Früher Gegenspieler Kniébolos

Dem Leser der Pariser Tagebücher Ernst Jüngers, der „Strahlungen“, ist General Carl-Heinrich von Stülpnagel als Jüngers feingeistiger Chef und Gönner wohlbekannt. Die Aufzeichnungen des Hauptmanns Jünger sind gewiß das größte Denkmal, das von Stülpnagel gesetzt wurde. Der prominente „Pour-le-merite“-Offizier hatte viel von ihm erhofft. Der 1886 in Darmstadt geborene Soldat saß seit Februar 1942 als Nachfolger seines Vetters Otto von Stülpnagel als Militärbefehlshaber Frankreich in Paris. Einem brandenburgischen Adelsgeschlecht entstammend, folgte er zunächst akademischen Neigungen und studierte ein Semester in Genf, bevor er im Oktober 1904 als Fahnenjunker in das Leibgarde-Infanterie-Regiment Nr. 115 in Darmstadt eintrat. Im Ersten Weltkrieg kämpfte er als Kompaniechef an der West- und Ostfront, in Serbien, Rumänien und Mazedonien. Das Kriegsende erlebte von Stülpnagel im Lazarett. Bereits 1939 wurden Umsturzpläne diskutiert Nach dem Krieg schloß er sich für kurze Zeit einem Freikorps an, beteiligte sich am Kapp-Putsch und wurde dann in die Reichswehr übernommen, wo er unter anderem in der Heeres-Organisationsabteilung des Reichswehrministeriums tätig ist. Im 100.000-Mann-Heer lernt der Berufssoldat auch den späteren 20. Juli-Widerständler Ludwig Beck kennen, mit dem er längere Zeit die Abteilung „Fremde Heere“ im Truppenamt leitet. In der Wehrmacht verrichtet der Hesse seinen Dienst ab 1936 als Divisionskommandeur in Lübeck und ab 1938 als Oberquartiermeister im Generalstab des Heeres. Seine Distanz zum Regime wurde auch durch die wirtschaftlichen Anfangserfolge nicht verringert. Spätestens seit der sogenannten „Fritsch-Affäre“ 1938 wurde von Stülpnagels Reserviertheit zur Gegnerschaft Hitlers. Schon 1939 hatte der General mit Helmuth Groscurth und Erich Fellgiebel Umsturzpläne diskutiert. Den Frankreichfeldzug, den er verhindern wollte, bereitete er mit vor, nach dem raschen Sieg mußte er sich als Vorsitzender der Waffenstillstandskommission ermahnen lassen, „nicht (den) französischen Interessen Vorschub zu leisten“. Durch seine Kritik an der mangelhaften Vorbereitung des Feldzuges gegen die Sowjetunion, der im einbrechenden Winter vor den Toren Moskaus steckenblieb, überwarf er sich mit dem Oberbefehlshaber des Heeres Walter von Brauchitsch und schied aus dem Dienst. Im Februar 1942 reaktiviert, wird von Stülpnagel dann, seit 1939 General der Infanterie, Militärbefehlshaber in Paris. Über Caesar von Hofacker, der als Reserveoffizier in seinem Stab diente, hatte von Stülpnagel Kontakt zu dessen Vetter Claus von Stauffenberg. Spätestens ab Herbst 1943 wurde in Paris offen über Attentatspläne gesprochen. Wegen der ständigen Verzögerung des Anschlags auf Hitler wurde der General jedoch zunehmend ungeduldig. Endlich, am 18. Juli, unterrichtete ihn von Hofacker über den unmittelbar bevorstehenden Umsturz. Die Pariser Ereignisse lesen sich wie eine Kriminalgeschichte. Gegen 17 Uhr traf die telefonische Nachricht ein, daß der Anschlag geglückt und der Staatsstreich im Gange sei. Von Stülpnagel wird sofort unterrichtet, er gibt den Befehl, sämtliche Führer der SS, des SD und der Gestapo zu verhaften. Stauffenbergs Scheitern wird bekannt, von Stülpnagel versucht noch einmal, Generalfeldmarschall Kluge zu überzeugen: „Wir können nicht mehr zurück, Herr Feldmarschall. Die Tatsachen haben bereits gesprochen.“ Kluge soll dann gesagt haben: „Ja, wenn das Schwein tot wäre.“ Doch es war zu spät, von Kluge enthebt von Stülpnagel seines Amtes. Mit den wieder freigelassenen SS- und SD-Führern einigt er sich auf die Sprachregelung von Irrtum und Alarmübung. Von Stülpnagel wird am 21. Juli ins Führerhauptquartier befohlen. In der Nähe von Verdun, am Maas-Kanal bei Vacherauville, versuchte er sich zu erschießen – einer seiner Wahlsprüche war ein Satz des Stoikers Chrysippos: „In gewissen Lagen wird das Verlassen des Lebens dem Tüchtigen zur Pflicht.“ Er überlebt, schwer verletzt und erblindet. In Berlin wird ihm vor Freislers Volksgerichtshof der Prozeß gemacht, der mit dem Todesurteil endet. In einem Bericht der NSDAP-Parteikanzlei an den Reichsleiter Martin Bormann über den Prozeß gegen die Verschwörer heißt es zu von Stülpnagel: „Er war sich offensichtlich seiner Schuld bewußt und bat nicht um Gnade.“ Am 30. August 1944 findet von Stülpnagel sein Ende in Berlin-Plötzensee. Ernst Jünger notiert in seinem Tagebuch am 31. Mai 1944: „Sein vornehmer Charakter neigt der geistigen Wertung des Menschen zu. Sein Leben erinnert an das eines Wissenschaftlers, wie er sich auch auf langen Krankenlagern eine umfassende Belesenheit erwarb. Er sucht den Umgang mit Mathematikern und Philosophen, und in der Geschichte fesselte ihn das alte Byzanz. Doch darf man sagen, daß er als Feldherr gut führte, als Staatsmann gut verhandelte und als Politiker nie den Blick für unsere Lage verloren hat. Das alles macht verständlich, daß er von Anfang an einer der großen Gegenspieler Kniébolos (Hitler) gewesen ist.“ Heinrich Bücheler: Carl-Heinrich von Stülpnagel. Soldat – Philosoph – Verschwörer. Ullstein Verlag. Berlin 1989, gebunden, 390 Seiten, 44,90 Euro Wilhelm Ritter von Schramm: Der 20. Juli in Paris. Kindler und Schiermeyer Verlag. Bad Wörrishofen 1953, gebunden, 410 Seiten, vergriffen, nicht mehr lieferbar In dieser Reihe wurden bisher Eduard Wagner, Karl-Friedrich Goerdeler, Ulrich von Hassell und Helmuth James Graf von Moltke porträtiert. Foto: General Carl-Heinrich von Stülpnagel: „In gewissen Lagen wird das Verlassen des Lebens dem Tüchtigen zur Pflicht“

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