort. Der Einleitung kann man entnehmen, daß am Werdegang des hessischen Sozialdemokraten das Schicksal einer Generation veranschaulicht werden soll. „Internalisierte Strukturen eines bestimmten Lebensgefühls“ seien aufzuzeigen, „bildungsbürgerlich orientiertes Verhalten“ widerzuspiegeln. Wenn von bildungsbürgerlichen Prägungen die Rede ist, greift der Doktorand des Jahres 2002 reflexartig zu Pierre Bourdieus Werken, erwartet sich dort Auschlüsse über kollektive Rituale, Distinktionen und die wohl kalkulierte Investition von Bildung als „Sozialkapital“. Auch Zimmermann kann darum der Versuchung nicht widerstehen, den französischen Meisterdenker zu Rate zu ziehen. Doch sowenig wie die inzwischen auch zur Mode gewordene Anleihe bei Ulrich Herbert, der mit seiner Rede von der „generationellen Erfahrung“ nur einen alten Hut der zwanziger Jahre neu aufgeputzt hat, so wenig befruchtet Bourdieu Zimmermanns Umgang mit Haubachs Biographie. Bourdieu oder Herbert – was von dort kommt, wirkt in dieser Arbeit wie angepappt, bietet nichts, was sich aus dem Material nicht selbst schon als Erklärung anbietet. Und dieses Material hat Zimmermann immerhin in ganzer Breite erschlossen. Insofern handelt sich wohl um das abschließende Werk zum Thema. Erstaunlich ist schon, was er über Haubachs Herkunft in detektivischer Kleinarbeit zu Tage fördert. Nach den Kriterien der „Nürnberger Gesetze“ war der 1896 geborene Großkaufmannssproß „Halbjude“, Sohn einer jüdischen Mutter. Mit Verwunderung registriert Zimmermann, daß diese Herkunft nach 1933 „kein Anlaß für Repressalien“ gewesen sei. Wie so oft im weiteren Verlauf der wahrhaft „dichten Beschreibung“ endet die Darstellung in einer gewissen Ratlosigkeit und Erklärungsnot, die aber allemal sympathischer ist als die Bemühung um „Exemplizierung“ nach abgegriffenen soziologischen Mustern. Und zur Enthaltung des Urteils gibt das widersprüchliche Leben Haubachs reichlich Gelegenheit. Bürgersohn, Kriegsfreiwilliger, Leutnant, Soldatenrat, Sozialdemokrat – so lauten die Stationen bis zum Übergang vom Kaiserreich in die Weimarer Republik. Warum der vor Verdun eingesetzte Grabenkämpfer Haubach nicht den Weg in die Freikorps ging, bleibt schwer verständlich. Daß die militärische Prägung ein Ausscheren nach Linksaußen verhinderte, scheint plausibel. Unklar bleibt auch, warum Haubachs künstlerische, literarische Neigungen, die er schon als Gymnasiast zusammen mit dem „Urfreund“ Carlo Mierendorff auslebt, nicht in eine schriftstellerische Karriere münden, oder warum Haubach sich in Heidelberg weniger dem sozialistischen Nationalökonomen Emil Lederer sondern dem liberalen Karl Jaspers anschließt, bei dem er 1923 auch promoviert. Weniger brüchig erscheint das Lebensbild erst in Haubachs Hamburger Jahren, als außenpolitischer Redakteur beim SPD-Blatt Hamburger Echo. Trotzdem, und dies hebt Zimmermann sehr deutlich hervor, sind „überparteiliche“ Aspekte des politischen Engagements nicht zu übersehen, primär die Unterstützung für die Europapolitik des rechtsliberalen Außenministers Stresemann. Nuanciert, wenn auch insgesamt viel zu breit, finden Haubachs innenpolitische Kampffelder Beachtung. Zimmermann verschwimmen hier leider in immer neuen Inhaltsreferaten der politischen Publizistik Haubachs die großen Linien, so seine Position als Anti-Hitler-Agitator des „Reichsbanners“ im Wust der Zitate zu verschwimmen droht. Die letzten Lebensjahre, die Haft nach 1933, das mühsame Überleben in einer ungeliebten Brotexistenz, die Versuche, sich rastlos lesend wenigstens privat in der geistigen Welt zu behaupten, schließlich die Wiederanknüpfung an den Widerstand, die konspirative Arbeit mit dem 1943 bei einem Luftangriff auf Leipzig umgekommenen Mierendorff, mit Männern des „Kreisauer Kreises“, dann die Verhaftung nach dem 20. Juli 1944, die Hinrichtung Anfang 1945 – hier kann sich Zimmermann einmal nicht im Material verlieren, weil die Untergrundarbeit wenig Spuren hinterlassen hat. In seiner Quellennot muß Zimmermann die Spurensuche sogar auf den „Schlüsselroman“ des schlesischen Dichters Gerhard Pohl („Fluchtburg“, 1955) ausdehnen, in dessen Mittelpunkt die Beziehung zu Gerhard Hauptmann steht, wo er aber am Rande auch an Haubach und andere „Kreisauer“ erinnert, die bei Pohl im Riesengebirge zu Gast waren. Ansonsten nutzt Zimmermann vor allem Ger van Roons Standardwerk über die „Neuordnung im Widerstand“ (1967), um Haubachs Anteil an der programmatischen Arbeit zu konturieren. So wollte der als Sprecher einer „Regierung Leber oder Goerdeler“ vorgesehene Haubach dem neuen Gemeinwesen „einen den ethischen und kulturellen Traditionen des Christentums verpflichteten Überbau“ geben. Foto: Haubach vor dem Volksgerichtshof 1944: Sich geistig behaupten Peter Zimmermann: Theodor Haubach (1896-1945). Eine politische Biographie. Verlag Dölling und Galitz, Hamburg 2004, 453 Seiten, gebunden, 30 Euro

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