In der Jauchegrube

Was nicht einmal zur Berliner Provinzposse taugte, soll nun zur Staatsaffäre werden. Dahin will Salomon Korn, der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, es mit aller Macht bringen. Es geht um die „Flick Collection“, eine der weltweit größten Privatsammlungen von Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts. Sie umfaßt Bildende Kunst, Malerei, Fotografien, Videokunst und Rauminstallationen. Im September soll sie in einem Anbau des Hamburger Bahnhofs in Berlin ausgestellt werden. Es ist an eine Dauerleihgabe von zunächst sieben Jahren gedacht. Korns Problem ist der Eigentümer der Sammlung, Friedrich Christian Flick, das heißt vielmehr dessen Großvater, der Großindustrielle, Wehrwirtschaftsführer und NS-Finanzier Friedrich Flick (1883-1972), der auch eine große Anzahl von Zwangsarbeitern beschäftigte und in Nürnberg verurteilt wurde. Das Angebot des Flick-Enkels, seine Sammlung in Berlin zu zeigen, stieß bei Bund, Land und der Stiftung Preußischer Kulturbesitz auf Begeisterung. Bei den Berlinern sowieso. Aus der verarmten Hauptstadt, die über keine Großindustrie und -banken verfügt und dementsprechend auch über keine Großmäzene, wird endlich einmal keine Hiobsbotschaft erschallen, sondern sie wird leuchten! Ohne die Kunstleidenschaft Flicks, der 7,5 Millionen Euro zum Ausbau des Museums beigesteuert hat, wäre das unmöglich. Bis zum 7. Mai herrschte, von ein paar Gewohnheitsnörglern abgesehen, nur freudige Erwartung. An diesem Tag formulierte Korn in einem Gespräch mit dem Handelsblatt, Flick betreibe „eine Art moralischer Weißwäsche von Blutgeld in eine gesellschaftlich akzeptable Form des Kunstbesitzes“. Es sei „mehr als bedenklich, daß sich die Bundesregierung dafür einsetzt“. Flick hat darauf in einem Offenen Brief geantwortet, die Einführung des Wortes „Blutgeld“ bedeute in der Konsequenz, daß er Blut an den Händen habe. „Mehr noch: Auch meine Kinder und Kindeskinder, jeder meiner Angestellten, der von mir Gehalt bezieht (…) – dieses Wort nimmt mich in Haftung für Taten, die mein Großvater begangen hat, für die er in Nürnberg verurteilt wurde, für die auch ich ihn verurteilt habe, für die ich aber nicht schuldig gesprochen werden kann.“ Das Wort ziele darauf ab, ihn zu kriminalisieren, ihn außerhalb der Gesellschaft zu stellen. Zu Korns Vorwurf, er habe nicht in den Zwangsarbeiterfonds eingezahlt, sagte er, daß dies bereits die Flick-Firmen getan hätten. Ein weiterer Beitrag hätte lediglich die Beiträge der anderen Firmen gesenkt. Korn verschärfte daraufhin mit einem zweiten Offenen Brief in der Süddeutschen Zeitung vom 18. Mai seine Angriffe. Das „Blutgeld“ sei ein wesentlicher Grundstock des Reichtums, den Flick heute genieße. Deshalb verlangte er von dem Museum, sich in der „Würde des Verzichts“ zu üben. Mit seiner Argumentation begibt Korn sich auf gefährliches Terrain. Er ist selber ein reicher Mann und soll doch nicht glauben, daß der Finanzkreislauf, an dem er partizipiert, kein „Blutgeld“ – wenn man davon denn reden will – enthält. Er will verhindern, daß der Name Flick, mit dem sich Ausbeutung und Zwangsarbeit verbinden, künftig auch für Mäzenatentum und Kunst steht. Solche Zusammenhänge sind aber eher die Regel als die Ausnahme, man muß nur Brechts „Fragen eines lesenden Arbeiters“ oder die ersten Seiten von Peter Weiß‘ „Ästhetik des Widerstands“ lesen. Walter Benjamin hat in seiner Siebten These über die Geschichte geschrieben: „Denn was (man) an Kulturgütern überblickt, das ist (…) samt und sonders von einer Abkunft, die (man) nicht ohne Grauen denken kann. Es dankt sein Dasein nicht nur der Mühe der großen Genien, die es geschaffen haben, sondern auch der namenlosen Fron ihrer Zeitgenossen. Es ist niemals ein Dokument der Kultur, ohne zugleich ein solches der Barbarei zu sein.“ Die Schätze, die die spanischen Silberflotten nach Europa brachten, erzählen auch von der Vernichtung der Inkas und Azteken. Die Reichtümer der Museen in den USA, England und Holland sind undenkbar ohne Sklavenhandel und koloniale Unterdrückung. Wenn man das zu Ende denkt, müßte man weltweit die Hälfte der Museen schließen. Nun sind Flick und die Zwangsarbeit ein deutsches Kapitel, dem die Deutschen sich stellen müssen. Das „Dritte Reich“ war nach Ausbruch und Ausweitung des Krieges außerstande, die einberufenen Arbeitskräfte aus eigener Kraft zu ersetzen. Die Zwangsarbeit war die grausige Konsequenz daraus, für die Fritz Sauckel, der „Generalbevollmächtigte für den Arbeitseinsatz“, 1946 in Nürnberg gehängt und Friedrich Flick in einem Nachfolgeprozeß zu sieben Jahren Haft verurteilt wurde. Das Kapitel der Zwangsarbeit war damit aber nicht beendet. Mehr als vier Millionen Deutsche, darunter 900.000 Zivilpersonen, die mit Zustimmung der Westalliierten in die Sowjetunion verschleppt wurden, mußten europaweit Zwangsarbeit leisten. Mehr als eine Million haben das nicht überlebt. Um es philosophisch gleichmütig und mit Benjamins Geschichtsthese auszudrücken: „Die jeweils Herrschenden sind aber die Erben aller, die je gesiegt haben. Die Einfühlung in den Sieger kommt demnach den jeweils Herrschenden allemal zugut.“ Das macht die Leiden der zur Zwangsarbeit nach Deutschland Verschleppten um keinen Deut geringer. Einzigartig aber sind die deutschen Reparationen und Wiedergutmachungsleistungen. Daß die Zahlungen oft nicht die Empfangsberechtigten erreichten – vor allem im Ostblock -, steht auf einem anderen Blatt. Über die dubiosen Hintergründe des in den neunziger Jahre aufgelegten Zwangsarbeiterfonds kann man sich in Norman Finkelsteins „Holocaust-Industrie“ kundig machen. Diese Grauzonen müssen berücksichtigt werden, bevor man die Teilnahme am Fonds zum Prüfsein für Moral erhebt. Was bleibt danach noch von Korns Anwürfen? Zunächst der Eindruck eines verbalen Amoklaufs und unversöhnlichen Hasses. In dem von der Süddeutschen veröffentlichten Schreiben taucht neunmal das Wort „Blutgeld“ bzw. die synonymischen Begriffe „mit Blut befleckt“ und die „Farbe des Blutes“ auf. Als „Blutgeld“ werden im Neuen Testament die dreißig Silberlinge genannt (Mt. 27,6), die Judas für den Verrat an Jesus erhält. Als er es den Hohepriestern zurückgeben will, lehnen diese es ab und kaufen dafür einen Friedhofsacker – eine gerade auch für die Gegenwart vielsagende Metapher. Wenige Abschnitte weiter ruft die Menge, die eben Jesus der Kreuzigung überantwortet hat: „Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!“ (Mt. 27, 25) Korn kann also wissen, was er tut. Seinen Angriff hat er durch persönliche Invektiven noch gesteigert: Der Großvater war ein Kriegsverbrecher, der Vater ein Steuerflüchtling und der Enkel ein Playboy – es muß wohl an den defekten Genen liegen. Der Eindruck einer deterministischen, ja biologistischen Weltsicht Korns wird dadurch verstärkt, daß er die nachgeborenen Deutschen bei anderer Gelegenheit gern als „Täterabkömmlinge“ bezeichnet. Er spricht dem Flick-Enkel das Recht ab, den dunklen Seiten der Familiengeschichte – die dieser gar nicht bestreitet, für die er sich ausdrücklich verantwortlich fühlt – „eine helle hinzuzufügen“. Der Name soll ewig verflucht sein, seine Träger sich als verflucht begreifen. Das Recht auf autonome Entscheidungen, auf Entwicklung, auf Freiheit wird ihnen abgesprochen. Doch halt, um der Verdammnis zu entkommen, gibt es eine einzige Chance: Sie wird personifiziert durch Jan Philipp Reemtsma, der die mit seiner Familiengeschichte „verbundene Hypothek (anerkannt) und mit allen Konsequenzen“ übernommen habe, glaubt Korn. – Vor allem hat er Jauchekübel über Millionen deutsche Soldaten geschüttet. Und dienen Reemtsmas Aktivitäten nicht vielmehr dazu, von der Familienhypothek abzulenken, sie zu kollektivieren? In der FAZ vom 9. April 1997 befragt, ob seine Familiengeschichte, etwa die Sponsorentätigkeit seines Vaters für Göring, nicht ebenfalls aufklärungsbedürftig sei, verlor er seine Contenance: „Betrachten Sie mich nicht als aufklärungsbedürftig!“ und: „Ich verbitte mir diese Art der Analogiebildung. Nehmen Sie das als generellen Einwand. Diese Art der Analogie verbitte ich mir.“ Und: „Das, was ich denke und tue, ist nicht entstanden aus einer innerfamiliären Auseinandersetzung.“ Diesem Ausbruch muß nichts hinzugefügt werden. Die Handlungsweise von Friedrich Christian Flick erscheint ungleich souveräner und moralisch allemal sauberer. Mit dem Verweis auf den Hamburger Öffentlichkeitsarbeiter hat Korn klargemacht, daß es ihm um mehr geht als nur um Flick. Er sieht die Deutschen in einer historischen Jauchegrube hocken, aus der sie sich auf keinen Fall hinausbegeben dürfen. Er verneint das Recht auf eine bessere Zukunft. Über seine Motive und Interessen ließe sich endlos spekulieren. Flick hat das Nötige dazu gesagt: „Ich jedenfalls habe mich mit meiner Familiengeschichte beschäftigt. Ich weiß, was mein Großvater getan hat. Die Deutschen wissen, was die Deutschen getan haben. Aber die Enkel haben kein Blut mehr an den Händen.“ Das ist der Konsens, den Korn anzuerkennen hat, sollen weitere Gespräch mit ihm überhaupt noch sinnvoll sein. Friedrich Christian Flick, Salomon Korn: Die jeweils Herrschenden sind die Erben aller, die je gesiegt haben

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